Der Zug würde gegen Sonnenuntergang in Berlin ankommen. Ich schaute aus dem Fenster. Schnee auf weiten Wiesen. Leipzig war noch nicht vorbei.

Ein kleines, dralles Fräulein betrat das Abteil, in dem außer mir niemand saß. Sie hatte nur eine winzige, gelbe Tasche bei sich, die sie, nachdem sie sich schnaufend mir gegenüber hingesetzt hatte, mit einem gleichgültigen Fußstoß unter die Sitzbank beförderte. Ich nickte ihr kurz zu, schaute weiter aus dem Fenster und beobachtete sie angelegentlich in der Spiegelung des Glases.

Ungeniert betrachtete sie mich. Wenn ich es in der Scheibe richtig erkennen konnte, flog dabei ein geringschätziges Grinsen über ihr flaches Gesicht.

Ich wendete mich ins Abteil zurück, setzte mich bequem hin, und sie lächelte mich breit an.

„Biebel“, sagte sie.

„Spannend, Sie mal in Person zu treffen“, versetzte ich einfallslos.

„Näye! Mit i-e!“, erwiderte sie, „Und Inkriet mitm Vornahm! Hat de Biebel vielleischt än Vornahm?“

„Nein“, gab ich zu, „So weit ich das beurteilen kann, hat die Bibel keinen Vornamen.“

„Na sähnse!“ Wir schwiegen wieder. Frau Ingrid Biebel blätterte stirnrunzelnd im Faltblatt mit den Zugfahrzeiten.

„Un wie hääßen Sie, wännsch froochen dorf?“, fragte sie, die Augen weiter auf dem Papier.

„Oh. Johannes“, antwortete ich aufs Geratewohl, „Johannes Rückert heiße ich.“ Der Name stand auf dem Werbeschildchen über ihrem Sitz, „Sind’s die Augen? Johannes Rückert - der Optiker Ihres Vertrauens.“

„Wo fahrnsen hin, wännsch froochen dorf?“

„Ich fahre bis Berlin. Ich wohne dort. Weihnachtsurlaub. Ich fahre nach Hause.“

„Ich nich. Ich gomm von Zuhause.“ Sie lachte. „Gämmnitz, was früor mol Gorlmorxstadt war.“

„Ah ja.“ Ich schaute wieder aus dem Fenster.

 

Zufällig schien ihr Schuh an meinen geraten zu sein. Höflich schob ich mein Bein etwas zur Seite. Nur wenig später spürte ich deutlich, dass der Schuh nachgerückt war. Einige Male wiederholte sich das, dann war ich überzeugt davon, dass es Absicht sein musste. Erstaunt sah ich Ingrid Biebel an.

„Nu ja“, sagte sie, lächelte erneut und leckte sich die breiten Lippen: „Wie alt bisten, wännsch froochen dorf?“

„Vierunddreißig“, entfuhr es mir wahrheitsgemäß. Die Situation begann mir sehr unwirklich vorzukommen.

„Iche bin ärscht Ähnunzwanzsch“, log sie schamlos, „Ich säh grad bloß ältor aus, da is meine Frisöse dran schuld, die olle Kuh. Ich muss nach Buddpuss, zu än wichtschen Tärmien.“

Später, während des Hinausgehens, würde ich feststellen, dass sie zu dem Namen dieser Stadt höchstwahrscheinlich das Werbeschild über meiner Kopfstütze inspiriert hatte: „Familienurlaub in Putbus - immer ein Erlebnis!“

 

Sie arbeite vorübergehend als Sahnebonboneinwicklerin im Dreischichtsystem, plauderte Ingrid Biebel leutselig, und sie „mache gerade Kasse“ - was wohl krank geschrieben sein bedeutete. Nun hätte sie ein Hauptrollenangebot vom Puttbuser Theater bekommen. Ich hatte einige gemeine Ideen, was das wohl für eine Rolle sein könne und schwieg. Ingrid Biebel redete aufgeräumt weiter. Wenn sie einen Mann brauchen würde, führe sie einfach Zug, erzählte sie, und sie fügte mit einer gewissen Endgültigkeit hinzu, das sei bisher noch nie schiefgelaufen. Was sollte ich sagen? Ich sagte: „Ich verstehe“, und ich versuchte, ein altes, weises Lächeln zu zeigen und die Gänsehaut zu verbergen, die sich auf meinen Unterarmen abzuzeichnen begonnen hatte.

