Zu Weimar, an einem frühherbstlichen Tag anno 1993, kämpften die Küchenmeister der besten Etablissements hart. Es galt, dem Tenno von Japan, Kaiserreich, zu dessen angesagten Besuch in der Klassikerstadt die Lieblingsspeise des Goethe, Johann Wolfgang von, zu bereiten. In welcher Restauration dies am besten gelänge, dort würden der Kaiser und seine Gemahlin mit ihrem Hofe Einkehr halten.

Bei der überlieferten Lieblingsspeise Goethes handelt es sich um zart gegarte Teltower Rübchen, eingelegt in eine besonders raffiniert zuzubereitende Sahnesauce mit süßlich-säuerlichem Geschmack.

 

Ein junger Mann, um jene Zeit dieses noch sonnenwarme Städtchen Weimar besuchend, war schon seit dem frühen Morgen durch die verwinkelten Gassen gestreift und saß nun an einem späten Freitagvormittag in dem Gasthause ‚Zum Goldenen Schwan’, wo er angewiderten Gesichts in den Lokalgazetten des Tages blätterte. Soeben war vor ihm eine kleine, kobaltblaue Tasse mit starkem, italienischem Espresso erschienen, dazu braune Rohrzuckerwürfel auf einem zierlichen, goldgerandeten Tellerchen der Weimarischen Porzellanmanufaktur, und der junge Mann wollte gerade einen genüsslichen Schluck tun, als er, unvermittelt auf das Merkwürdigste angerührt, schnobernd seine blasse, Spitznase hob und aufmerksam gegen die hölzerne Schlagtüre am anderen Ende der schattigen Gaststube witterte, hinter welcher sich des Hauses landesweit gepriesene Küche befand.

Die Maîtres Köche hinter den schnitzwerkenen Türflügeln waren seit einem Viertelstündchen begeistert damit beschäftigt, „Teltower Rübchen“ zu üben, und sahnige Düfte schwebten unaufdringlich zart durch den kühlen Saal.

 

Ein hochgewachsener, hagerer Herr Ober, vorschriftsmäßig in Pinguin und am langen, knochigen Halse zugeschnürt mit einer gewaltigen, schwarzen Fliege, welcher dem jungen Mann für dessen Kaffee ein hübsch geschwungenes Milchkännchen zu reichen erschienen war, lächelte nachsichtig zu dessen interessierter Frage, was man denn dort hinten Zauberhaftes zu vollbringen scheine, und er erwiderte, schon im Entschweben, sozusagen über die Schulter, und im feinsten, thüringischen Dialekt:

„Das werden Teltower Rübchen, mein Herr, die Lieblingsspeise Goethes!“

Ob nun der bleiche Gast nicht ganz recht gehört hatte, ob er vielleicht, so, wie es desöfteren vorkommt, gleich zwei Bedeutungen in nur einem Satz wahrgenommen hatte - er saß mit einem Male gänzlich starr, und ein merkwürdig blödes Lächeln breitete sich weit über sein harmloses, langes Gesicht aus. Eine längere Weile glotzte er nun leer genug auf seine Journale, dass er wohl keinen einzigen Buchstaben mehr klar zu erkennen vermochte, und er dachte immer wieder: 'Soso. Die Lieblingsspeise Gottes also.‘

Und dann, in plötzlicher Erregung, langte der bleiche Jüngling heftig nach seinem Espressotässchen und verschüttete einiges von dessen Inhalt über seine Zeitungen. Entschuldigend, während er schon fiebrig in den Taschen seines abgeschabten Jacketts nach Münzen tastete, blickte er sich um, sodann warf er ein Häufchen Kleingeld auf die mahagonifarbene Tischplatte, schlang sich hastig seinen endlosen Schal um den mageren Hals mit dem großen Adamsapfel und stürzte hinaus vor die Türe ins Sonnenlicht.

 

Mit langen, ungeschickten Flamingoschritten und mit wehendem, dunkelgrauen Schaltuch eilte der Mann nun über den sehr leeren, von frisch restaurierten Häusern in der Machart der Renaissance hübsch umstandenen, lichtüberfluteten Marktplatz. Einige schmale, pastellbunte Gässchen durchquerend, strebte er wild seinem Domizil, einem Dachzimmerchen, zu, welches er erst am Vortage angemietet hatte, um dort, umhaucht vom inspirierenden Odem der dichtenden Ahnen seines Volkes, selbst für intensive Wochen der Schreibkunst nachzuhängen.

