Während des Gehens hatte er überlegt, ob er sich kurz vorher hinwerfen sollte. Oder hinsetzen, mit dem Gesicht zur Sache, was eine gewisse Würde besäße. Doch dann war er einfach weitergelaufen. Langsam. Schwelle für Schwelle, aufrecht, mit gesenktem Kopf. Mit beiden Händen hielt er sich den Mantelkragen vor dem Hals zusammen. Bis zum Schluss beobachtete er aufmerksam seine Schuhe.

 

Betretenes Schweigen herrschte im Waggon. Wo gesprochen wurde, geschah es im Flüsterton. Auf der anderen Seite des Abteilganges saß ein junger Mann. Schon seit einiger Zeit starrte er ausdruckslos auf den Bildschirm des kleinen Laptops, den er auf seinen Knien hielt.

„Der Junge macht es richtig. Er studiert. Was? Das Leben geht weiter, junger Mann?“

Der Angesprochene schaute auf und traf den anerkennenden Blick aus Herrmann Ludwigs hellen Augen.

„Wissen Sie, was ich gerade gelesen habe? Ich meine, was ich gelesen habe, genau, als es geschah?“

„Nein, was denn?“

„Diesen Artikel hier. Er behandelt das Missverständnis von der Schicksalsmaschine. Es geht um Juggernaut.“

„Und was bitte ist eine Juggernaut?“, fragte Herrmann Ludwig mit freundlichem Interesse, „Es klingt ein bisschen wie Jungfernhaut. Ist es etwas Zartes?“

„Herrmann!“ Frau Elisabeth Ludwig schürzte ein wenig die Lippen, entließ zwischen ihnen ein leises „Ts-ts!“ und schüttelte dazu in mildem Vorwurf den Kopf.

„Zart?“ Auch der Junge schüttelte den Kopf, „Eine unaufhaltsame Macht, die alles niederwalzt, das verstehen die Engländer unter einem Juggernaut. Die Bezeichnung haben sie während ihrer Kolonialzeit in Indien geprägt. Eigentlich war damit Jagganath gemeint, der Herr des Kosmos, dessen Statue während des hinduistischen Wagenfestes auf einem riesigen, geschmückten Fahrgestell thront. Bei jedem dieser Massenfeste kommt es zu zahlreichen Todesopfern, weil sich religiöse Fanatiker vor die großen Räder des Thronwagens stürzen, um sich ihrem Gott Jagganath hinzuopfern. Die haushohen, viele Tonnen schweren Wagen können, einmal in Fahrt gebracht, bei solchen Zwischenfällen fast nie rechtzeitig zum Halten gebracht werden. So ist der von den Briten verstümmelte Name des Gottes Jagganath zum Synonym für eine unaufhaltsame, alles unter sich begrabende Macht geworden.“

„Juggernaut also, wie?“

„Ja. Und dass ich das ausgerechnet vor einer halben Stunde lesen musste...“

„Himmel! So lange stehen wir schon? Eine halbe Stunde!“

„Fast schon eine ganze Stunde inzwischen. Und genau in dem Moment, als die Vollbremsung… Also im selben Augenblick lese ich zum ersten Mal dieses Wort.“

„Na, das ist ja tatsächlich eine sehr merkwürdige Übereinstimmung!“ Elisabeth Ludwig nickte den jungen Mann heftig an.

„Ja, nicht wahr?“ Der Junge senkte seine Stimme. „Nur: Ich bin am Leben… Ich meine, wir…“