„Was vorschtähstn? Gor nischt vorschtähste noch nich, mein Glääner!“, versetzte Ingrid Biebel. Sie beugte sich ein wenig vor, legte mir vertraulich eine ihrer Hände aufs Knie und zwickte mich kumpanenhaft in den Oberschenkel.

Erschrocken und fragend sah ich sie an. Sie lächelte und leckte sich die Unterlippe.

„Ich hab's Dir ja gesoocht, wannsch immor Zuch fahrn tu…“, sagte sie. In ihre Augen war etwas unangenehm Schwärendes getreten. „Und nu, na, nu schlahchsch ähm gleichämahl zwäh Flieng mit änor Glabbe…“

Klatschend hieb Ingrid Biebel mir ihre flache Hand auf den Schenkel, und als sie sie wieder anhob, war ich tatsächlich verwundert, keine tote Fliege auf meiner Hose zu sehen.

 

Bereits eine Weile stand der Zug auf freier Strecke. Ich entdeckte es erst jetzt.

„Oho! Wir werden aber ordentlich Verspätung haben!“, bemerkte ich sinnlos, sehr laut, und mit einer mir unbekannten, viel zu hellen Stimme.

Das sei doch ganz hervorragend, denn so gewännen wir viel Zeit, erwiderte Ingrid Biebel fast flüsternd.

„Gewinnen?“, murmelte ich, „Wie meinen Sie denn das?“

Resolut erhob sie sich, und sie begann ohne weitere Umstände, die Vorhänge vor der Abteiltür zuzuziehen.

„Du hast doch nüscht dagähgn?“, fragte sie mich, über die Schulter zurückgewandt.

„Oh, aber nein nicht doch!“ Die Stimme war nun ein heiseres Piepsen.

„Na wasse nu? Nich odor doch?“, fragte Ingrid Biebel mit verschmitztem Grienen, „Wänn man de Männor nich immer die Äntschäädungen abnähm dät, da wär de Wält lange schon untorgegang.“

Gleich darauf flüsterte Ingrid Biebel heiser: „Sollste mal sähn, heut Nacht gäbsch Dor alles!“, und eine Ahnung von der Erbärmlichkeit dieses mit heißem, schlecht riechendem Atem angekündigten, allumfassenden Geschenkes durchfuhr mich tief. Inzwischen saß sie dicht neben mir, sie hatte mich fest umarmt, und eines ihrer Knien stieß immer wieder auffordernd in meinen Schritt.

„Hast orndlich Drieb, wa? Ich hab ja ooch Drieb. Abor Fäcken gibts ärscht nach Zwölwe, ärscht nach Zwölwe, hörschte, da machsch dor än häälschn Morgen am häälschn Abend...“

„Nach zwölf bin ich aber gar nicht mehr im Zug!“, entfuhr es mir schrill, und ich erschrak sofort tief vor meinem Lapsus. Was auch immer gesprochen werden musste - das hatte ich ganz bestimmt nicht sagen wollen. Da, schon hauchte mich wieder kalt und düster das Schicksal an, und es nahm seinen Lauf dadurch, dass Ingrid Biebel zärtlich ihren Kopf an meiner Schulter rieb und meinte: „Ich war schonn äwich niche mähr in Bärlien.“

„Sagtest Du nicht, Du müsstest so dringend nach Putbus?“, murmelte ich.

Ich versuchte, ihren Blick zu vermeiden, doch sie griff mir plötzlich resolut unter mein Kinn und starrte mich an.

„Mach Dor mal kääne Sorchen um meine Tärmiene, Buttpuss kann warten!“, erklärte Ingrid Biebel knapp, und sie vollführte eine wegwerfende Handbewegung, die in einem auffordernden Winken ihres kurzen, dicken Zeigefingers endete, „Ich hätt schon nach Hollewutt gähn könn, als ich ärscht fümmenzwanzsch war, und nich nuor so als Statistikerin! So. Unn jetze gomme mal rischtsch häor hior, Fümmwe gägen Ään kannsch Dor ja jätze schon ämal machen…“

 

Vielleicht ist an dieser Stelle doch die Erklärung angebracht, dass in dem Satz: ‚Fünf gegen Einen‘ die Fünf Ingrid Biebels fünf sich entschlossen meinem Hosenreißverschluss widmenden Finger meinte, wohingegen die Eins mein Geschlechtsorgan bezeichnete. Auch ich begriff diese Zusammenhänge erst, als mein Phallus, der gewissermaßen vor Entsetzen aufsprang, von diesen Fingern hart umschlossen worden war.