 

Ohne Sinne für die klare, schwer duftschwangere Herbstluft, für das sanft rankende, dunkle Weinlaub an seinem Wege, in welchem trotz der vorgerückten Jahreszeit immer noch einsame, glückliche Pelzhummeln tosten, ohne jedes Gehör für trällernde Singvögel oder für die anmutigen, sanften Gesprächsfetzen derer, die ihm begegneten, zerrte der junge Mann einen großen, rostgeschwärzten Eisenschlüssel hervor, den er während seines Laufens immer wieder heftig von der einen Handfläche in die andere schlug.

„Die Lieblingsspeise Gottes!“, rief er wohl mehrfach aus, und gutmütig erstaunte Augen sahen ihm nach, „Na, das ist stark! Dass ich mir das nur merke! Dass ich das nur ja nicht vergesse!“.

 

Angekommen in seinem hellen, sauber gekalkten Dichterstübchen mit den schrägen Wänden, vor dessen kleinen Fenster die rotgeziegelten Dächer der Kirchtürme ragten, warf sich der ältliche Jüngling seufzend auf ein moosgrünes Plüschsofa. Erleichtert aufatmend griff er sich zwischen Hals und Hemdbündchen, streifte sich mit einigen Bewegungen der Füße gegeneinander seine armseligen, staubigen Schuhe ab, und er betrachtete so lange seine großen Füße, die in weißen Baumwollsocken staken, bis sich seine Atmung wieder reguliert hatte. Sein dürres, violettes Lippenpaar bewegte sich eigentümlich. Dann sprang er plötzlich wieder hoch und lief auf Strümpfen über die nach Bohneröl duftenden Holzdielen hinüber zur Türe der blitzsauberen, großen Kammer. Noch bevor er jedoch noch an der alten Eisenklinke angekommen war, auf deren Kühle sich seine Finger schon freuten, ertönte hinter dem Holz ein kurzes, entschlossenes Pochen.

„Herein!“, rief der junge Mann erschrocken, nun noch um etwas bleicher, als er sonst schon blass erschien, und er fuhr heftig einen Schritt zurück. Einen Moment darauf stand er seiner gleichfalls erstaunten Zimmerwirtin, einer resoluten Thüringerin mit beträchtlichem Leibesumfang, dicht gegenüber. Sie roch nach frischer, gestärkter Wäsche und nach billiger Seife, und sie sah ihrem Mietgast aus ihren alten Veilchenaugen scharf ins Gesicht. „Einen schönen guten Tag der Herr!“, sang sie freundlich, mit einer entschlossenen, dröhnenden Stimme, „Ist's denn auch alles recht so?“

Ohne den Gruß zu erwidern, mit zuckenden, kurzwimprigen Augenlidern, sprudelte der junge Mann erregt seine Frage hervor: „Sagen Sie, liebe Frau - was ist wohl die Lieblingsspeise Gottes?!“ Und ungeduldig und erwartungsvoll lauernd blickte er die kleine, alte Dame von oben herab an.

 

Die Wirtin, ohne bemerkbare Regung in ihrem breiten, guten Gesicht, schob sich statt einer Antwort an dem jungen Manne vorbei und hinein in die sonnengetränkte Kammer. Sie lief bis zu deren Fenstern, öffnete weit die beiden, mit dunkelgrüner Farbe überstrichenen Fensterflügel, umfing mit einem raschen, prüfenden Blick den ganzen Raum und wendete sich schließlich ihrem schwer atmenden Gast wieder zu, welcher an der Türe stehen  geblieben war und deren innere Klinke so fest umklammerte, dass ihm die Handknöchel weiß geworden waren.

„Ich hab' mir so gedacht, dass ich Königsberger Klops’ herricht', zum Mittagessen. Und ich wollt' Sie fragen, ob Sie saure Kapern mögen“, sang sie ernsthaft, in ihrem sympathischen Dialekt, und sie fügte dann vorwurfsvoll an: „Nicht jeder mag saure Kapern. Und Sie stellen mir solche Fragen! Nein, was den Künstlern nicht alles einfällt, wenn der Tag lang ist. Mögen Sie denn Kapern?“

Der Jüngling starrte vor sich hin und schabte mit der weiß bestrumpften, großen Zehe seines rechten Fußes über das Dielenholz.

„Was?“, fragte er tonlos zurück, und er wedelte matt mit seinen großen Händen, die an langen, dünnen Armen aus den ein wenig kurzen Jackenärmeln hervorragten, „Was? Kapern? Oh, ja, natürlich. Kapern. Das ist sehr nett von Ihnen. Kapern, nun, krmh.“

Seine Zimmerwirtin lachte herzlich. „Was ist sehr nett von mir?“, fragte sie, auf ihrem Rückweg zur Tür ein in Ehren ergrautes, korrekt angeordnetes Spitzendeckchen auf dem winzigen, ovalen Zimmertisch zurechtzupfend.

