Ziegen haben eine Besonderheit, die die großen Yogis zur Verzweiflung treibt: Man kann sie nicht umstimmen. Man kann sie opfern, aber das Opfer ist niemals eine restlos befriedigende Lösung. Ziegen galten den alten Weisen als die Personifikation jener emotionalen Wendigkeit, an der nicht nur die raffiniertesten, intelligenten Konzepte, sondern auch sämtliche Yogamethoden scheitern, die darauf zielen, Genuss durch Kontrolle zu erreichen. Ganz besonders intelligente Leser mögen fragen: Warum sollte ein Yogi eine Ziege genießen wollen? Doch diese Art Intelligenz setzen wir hier nicht voraus.

 

Wissen Sie, was meine Hoffnung ist?

Dass irgendwann jemand besser lesen kann, als ich je schreiben konnte. Ich weiß, das ist eine unlautere Gegenüberstellung, doch es geht hier ja auch um etwas Irrationales, um Hoffnung. Und um eine Ziege. Unlogische Dualitäten sind es zuallererst, die Ziegen Appetit auf Salz machen. Obwohl der Verletzung oder dem Töten von Leben ganz abhold, opfern fortgeschrittene Brahmanenpriester seit grauer Vorzeit manchmal eine Ziege. Vorher flüstern sie der Ziege einen Spruch ins Ohr, dessen Sinn etwa meint: „Meine liebe Ziege, ich werde Dich aus bestimmten Gründen gleich schlachten. Sei jedoch darüber ganz unbesorgt, denn es wird mit Sicherheit ein Leben geben, in dem bist Du ich und ich bin Du. Dann wirst Du alles, was jetzt geschieht, völlig verstehen, und sowohl der Notwendigkeit wie auch der Gerechtigkeit sind zu dieser Zeit in jeder Hinsicht Genüge getan.“ Sie legte sich nackt vor mich hin.

 

Ihre Körperhaltung und ihre scheuen Blicke zu mir herauf erinnerten mich an ein schönes Opfertier, aus einer uralten, mir völlig unbekannten, zugleich jedoch zutiefst vertrauten Szenerie, eine Sequenz, aus der jegliche Moral herausretuschiert worden war, so dass nur unmäßige Ästhetik übrig blieb. Verblüfft registrierte ich, dass ihre Hände viel besser mit meinem Organ umgehen konnten, als ich selbst. Als sie leise: „Na, komm schon! Spritz mich auf die Titten!“, gesagt hatte, dachte ich verzweifelt darüber nach, ob es denn wirklich „mich auf die Titten“, heißen würde, oder nicht vielleicht doch eher „mir“. Es waren schöne, kleine Titten, hell und fest. „Und wehe, Dein Penis / Gibt Marießen setzt zu weniss!“, lispelte sie mit einem Augenaufschlag, dann richtete sie ihren Blick fest auf mein Geschlecht, erhöhte ihre Arbeitsgeschwindigkeit und hauchte: „Ihr Kinderlein kommet...“ Ich hatte das deutliche Gefühl, zu dieser Situation in irgendeiner Weise Stellung nehmen zu müssen. Dass dieser Penis, statt meine zutiefst ehrsame, entrüstete Moral durch sofortige Erschlaffung zu unterstützen, höchst aufrecht gewillt blieb, ihrem: „Willst Du jetzt wohl kommen? Na los, spritz mich an, Du Sau!“ zu gehorchen, und ihre in ihn wie in ein Mikrofon hineingeflüsterten Forderung bereits in den nächsten Sekunden zu erfüllen, rief in mir eine Mischung aus tiefem, kindlichen Erstaunen und verzweifeltem Entsetzen hervor. Mit einem Male begriff ich, dass es genau diese Mischung war, deren materielle Form herauszugeben sie soeben von mir verlangte. In gewisser Weise war ihre Forderung berechtigt, schließlich konnte ich mit dieser Empfindung nur sehr schlecht umgehen - andererseits: Was würde besser werden, wenn dieses gemischte Gefühl auf ihren bleichen Brüsten gelandet war? Ich hatte diese Frage noch nicht zu Ende gedacht, als sie bekam, was sie verlangt hatte. Während sie damit gurgelte, lachte sie mich aus.

 

Eine junge Psychologin hat mir später einmal gesagt, genau dies müsse das grässliche Schlüsselerlebnis gewesen sein, das mich fortan so liebesunfähig gemacht habe. Die Hand jedoch, die mir das weiß bekittelte Fräulein dabei fürsorglich lächelnd sanft auf den Arm legte, hatte Finger mit bis aufs Nagelbett heruntergekauten Nägeln, und außerdem hatte ich zu dieser Zeit auch Emma Davis, eine kleine Rothaarige mit leuchtend grünen Augen und schneeweißem Leib. Ganz bestimmt hat auch Emma Davis mir ihre Prinzessingeschichte und vom Vater König erzählt. Aber von Anfang an hatte ich dem breiten, melodiösen Texanisch von Emma Davis' dunkler, morgenluftklarer Stimme stets nur wie einem fremden, schönen Lied zugehört und mir selten Mühe gegeben, außer ihrer unersättlichen Lust etwas zu verstehen.