Wieso das alles dennoch funktionierte, weiß ich nicht. Möglich, dass die Biologie sehr viel weniger mit anderen Wissenschaften in Zusammenhang zu bringen ist, als man das von ihr gemeinhin annehmen möchte.

Ingrid Biebel führte meine Hand. Ihre Schamlippen hatten irgendwie scharfe Ränder - ich dachte an Schneidegrashalme und dann immer wieder das Wort Klappfotze, von dem ich völlig sicher war, dass ich es nie zuvor gehört hatte.

„Jätz kannst mor schonnämal ä bisschen de Dätten knietzschen“, verlangte Ingrid Biebel. Fassungslos wühlte ich im grauen Fleisch ihrer Brüste. Sie ächzte laut: „Hu! Hu!“, und: „Ork! Ork!“ dazu, murmelte: „Ja, zuhtsch orntlich dranne!“, und dann: „Aber fäcken ärscht nach Zwölwe, hörschte?! Fäcken ärscht nach Zwölwe!“, und ein Mal seufzte sie seltsam selig: „Hatts dior noch nie Eene gezaicht, wie dor Haase looft, hä? Ork, Ork!“

 

Dieses Etwas-über-sich-geschehen lassen. Diese erbärmlichen Anflüge von Schicksalhaftigkeit. Ich erlag ihnen immer wieder. Das fraß allen Sinn, das ließ die Götter sterben, und man blieb als bloße Maschine aus Fleisch übrig. Dazu noch diese inbrünstige und ohnmächtige Wut. Das war ich? So war das Leben?

„‘S Lähben is äh vorn Orsch, wänndste nich sälbst für’n bissel Spaß sorchen tust“, verkündete Ingrid Biebel, dicht an meinem Ohr, schnaufend ihre schlecht riechende Philosophie. „Nu kumme mal rischtsch här hier, seie mal nich so faul, mein Glähnor!“, seufzte sie, und sie drängte ihre Zunge zwischen meine Zähne. Die Zunge war dick und schmeckte wie heißer Gummi roch.

 

Ganz weit unten im tiefen Grunde oder aus höherer, kosmischer Draufsicht geschah das wohl alles richtig. Denn war er das nicht schließlich: Der sich erfüllende Traum des Mannes vom unerwarteten, unkomplizierten Abenteuer? Vielleicht wurden eigentlich alle Wünsche immer erfüllt - nur eben manchmal in so grotesker Verzerrung, dass man es gar nicht mehr bemerkte.

 

Ingrid Biebel, indes sie ihre Zunge gegen meine schnellte, orgelte träge, während ich immer weiter - der Leser möge mir verzeihen und vergessen können - das Wort Klappfotze dachte, in dicken, rosa Gummibuchstaben, sehr groß und direkt hinter meiner Schädelschale. Mühsam schob ich sie von mir; sie sah mich drohend an, etwas Uraltes im Blick. Ich entschuldigte mich brav und unglaubwürdig auf die Toilette.

„Na, dann geh schon, bevors Dor ins Hämde looft. Abor mache ä bissel hinne!“, entließ mich Ingrid Biebel generös und zupfte sich tugendsam einen Träger ihres BH’s auf der Schulter zurecht.

 

Ich lief durch den Zug und öffnete sinnlos Abteiltüren. Immer, wenn ich eine Schiebetür aufriss, sagte ich Klappfotze. Natürlich war es kein sehr erfolgversprechendes Unternehmen, ein leeres Abteil zu suchen, denn sie würde mir bald folgen, doch es beruhigte mich enorm, wenigstens irgendetwas für meine Rettung zu tun. Im vierten oder fünften Coupé, das ich öffnete, saß Reich-Ranicki und sprach gerade lachend zu einer aufgedonnerten Frau ihm gegenüber: „…und dann, hahaa, dann habe iff meine Taffe auf den Teppiff aufgefüttet und den Flüffel doch tatsächlich wäädergefonden!“ Er schaute mich an, ich sagte Klappfotze, und er fragte: „Äh, waff beliebten der Härr bätteföhn zu fagen?“

„Nein, was?! Sie fanden ihn in der Tat wieder? Also, das ist ja geradezu schier unglaublich!“, rief die Dame und sah mich entrüstet an. Ich stürzte aufs nächste Klosett und übergab mich heftig, es kann auch das Parfüm seiner Begleiterin gewesen sein.