„Nun, das mit den Kapern!“, antwortete ihr Gast, und er betrachtete sie nervös, auf seltsame Weise.

Die dicke Frau schritt, für ihre Körpermaße erstaunlich leicht, abermals dicht an ihm vorüber, hinaus in den holzgetäfelten Treppenflur, und der Mann blickte ihr starr hinterher. Auf der Mitte der steilen Treppe wandte sie sich noch einmal um.

„Sie sollten sich mal nicht so große Gedanken machen, in Ihrem Alter!“, schnurrte sie, dunkel wie eine alte Katze, und sie stieg mit wiegenden Schritten weiter hinab zu ihren Alltagsgeschäften.

Vorsichtig, mit ernstem Bedacht, schloss der Mann hinter sich die Tür und setzte sich langsam an den ovalen Tisch neben dem Fenster.

 

Die Welt, wie sie sich ihm bislang dargestellt hatte, bedeutete dem Jüngling nichts. Im großen, langweiligen Rennen, das ihm das Leben war, hatte niemand auf ihn gesetzt, und früh hatte er sich damit abgefunden, allein zu bleiben und mäßig für sich selbst zu sorgen. Die kleine Freiheit, nicht allzu sehr von sozialen Zwängen abhängig und freien, wenngleich engen Herzens zu sein, genoss er mäßig und mit Sorgfalt. Er wusste, dass er mit seinem schon lichten, dünnfaserigen Blondschopf, mit seinem sprossigen Bleichgesicht und seinem, kantigen, dünnen, käsebleichen Körper keine imposante Erscheinung ausmachte, und es ließ ihn nahezu gleichgültig. Sein Dasein war philosophisch geblieben. Zwar verwirrte er sich des Öfteren in den Theorien über die großen Kämpfe des Lebens, doch das war nur ein schwaches Strömen. In die höher energetischen Bereiche wirklicher Risiken war er nie vorgedrungen; ein wüstes Knäuel von Problemen, das andere einfach fortgewischt hätten, stand als unüberwindliche Grenze zwischen ihm und dem Leben.

Zum Ausgleich mit überragender Geistesschärfe zu reagieren, war ihm wohl manchmal eingefallen, doch eine von einem Verwandten herrührende, kleine materielle Sicherheit hatte ihn stets nur mäßigen Fleiß entfalten lassen, und  da seine Welt offenbar niemals einen Grund gefunden hatte, ihn mit Überraschungen zu segnen, war er kaum je anders als über Bücher an die Extreme des Lebens geraten. Meistens verendeten seine trägen Bemühungen um die Erfüllung von Wünschen in kläglichem Zorn auf einen Gott, der ihm nie mehr als ein weiser und zugleich unnachgiebiger, geistiger Vaterfreund und Tröster geworden war, und der ihm die Bequemlichkeit der Masturbation gegenüber den Bemühungen um das weibliche Geschlecht nicht ausgeredet hatte. Natur und Gott waren dem mutlosen Männlein klein und farblos geblieben, und so war es verständlich, dass er faul nach allen sich günstig bietenden Gelegenheiten gierte, seine Vorstellungskraft ohne größere Investitionen aufzufrischen.

Das kleine Missverständnis im „Goldenen Schwan“ ließ für ihn nicht nur allein die Möglichkeit von der Existenz einer Lieblingsspeise Gottes Vorstellung annehmen, es öffnete seinem behäbigen und anfälligen Geist auch utopische Weiten. Stumm und mit zwinkernden Augen saß er in einem tiefen Sessel neben dem Tischlein, und langsam wurde ihm das Zimmer ein großer Weltenraum, angefüllt mit wirbelnden Visionen von ganzen Völkerschaften, die Gemeinschaftssinn und Reiselust verband, auf ihrer viele Äonen währenden Forschung nach der Lieblingsspeise Gottes.

 'Ich bin also durchaus nicht umsonst in dieses  Weimar gekommen!', sagte sich der Jüngling erstaunt, 'Das ist ja geradezu grandios! Die ewige Suche nach Gott über die Frage nach seiner Lieblingsspeise!'

 

Noch tiefer versenkte er sich nun in seinen Sessel, und er spekulierte, erst mit nur mäßiger Lust, jedoch bald schon sehr angeregt, wie man solch eine Frage lösen müsse, wie man sie verarbeiten, umsetzen, sie in ein eigenständiges Werk wandeln könne, ja, es kam ihm, der sich ansonsten kaum je wirtschaftlich engagierte, sogar die Frage ein, wie man aus einer vernünftig eingesetzten Erkundigung nach der Lieblingsspeise Gottes ein Kapital schlagen könne.

