Allenthalben bewunderte man ihre Liebe. Still sehnend, schmerzlich lächelnd, fast frei von Neid, sich unter verhaltenen Seufzern wehmütig erinnernd. Wie sie sich umeinander mühten, füreinander sorgten, aufeinander Acht gaben. Wie sie den Blick auf ihre Umgebung dabei nie zu verlieren trachteten, aller Verächtlichkeit ganz abhold, aufmerksam zu den Wesen und voller Rücksicht den Dingen gegenüber. Als lieferten zwei junge Himmlische ein Paradestück vorbildhaftester Beziehung. Als wäre ein freundliches Paar unterwegs in die Ewigkeit, sich dabei ganz abhängig machend von den Meinungen der Anderen, deren Segen nie erbettelnd, sondern ihn in faszinierender Weise immer wieder neu erobernd.

 

Sie bemerkte es zuerst.

„Der Schrank ist kleiner geworden“, sagte sie zu ihm in einer Mischung aus Entsetzen und Nüchternheit. Er hielt es für einen harmlosen Scherz. „Nein“, erwiderte er lächelnd, „Du bist größer geworden!“ Und zärtlich küsste er sie auf die Nasenspitze. Als er sich allerdings wenig später an den Schreibtisch setzte und sich auf seinem Stuhl seltsam fremd und erhaben vorkam, betrachtete er - erst nur mit rasch wachsender Aufmerksamkeit, bald schon jedoch mit erstauntem Ernst - das Interieur und die Gewächse rings um ihn. Schließlich sprang er auf und trat, sich dabei außergewöhnlich mächtig und plump fühlend, in ihr Zimmer, wo sie bewegungslos auf einem kleinen Sofa hockte und ihre Hände langsam vor ihren Augen hin und her drehte.

„Meine Schuhe drücken...“, murmelte er.

„Ich habe meine schon ausgezogen“, versetzte sie tonlos.

„Was ist das?“

„Das sind entweder wir oder alles um uns herum“, flüsterte sie.

„Es scheint schnell zu gehen!“, sagte er, und er zuckte mit ihr gemeinsam zusammen, vor der donnernden Stärke seiner Stimme.

Sie erhob sich und stellte sich vor ihn. Die Deckenlampe berührte beinahe ihr Haar.

„Wir sollten hinausgehen! Schnell!“, sagte er.

 

Sie nickte. Er ging voran. Um beim Verlassen des Raumes nicht an den Türrahmen zu stoßen, musste er sich bücken. Sie rannten die Treppen hinab. Auf der Straße wurden sie von Passanten mit in den Nacken gelegten Köpfen ungläubig angestarrt. Sein Hemd und ihr Kleid waren aufgeplatzt.

„Aber wir werden scheint’s nicht schwerer!“, rief er, „Sonst würden wir doch irgendwie einsacken, oder?“

Entsetzt stoben die Menschen auf den Gehsteigen auseinander.

„Vielleicht ist sie nicht rund?“

Mühsam begreifend, dass sie mit ihrer verzweifelt gehauchten Frage die Welt meinte, versuchte er zu lächeln.

„Ich liebe Dich!“, sagte er, und das Stadtviertel unter ihnen stürzte zu einem Haufen Ruinen zusammen. Rasend schnell krümmte sich der Horizont und rückte näher. Sie griff nach seiner Hand und wedelte mit der anderen einen Nebelschleier zwischen ihren Gesichtern fort. „Das sind Wolken“, murmelte er, „Wir werden bald keine Luft mehr bekommen...“

„Wir wollen uns hinlegen!“, flüsterte sie, „Rasch!“

Sofort, als sie nebeneinander auf dem Rücken lagen, griff sie nach seinem Geschlecht.

„Schnell doch! Komm her zu mir!“, sagte sie.

 

Er schob seinen Körper über ihren. Es erregte ihn, wie ihr Rückgrat sich über der Erde durchbog. Und ihr bleiches Gesicht mit dem vom wütenden Ozean umspülten, kupferroten Haar sah herrlich aus.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Fische im Haar

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