Dann stand ich im Wagengang an einem halb heruntergelassenen Fenster, hörte dem Knattern des Fahrtwindes zu und atmete erleichtert. Kalte, klare Luft. Schneebedeckte, glitzernde Felder.

 

„Kennen Sie den Fürsten von Putbus?“, fragte mich plötzlich eine Männerstimme.

Ich drehte mich nicht in den Waggon zurück und schrie in die Fahrgeräusche des Zuges: „Nein, ich kenne den Fürsten von Putbus nicht! Aber den Kaiser von Japan kenne ich. Wir sagen Du zueinander. Erst gestern nachmittag haben wir miteinander Tee getrunken!“

„Der Fürst von Putbus wohnte, wie sein Name schon sagt, in - na?“

„Äh - vielleicht gar in - Putbus?“ Nun wandte ich mich doch der Stimme zu. Ein freundlich aussehender Mann, klein, hager, gut gekleidet, in der Hand eine große Tabakspfeife. ‚Buddbuss‘, dachte ich, wütend.

„Also, jedesmal, wenn er aus Berlin kam und mit der Eisenbahn wieder nach Hause fuhr“, erzählte der Mann lächelnd weiter, „sah der alte Fürst von Putbus weit hinten am Feldrain seinen Gutshof vorbeiziehen. Der Zug hielt erst eine Viertelstunde später wieder. Das ärgerte den alten Herrn mit der Zeit maßlos, und so gewöhnte er es sich an, einfach die Notbremse zu ziehen, sobald seine Ländereien in Sicht kamen. Das wurde bald zu einer kleinen Legende, wissen Sie. Immer kurz vor Putbus stellte der Alte sich an das Seil für die Notbremse, in der anderen Hand hielt er ein Lederbeutelchen mit den hundert Goldmark Strafe, die das grundlose Ziehen der Notbremse kostete; es trat der bereits wartende Schaffner auf ihn zu, nahm lächelnd das Säckchen entgegen und gab dem Alten dafür einen schon vorher sorgfältig ausgestellten Quittungszettel. Der Fürst lächelte zurück, zog am Seil, und dann latschte er geruhsam mit seinen zerbeulten Koffern in den Händen über den Acker…“

 

Wider Willen musste ich herzlich lachen. Der kleine Mann stocherte in seiner Pfeife herum.

„Vielen Dank!“, sagte ich zu ihm, „Ihre Geschichte hat mir, glaube ich, sehr geholfen.“

Der Mann schmunzelte in die Öffnung seiner Pfeife und schüttelte eine Schachtel Streichhölzer. Das leise, trockene Klappern hatte etwas Heimeliges. „Freut mich“, erwiderte er knapp und erzeugte gewaltige, duftende Qualmwolken. Schweigend standen wir nebeneinander und schauten aus dem Fenster. Dann tauchte in meinem Augenwinkel und am Waggonende eine kleine, gedrungene Gestalt auf, und ich verabschiedete mich hastig.

 

Ich hatte mich gegen die Fahrtrichtung bewegt und gelangte bald ans Ende des Zuges. Kurz vor Halle war ich im letzten, mir noch verbleibenden Waggon angelangt. Am Anfang des Waggons tauchte eine gelbe Tasche auf. Und ich zog am roten Griff der Notbremse im Gang. Geschrei von Menschen, Gepäckstücke polterten; schrill quietschend schlitterte die Wagenschlange über die Schienen und kam zum Stehen. Ich riss die nächstliegende Tür auf, sprang aus dem Zug und entkam dem allgemeinen Durcheinander in einen märchenhaften Winterwald, der die duftende Weide säumte. Laufen, atmen, lachen, was für ein Abenteuer. Abends fand ich mich in einem gemütlichen, gut geheizten Dorfkrug wieder, wo mir der betrunkene Herr Pastor Judenwitze erzählte, vor denen es einen hartgesottenen KZ-Aufseher geschaudert hätte, solche, die man nie wieder loswird, wenn man sie nicht weitererzählen kann: Also: „Kommt ein Jude in Dachau zum...“.