„Es mag für Sie ja etwas gefühllos klingen“, ließ sich Herrmann Ludwig vernehmen, „Aber kommt Ihnen so etwas nicht auch überaus asozial vor? Wie sieht es denn danach aus, an den Wagen ihrer Juggernauten in Indien, und hier bei uns, vorn am Bug der Lokomotive? Der ganze Mist klebt dran. Kann heutzutage niemand mehr einen Selbstmord vollziehen, der etwas ästhetischer für die Zurückbleibenden aussieht? Im alten Rom ging das doch auch. Ich finde das hier reichlich rücksichtslos. Und gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, dass nach dem Tod doch noch etwas kommt, sagen Sie mir doch einmal ehrlich: Wie sollte man solchen Ferkeln denn nach dorthin irgendetwas Gutes hinterdreinwünschen? Nichts als Dreck hinterlassen, und dafür ins Paradies einziehen wollen? O nein, solchen würde ich als lieber Gott aber die Türe vor der Nase zuschlagen. Mit Absicht unter die Räder kommen und dann noch Vergünstigungen wollen? Mein lieber Freund, da hört es bei mir aber auf mit dem Mitgefühl. Ihr Juggernaut in Indien muss schön blöde sein, wenn er solche Strolche auch noch mit offenen Armen empfängt. Und das soll der Herr des Weltalls sein?“

„Herrmann!“

„Ja? Was denn? Irgendwas muss das ja wohl mit dem Kerl da draußen zu tun haben, dass ich mich so zu erregen habe, wenn wir schon bei mystischen Zusammenhängen sind! Würden wir hier sonst nicht alle für seine Seele beten?“ Ernsthaft schaute er die alte Dame mit dem Hütchen an, die sich aus einer der Sitzreihen weiter vorn hervorgebeugt, sich umgedreht und wütend: „Scht-scht!“ gezischt hatte. „Da brauchen Sie gar nicht so giftig zu starren, Verehrteste. Was so eine unüberlegte Tat nicht alles nach sich zieht. Unseren Lokführer zum Beispiel bringen sie ganz bestimmt gerade in ein Krankenhaus. Das ist die Regel, dass Lokomotivführer bei sowas einen Schock erleiden und ausgetauscht werden. Wird Ihr Juggernaut eigentlich auch ausgetauscht, wenn so ein komischer Heiliger sich hat unter seinem Wagen zu einer, na, wie heißen diese indischen Fladen doch gleich, auswalzen lassen? Was glauben Sie, wie lange es dauert, bis sie uns einen neuen Lokführer herangekarrt haben?!“

„Schweigen Sie, schweigen Sie! Unseliger!“, zischte die Dame aus verzerrtem Gesicht unter bebendem Hütchen.

Herrmann Ludwig winkte ab. „Ach was! Weniger Blowjobs in der Jugend - weniger Moralinsäure im Alter, Madame. Denken Sie lieber an Ihren Magen, in den muss morgen doch bestimmt mindestens eine halbe Weihnachtsgans rein, und ein paar Schachteln Pralinen für die vielen toten Kinder.“ Ruckartig verschwand das Gesicht der Alten wieder hinter ihrer Sessellehne.

„Herrmann“, murmelte Elisabeth Ludwig, „Das ganze Abteil hört zu!“

„Von wegen, meine Liebe. Sieh Dich nur um. Die haben alle mit ihren Telefonen zu tun, oder mit ihrem eigenen Gewissen. In welchem Waggon sitzen wir hier eigentlich? Ist es der achte oder neunte? Ich überlege nämlich gerade: Bei so einer Vollbremsung, und bis dann der Zug endlich ganz zum Halten kommt - die ganze Pampe von dem Kerl könnte sich jetzt genau unter unseren Sitzen befinden…“

„Herrmann!“

„Weiß man denn eigentlich, dass es ein Er war? Hat der Schaffner vorhin etwas dazu gesagt? Vielleicht war es ja auch eine Frau.“

 

Der Junge hatte aus dem Fenster gestarrt, hinaus in das dichter werdende Schneetreiben, hinüber zur weit sich dehnenden Bergkette. Jetzt wendete er sich wieder Ludwig Herrmann zu. „Es ist eine ganz kleine Figur“, sagte er leise, „Eine Schwarze. Mit riesengroßen Augen und ausgestreckten Armen. So, als wenn sie ein Steuer halten würde.“

„Wer?“

„Jagganath auf seinem großen Wagen“, murmelte der Junge.

„Unser Zugführer hatte bestimmt auch riesengroße Augen, als er vorhin…“

„Herrmann, wirklich!“, entließ Elisabeth Ludwig zwischen den Zähnen und lächelte dabei nett in die Gegend.

Herrmann Ludwig lächelte den Jungen an und zwickte seine Frau sanft in die Wange.