Gleichgültig nahm er seiner darüber enttäuschten Zimmerwirtin das beblümte Tablett ab, auf welchem sie ihm Königsberger Klopse zu lockeren, dampfenden Salzkartoffeln und einer hellen Sahnesauce servierte; er sah ihr ernst in die Augen und sagte mit düster - moralisch artikulierter Stimme: „Die Lieblingsspeise Gottes ist das aber gewiss nicht, oder?!“ Worauf die dicke Frau ein unzufriedenes: „Man kann nie wissen“, knurrte und sich nicht wieder sehen ließ.

 

Der junge Mann aß hastig, ohne Aufmerksamkeit und ohne Appetit, und er dämmerte im Folgenden, mit matter Genüsslichkeit in seinen Überlegungen schwelgend, bis zum frühen Abend. Dann mühte er sich triumphierend aus dem Sessel, klaubte aus seiner Reisetasche Schreibpapier und einen dicken Stift und zog sich einen harten, hölzernen Stuhl an das Fenster, vor welchem soeben eine große, kupfergoldene Sonnenscheibe im roten Dachwerk der kleinen Stadt ertrank. Er schrieb jetzt, hastig, mit fahrigen, krakeligen, steilen Schriftzügen. Er schrieb einen Brief an Gott.

 

Der Inhalt seines langen Briefes ging davon aus, dass er, der Schreibende, natürlich wisse, dass Gott von allem stets das Allerhöchste repräsentieren würde. Gerade aus diesem Grunde würde er wohl mit höchstem Recht schlussfolgern dürfen, dass Gott auch den höchsten und bedeutendsten aller Schriftsteller verkörpern müsse. Und da man nun allgemein wisse, dass gute Schriftsteller sich freundlichen Leserbriefen gegenüber stets sehr zugänglich zeigen würden, hielte er es nur für logisch, sich in der Form eines wohlaufgesetzten Schriftstückes mit der Frage an Gott zu wenden, was wohl Seine Lieblingsspeise sei.

Über dem Städtchen Weimar lag schon tiefe, warme Nacht, als der alte Jüngling immer noch schrieb.

 

Seine Situation kam ihm überaus dämonisch vor; das dicht besternte Firmament schien weit entrückt, all die fernen Sonnen schienen ihm aufmerksam zu lauschen. Der junge Mann kicherte leise über seine Klugheit und leckte einsam grinsend an seinem Stift herum. Sehr lange überlegte er, ob er vielleicht etwas Persönliches in seinem Brief unterbringen solle, aber es wollte sich kein passender Einfall ergeben. Er dachte auch darüber nach, ob er vielleicht die günstige Gelegenheit des direkten Kontaktes zum Allmächtigen nutzen solle, um einige Wünsche zu äußern, doch es fielen ihm keine ein. Statt dessen beschrieb er genauestens die Schwierigkeiten, welche es ihm bereiten würde, eine entsprechende Stelle für die Weiterleitung seines Briefes ausfindig zu machen. Während des Schreibens erst hatte er sich langsam einer Lösung genähert, die ihm geeignet schien. Es müsse, so setzte er schließlich auf, nämlich für Gott eigentlich immer das Allereinfachste gut genug sein. Und so wäre es wohl am Richtigsten, wenn er, der Schreiber, seinen Brief an Gott am Ende einfach mit seinem Absender und mit der Aufschrift: ‚An Gott’ versehen und ihn dann einem gewöhnlichen Postbriefkasten übergeben würde. Der Höchste Briefkastenentleerer würde den Brief dann an den Höchsten Postamtmann weiterleiten und dieser wiederum an den Höchsten Schriftsteller. Eine schnelle, zufriedenstellende Antwort könne somit wohl nicht lange ausbleiben.

 

Gegen Morgen erst dämmerte der Jüngling ein. Er hatte, bevor er die Arme auf dem Tisch übereinandergelegt und seinen schweren Kopf darauf gebettet hatte, seinen Brief sorgsam unterzeichnet, und ihn in ein feines, weißes, auf seiner Innenseite seidig gefüttertes Kuvert geschoben. Einen Augenblick lang hatte er sich geschämt, den Brief einfach vermittels Anfeuchten der Klebeflächen dieses Kuverts mit seinem Speichel zu verschließen, und er hatte auch kurz daran gedacht, sich zu erheben, zu dem winzigen Waschbecken hinüberzugehen, und frisches Wasser zu benutzen. Doch seine Leistung erschien ihm immerhin so vehement, dass er mit gutem Gewissen sitzen bleiben und seine Zunge hervorschieben konnte. Neben seinem Gesicht den frisch verschlossenen Brief, schlief er tief ein, und sein Körper schien sich für die Unbequemlichkeit seiner Lage nicht im Mindesten zu interessieren.