 

„Können Sie sich vorstellen, wie der erst predigen kann?“, fragte mich begeistert der riesengroße Wirt mit dem Kaiser-Wilhelm-Schnauzbart von seinem Tresen her. Ich ließ mir von ihm ein Zimmer für die Nacht geben. Verblichene Blümchentapeten, ein Waschgestell mit Schüssel und Kanne, und einem Handtuch, rau wie eine Raspel. Ein wackliges Tischlein, darauf ein urtümliches Radio mit großen Bakelitschaltern und einem grün glimmenden, magischen Auge. Im Nachtkasten eine, nun ja, Bibel.

Ich warf mich in das aufquietschende, durchgelegene Bett, triumphierte ein wenig und dämmerte ein.

 

Als ich aus einem Albtraum, an dessen Inhalt ich mich nicht mehr erinnere, aufschrak, war es noch Nacht. Neben mir im Bett lag der nackte Joseph Goebbels und lächelte mich schwul an. Krächzend erwachte ich noch einmal, diesmal im Zimmer des Dorfgasthofes, wo ich, erstarrt auf dem Rücken liegend, und fast ohne Atem, gespannt auf weitere Erweckungen wartete, das konnte von mir aus so weitergehen, bis ich zu Hause war. Aber es blieb bei diesem kleinen Zimmer mit den schrägen Wänden, in das freundlich die Morgensonne stach. Friedlich gackerten draußen Hühner, ein Kirchlein bimmelte den Heiligen Morgen ein und erinnerte mich zuerst daran, wie gut der Herr Pastor predigen konnte, und dann an Ingrid Biebel.

 

Heiter beglückwünschte ich mich. Endlich einmal war mir eine Flucht gelungen; ich würde mich nicht mehr länger selbst beschuldigen müssen, solche Erniedrigungen doch eigentlich zu wollen. In einem Überlandbus voller Sonntag und friedfertig schwatzender, alter Leute holperte ich in die nächste Kleinstadt und spazierte dort zum Bahnhof.

 

Mit einem klapprigen Zug, der auf sämtlichen kleinen Bahnstationen gehalten hatte, fuhr ich in Berlin ein. Kirchglocken dröhnten in den verschneiten, leeren Straßen, bunte Weihnachtslichter zwinkerten hinter den Scheiben der heimelig erleuchteten Fenster Als ich an der Tür zu meiner Wohnung ankam, schlug es bereits Mitternacht. Ich stellte fest, dass ich den Schlüssel nicht mehr hatte. Nach allerlei seltsamen Versuchen mit einer Nagelfeile und dem Dorn von meiner Gürtelschnalle hieb ich wütend meine Faust auf die Klinke, und die Tür sprang sofort auf. In der Wohnung duftete es nach Kaffee. Aus der Küche drangen Licht und ein Rumoren. Sehr vorsichtig schaute ich um den Türrahmen. Ingrid Biebel stand vor mir und lächelte breit. Außer einer kurzen Küchenschürze, an der noch das Preisschild baumelte, hatte sie nichts an. Ich registrierte, dass ich nicht einmal zusammenzuckte.

 

„Fröhlsche Wäähnachten, wo warschtn so lange, wännsch froochen dorf?“

„Wie kommst Du denn hier herein?!“, quietschte ich schwach.

Sie langte in ihre Schürzentasche und drückte mir meinen Schlüsselbund in die Hand.

„Der is Dir beim, na Du wääßt schon, aus dor Hose gefalln, mein Glähnor…“

Natürlich, und meine Adresse hatte auf dem Kärtchen im Schlüsselanhänger gestanden.

Betont langsam legte ich die Schlüssel in eine Schublade meines Schreibtisches und überlegte währenddessen fieberhaft, was zu tun sei. Schließlich setzte ich mich auf das Bett und erzählte Ingrid Biebel, dass ich am Zugfenster gestanden hätte, ein Mann habe mir die Geschichte des Fürsten von Putbus erzählt, und von da ab könne ich mich einfach an nichts mehr erinnern.