„Herrmann, Herrmann. Das sagt sie so oft, jeden Tag, immer wieder. Wenn sie es vergessen würde, ich würde am nächsten Morgen aufwachen und denken, ich hieße Paul. Wissen Sie, junger Mann, Mitgefühl lässt sich nicht erzwingen. Und Selbstmörder wollen entweder genau das, oder sie wollen einfach gar nichts. Im ersten Fall nennt man das Erpressung, und der sollte man nicht nachgeben, und im zweiten Fall ist es ja wohl sowieso egal, oder? Ich meine, wem es gleich ist, ob er lebt oder tot ist - was soll man sich mit ihm beschäftigen? Dabei haben wir noch Glück, bei denen vom elften September drüben ist es nicht so gut ausgegangen.“

„Und wenn es einfach ein guter Mensch war, der einen schwachen Moment hatte? Wenn es jemand war, dem es überhaupt nicht egal war?“

„Ja, ja, all das wissen wir natürlich nicht“, seufzte Herrmann Ludwig und lockerte sich den Kragen zwischen dem geröteten Hals und der blaugrauen Krawatte. Der Junge, ohne Schlips, tat ihm diese Bewegung unwillkürlich nach und rief: „Vielleicht konnte er ja einfach die Welt nicht aushalten, so, wie sie ist - ich meine, wie sie für ihn war.“

Mit einem Seitenblick auf seine Frau erwiderte Herrmann Ludwig: „Ich verstehe genau, was Sie meinen, junger Freund. Aber das hat Gott uns allen voraus, dass er die Welt immer noch erträgt. Und der natürliche Ausgang aus ihr, das ist unser Alter, will ich meinen, und nicht eine Lokomotive bei einhundertundzwanzig Stundenkilometern. Das ist würdelos und unästhetisch.“

 

Erneut kam der nervöse Schaffner durch den Wagen und bat noch einmal um Verständnis und Geduld. Der Junge schwieg lange. Dann sagte er zu Herrmann Ludwig, der sich leise mit seiner Frau unterhielt: „Sie haben ja durchaus in allem Recht. Aber wenn ihr Recht etwas ist, das mein Empfinden ins Unrecht setzt, dann…“

„Dann?“, fragte Herrmann Ludwig interessiert.

Das Gesicht der alten Dame erschien am Kopfteil ihres Sitzes. „Dann gehört so einer in die Hölle!“, rief sie und ließ ihren Kopf blitzartig wieder verschwinden.

„Schnauze, Du alte Sau!“, lachte Herrmann Ludwig gemütlich und legte seiner Frau, die tief eingeatmet hatte, beruhigend eine seiner großen Hände auf die Schulter. Dann sah er den Jungen ernst an. „Ich finde das sehr anständig, was Sie sagen, junger Mann!“, meinte er, „Das ist nur leider genau die Art Anstand, wegen der Sie es im Leben vermutlich einmal sehr schwer haben werden. Wie alt mögen Sie sein? Nein, lassen Sie mich raten: Fünfzehn, was? Unserer ist genau in Ihrem Alter - Gott, wie oft erzähle ich ihm das Gleiche. Und ebenso wie Sie hält er mich für mitleidlos und kalt. Aber sagen Sie doch einmal selbst: Wir reden hier seit gut einer Stunde über einen Unbekannten, der uns das Nachdenken über ihn aufzwingt, ohne dass wir auch nur das Geringste von ihm wissen. Vielleicht war er ja ein Mörder, dem das Weihnachtsgewissen zugesetzt hat? Wie viele Leute hier im Zug verpassen ihre Flüge, können Verabredungen nicht einhalten, bringen ihre Familien in Sorge?! Da soll ich mich zum Anwalt machen für so jemanden? Na, das glaube ich jetzt aber nicht!“