 

Die Andere ist Psychiaterin geworden, eine sehr gute, wie man sagt, eine, die ganz sicher nicht an den Fingernägeln nagt. Mit ihren einfachen Theorien davon, dass man von oben ebenso behandelt wird, wie man selbst nach unten hin handelt, und mit einigen wenigen, darauf beruhenden, so praktischen wie einfachen Übungen entzückt sie seit Jahren ihre Patienten und ihre Kollegen, all die müden, gestörten Geister des Abendlandes.

 

Nach über zwanzig Jahren entdeckte sie meine Adresse. Sie hatte wohl vor, mit mir einen intelligenten Briefwechsel zu führen. Was sie schrieb, klang belästigend schlau, viel zu gut angezogen hörte es sich an, für mich, der sie so unsagbar nackt in Erinnerung hatte. Klare, weltkluge Worte las ich von ihr, zivilisiertes Zeug, durch das sich der mäßige Charme einer gut gereiften Frau zog. Manchmal nur schien aus ihrem Text ein kleiner, mädchenhafter Spott hervorzublitzen, über meine redliche Mühe, ihr ebenso nett, so unverbindlich und realitätsverbunden zu erwidern. An einem Abend, als mir ihre informative Sachlichkeit plötzlich aufregend und gleichsam auch beleidigend unangemessen erschien - wie damals ihre Worte und Taten - habe ich versucht, diese Erinnerung anzusprechen, zwischen den gewundenen und beherrschten Zeilen meiner Antwort an sie. Sie ignorierte jede Anspielung, und als ich direktere Sätze folgen ließ, erwiderte sie zuerst, dass sie sich nicht erinnern könne, behauptete dann, ich müsse mich irren und etwas verwechseln, und schließlich, als ich immer weiter auf meiner Wahrheit beharrte, nannte sie mich mit damenhafter Entrüstung rundweg einen Lügner. Natürlich hat sie Recht. Wer die Welt nicht belügt, muss ein Lügner sein. Es war wohl nur eine - zudem psychologisch dermaßen leicht zu durchschauende - Phantasie. Ich muss das möglichst bald vergessen, sonst fange ich noch an, mir meine eigenen Lügen zu glauben und schade dadurch Menschen, die sich nicht nur grundlegend geändert haben, sondern die nie so waren, wie ich es behaupte. Es ist immer besser, wenn man so tut, als sei aus einem etwas geworden. Auch vor sich selbst.

 

Irgendwann habe ich auf ihre kurzen Briefe nicht mehr geantwortet. Als sie nachfragte, glaubte ich, die zerrende Angelegenheit mit nüchterner Knappheit dadurch beschließen zu können, dass ich erwiderte, es sei doch nach so langer Zeit ein recht nettes Gespräch gewesen, und man könne das ja nach weiteren zwanzig Jahren durchaus wiederholen. ‚Wahrscheinlich‘, dachte ich dabei, ‚Treffe ich Dich dann als voll aufgestrapsten, achtarmigen Kampfroboter...‘, und es breitete sich ein Grinsen weit über mein Gesicht hin, das mir, obwohl ich es nicht sah, überhaupt nicht gefiel. Ich gebe zu, dass meine Lösung nicht beispielhaft sein kann; sie lautet Ignoranz, und Ignoranz pflastert ja bekanntermaßen den kürzesten Weg hinab ins Königreich der Tiere.

 

In meinen prinzipiellsten Momenten glaube ich, dass sie mich von Ferne unter ihrer Reue leiden lassen möchte. Das zu wissen, und es mit meiner Geduld zu multiplizieren, könnte mir reichen. Aber ich ahne, dass es nicht zu Ende ist. An uns wirken Zeit und Tod und Gott und Schicksal - und Myriaden anderer Geschichten, nur, um diese eine Geschichte hier ihrer schlüssigen Verwesung zuzuführen, sie zu einem Abschluss zu bringen, mit dem alle zufrieden sein können. Keiner dieser hehren Größen wird eine solche Dekomposition vollständig gelingen, wie viele Exempel die Brahmanen und Priester auch an ihren Ziegen statuieren mögen. Ein kleiner, schäbiger Kitsch wird immer bleiben, ein schlecht verhohlener Porno, jener Rest, den die Engel hochstilisieren, damit sie ihre brutale Niedertracht weiter Liebe nennen dürfen. Und, ganz genau genommen, sind es diese Zeichen hier, die bleiben werden, nichtige Symbole in einer falschen Zeit. Man kann mit Worten Taten verraten. Man kann auch mit Taten Worte verderben. Ich übergebe meine Geschichte dem Urteil der Geschichte, nicht die Ziege dem Schlächter.

 

Vom Tod des Buddha werden hauptsächlich zwei Versionen überliefert. In einer davon hat eine alte Bekannte dem Erleuchteten eine Schüssel giftiger Pilze dargereicht. Die andere Geschichte sagt, der Buddha habe einen Streit eines Zuhälters und seines Kunden um eine kleine Ziege beobachtet, die beim Grasen in den Gemüsegarten eines Bordells geraten sei. Buddha habe sich, da die Streitenden das Tier zu zerreißen drohten, aus Mitgefühl mit dem wimmernden Zicklein eingemischt und sei von den Männern erschlagen worden.

 

 

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© Robert L. Sanatanas 2017

 

Die Ziege

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