 

Mit einer wegwerfenden Handbewegung verzieh sie mir und schnurrte, sie wolle die Geschichte über den Fürsten von Putbus auch gern hören. Dabei setzte sie sich hinter mich, langte mir unter das Hemd und streichelte brummend meine Brustwarzen, die mir vorkamen wie elektrisierte Wunden. Dann kroch sie hinter meinem Rücken hervor und dann über mich.

„Ork! Ork!“, rief sie wieder. Ich blieb so bewegungslos wie möglich. Ingrid Biebel versuchte sich in hilfreichen Regieanweisungen: „Ach was! Du bist jetze Dschortsch Kluhnieä und ich bin Dschuhlja Robborts - und nu Oochen zu und los…!“

Ich kniff die Augen zusammen. George Clooney vermochte ich mir nicht vorzustellen. Ganz kurz und sehr deutlich sah ich allerdings Heinrich Zille. Mit vermutlich derselben redlichen Verzweiflung, in welcher gefangen ein unter Impotenz Leidender sich eine Erektion wünschen mochte, hoffte ich auf Erschlaffung.

 

„Ork, ork! Ork, is däs tzexie! Niche rausziehn! Bloß niche rausziehn! Bump se mir orndtlich voll!“, ächzte Ingrid Biebel. Und: „Nu kumme mal, nu mal los, nu lasses doche spuggen, Dein Wärschtl!“ Einige schreckliche Sekunden später betrachtete sie interessiert ihren Daumen und Zeigefinger, zwischen denen sie etwas zerrieb, das unter anderen Umständen durchaus hätte ein Kind werden können.

Irgendwann fiel es mir ein: Also gut, ich bin jetzt George Clooney und die da, die ist eine Hexe aus der Gespensterbahn. Ernst erhob ich mich, rückte einen imaginären Krawattenknoten gerade, was angesichts meiner Nacktheit sehr merkwürdig aussehen musste; ich fixierte die gemütlich auf meinem Bett hockende und mich erwartungsvoll ansehende Ingrid Biebel, räusperte mich und sprach wohlakzentuiert: „Ich denke, es wird jetzt wirklich Zeit, dass Sie gehen!“

Ingrid Biebel grinste. Widerspruchslos erhob sie sich und begann sich anzuziehen. „Warumme ooch nich?“, murmelte sie dabei, „Geschafft habsch Dich ja…“

Klein und fett stand sie vor mir, entblößte ihr Zahnfleisch mit den darin steckenden, winzigen Mausezähnen und lachte laut.

„Bitte!", hielt ich mühsam durch, „Es wird wirklich Zeit, dass Sie endlich gehen!“

An der Wohnungstür drehte sie sich noch einmal nach mir um.

„Und nu? Wänndste was Bessres vordient häddest, denn wärsch doch jetze da, odor? Du Fürscht von Buddpuss!“, spottete sie. Mit einem scharfen Ruck, vor dem ich zurückwich, schleuderte sich Ingrid Biebel ihre zitronengelbe Tasche über die Schulter und stampfte dann im dunklen Flur die Treppen hinab.

„Mache wähnschtens mal Licht für de Muddie, lieber Härrgodd!“, knurrte es noch dumpf aus der kalten Finsternis des Hausflurs zu mir herauf. Gehorsam drückte ich auf den Schalter für die Vierzig-Watt-Glühbirnen im Treppenhaus. Ein Zähler begann zu knattern. Dann fiel unten schwer die Haustür ins Schloss.

 

Wieder in meinem Zimmer suchte ich hastig nach Zigaretten. Ich schüttete den Inhalt meiner Reisetasche auf den Teppich aus und hielt plötzlich meinen Schlüsselbund in der Hand. Verblüfft betrachtete ich abwechselnd die Schlüssel, meine Tasche und den Schreibtisch drüben am Fenster. „Nein, was?!“, hörte ich eine Frauenstimme in meinem Kopf sagen, „Sie fanden ihn in der Tat wieder? Also, das ist ja geradezu schier unglaublich!“

 

Zur Schreibtischschublade zu gehen, sie aufzuziehen und nachzuschauen, wagte ich nicht. Ich setzte mich auf das Bett und nahm mein Gesicht zwischen die Hände.

 

 

                                                                                                               ***

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Der Furst von Putbus

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