Verstört, traurig und trotzig schaute der Junge vor sich hin. Herrmann Ludwig betrachte ihn eine Weile, mit zärtlichem Lächeln. Dann sprach er leise: „Lieber Freund, Hitler hat uns eine wunderschöne Autobahn hinterlassen und gilt trotzdem nicht als lieber Mann, der manchmal eine schwache Stunde hatte. Na, jedenfalls derzeit nicht, was? Aber nein, Sie sollten das unbedingt in größeren Zusammenhängen betrachten. Würden denn Sie als Gott jemanden so enden lassen, wenn dessen Leben wirklich ganz und gar unschuldig gewesen wäre?“

„Herrmann, bitte. Es ist Weihnachten.“

„Es ist einen Tag vor Weihnachten. Und im Übrigen: Gerade deswegen.“

 

Von der Lokomotive her ertönte wie vorhin ein langgezogenes Heulen, dann setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung. Eine Laola des erleichterten Aufseufzens schwappte durch die Sitzreihen; man begann wieder lauter miteinander zu reden. Ein kleiner Bursche, der durch den Abteilgang zu seiner Mutter unterwegs war, geriet ins Stolpern, Herrmann Ludwig griff zu und stellte den Jungen mit einem kräftigen Ruck wieder auf die Beine. „Hoppla, Kleiner!“, lachte er, „Ein Opfer ist genug!“ Der Kleine strahlte unter seinem verrutschten Zipfelmützchen hervor.

 

Es wird dunkel. Immer noch schneit es große Flocken. Überall in der Straße, in der die Ludwigs wohnen, leuchtet Weihnachtsschmuck hinter den Fenstern. Vor dem Nachbarhaus steht ein Polizeiwagen mit stumm kreiselnden Blaulichtern. Die Nachbarsfrau ist im Gespräch mit einem Uniformierten und einer Frau in Straßenkleidung.

„Na, da kann ich mir aber ein kleines Grinsen nun doch nicht verkneifen!“, sagt Herrmann Ludwig und reicht dem Taxifahrer einen Geldschein nach vorn, „Bei unserem lieben Fielecke haben sie wohl eingebrochen? An die zwanzig Mal habe ich im letzten Jahr zu ihm gesagt: Kauf Dir eine Alarmanlage, Horst, wie unsere, das kostet Dich kein Vermögen und Du schläfst bedeutend besser. Na ja, was kann bei dem Knauser schon zu holen gewesen sein? Seine Frau haben sie ihm jedenfalls dagelassen, das wird ihn am meisten ärgern.“

„Herrmann, wirklich!“

„Fünfzehn zurück. Und Frohe Weihnachten!“, sagt der Taxifahrer.

Herrmann Ludwig sucht in den Manteltaschen nach den Schlüsseln für das Vorgartentor. Die Gruppe vor dem Nachbarhaus hat herübergeschaut und ist nun in Bewegung geraten. Vorn die Frau, die Nachbarin und der Uniformierte bleiben ein Stück zurück. Die Frau schaut Elisabeth Ludwig ernst an.

„Herr und Frau Ludwig?“ Ihre Stimme ist leise.

„Um Gottes Willen! Hat man etwa bei uns eingebrochen?“, ruft Elisabeth Ludwig. Sie stellt den kleinen Koffer in den Schnee und hebt beide Hände vor den Mund.

„Nein, Frau Ludwig, bei Ihnen ist nicht eingebrochen worden. Könnten wir vielleicht - könnten wir vielleicht ins Haus gehen?“ Es ist immer besser, wenn man sie erst einmal dazu bringen kann, sich hinzusetzen, die junge Kommissarin weiß das.

 

Herrmann Ludwig sieht die abgeschabte Lederbrieftasche in der Hand der Beamtin. Kurz zuckt er zusammen, dann beginnt er laut zu lachen. „Das glaube ich jetzt aber nicht!“, ruft er. Seine Augen haben sich geweitet. Er deutet mit dem Finger auf die Brieftasche und wiederholt, während er sich vor Lachen schüttelt: „Also das glaube ich jetzt aber nicht! O nein, junge Frau, das glaube ich aber ganz und gar nicht!“

Dann greift er sich den Besen mit den roten Borsten, der neben der Haustür lehnt und beginnt, mit kurzen, heftigen Bewegungen, den Schnee vom Gartenweg zu fegen.

 

 

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© Robert L. Sanatanas 2017

Juggernaut

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