 

Von einem leisen Geräusch in seinem Rücken wurde der junge Mann wach. Helles Tageslicht fiel in den Raum. Einen kurzen Moment lang glotzte er verständnislos, doch dann fiel ihm sofort alles wieder ein.

Ächzend wendete er sich um. So vermochte er gerade noch wahrzunehmen, dass jemand etwas wie ein altes Papier zwischen Türholz und Schwellenbrett hindurch in sein Zimmer geschoben hatte.

Er erhob sich, und er lief die paar Schritte bis hinüber zur Türe. Dort bückte er sich mit schmerzendem Rücken, und er erhob sich seufzend wieder mit einem bräunlich gewordenen, schmutzigen und zerknitterten Briefkuvert in der Hand, welches mit einer Anzahl ausgebleichter Marken und mit größtenteils unleserlich gewordenen Vermerken in vielen verschiedenen Schriften und Farben, versehen war. In der Mitte der alten Briefhülle standen, zwar verwischt und verwittert, aber noch deutlich zu lesen, zwei Worte: ‚An Gott’.

 

Der junge Mann warf nur noch einen flüchtigen Blick auf den Absender; dann stürzte er mit dem Brief zurück an seinen Schreibtisch, von welchem er, nach seinem Werk der vergangenen Nacht suchend, das Tablett mit den Resten der Kapernklopse auf den Boden warf. Es war kein Brief vorhanden. Seine Jacke und auch seine Schuhe vergessend, stolperte der Jüngling hustend, mit irr sich in den Höhlen drehenden Augäpfeln, die Treppen hinunter und hinaus auf die Gasse.

 

Seinen Brief in der rechten Hand, bis auf ein heftiges Atmen erstarrt, stand er wenig später am Rand des Weimarischen Marktes, da, wo ein rotbraunes Mosaik, das zwischen die einst friedlich - grauen, und jetzt in bösem, violetten Gift schillernden Köpfe der Pflastersteine eingelegt worden war, einen achtzackigen Stern bildete. In schwerem Sirup kleckerten ohne Geräusch zähe Wasserfäden in die alte Marmorschüssel der Brunnenanlage. Und unwiderruflich brüllte dicht über ihm, unter der niedrigen, blauen Stahlkuppel des Himmels, eine kleine, harte, gelbe, vereinsamte Sonnenkugel.

 

Aus der Mündung eines engen Gässchens an der gegenüberliegenden Seite des Marktes kam soeben sehr langsam eine fremdartige, dunkelbunte Prozession hervor. Es waren die Mitglieder des japanischen Hofstaates, angetan mit ihren Ahnenroben, die unbewegten Gesichter weiß geschminkt, an ihrer Spitze das hungrige Kaiserpaar. Nur das Rascheln schwerer Seidenschleppen durchdrang die endgültige Stille. Von überallher aus den Eingangstüren der umliegenden Gasthäuser krochen fette Schwaden - der unendlich nuancenreiche Duft nach „Teltower Rübchen“ *.

 

***

 

 

* Teltower Rübentopf

 

Zutaten für 10 Personen: 1250 g Teltower Rübchen, 2500 g fest kochende Kartoffeln, 10 Zwiebeln, 620 g durchwachsender Speck, 65 g Butter, 2,5 l Fleischbrühe, 2 Bund glatte Petersilie, ½ l Saure Sahne, Salz, Pfeffer.

Vorbereitung: Rüben schälen und in zwei Zentimeter große Würfel schneiden. Kartoffeln waschen, schälen und ebenfalls würfeln. Zwiebeln häuten und grob würfeln. Speck in etwa ein Zentimeter dicke Scheiben schneiden.

Zubereitung: Butter in einem Topf erhitzen. Zwiebeln darin bei geringer Hitze anschwitzen. Das Ganze heißer werden lassen. Dann den Speck dazugeben und etwa zwei Minuten auslassen. Kartoffeln und Rüben zufügen, kurz anschwitzen , mit der Brühe auffüllen. Alles zum Kochen bringen, bei mittlerer Hitze etwa 20 Minuten kochen lassen. Inzwischen die Petersilie waschen und fein schneiden. Den Eintopf mit Salz und Pfeffer abschmecken. Zum Schluss Petersilie und Saure Sahne untermischen.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Gotterspeise

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