„Alle Männer wollen immer ausbrechen!“, sagt sie, und sie starrt mich an. Mir wird kalt im August. Ich verstehe. Täglich verstehe ich, nächtlich. Sie hält sich für eine Haftanstalt. Abwinkend erhebe ich mich, weiche ihrem Blick aus und greife nach meiner Jacke. Weit komme ich nie bei meinen Aus-bruchsversuchen, aber doch immerhin bis in einen nahe gelegenen Caféhausgarten. Da sitze ich dann, sehe, trinke, höre zu und denke nach. Was es so zu denken gibt, mit immer wieder dieser Frau als einzige Zukunft.

 

„Meine Mutti ist meine Tante!“, schreit der Kleine am Fenstertisch immerzu. Ich finde das beachtlich. Und dass die Finger seines Vaters zu den Zehen seiner Mutter passen. Beides, seine Hände auf dem Tisch und ihre Füße unter dem Tisch, wirken sehr nackt und auf eine seltsame Weise zutiefst ekel-erregend. Es ist ein feuchtes, verlogenes Ehepaar, und man hat eine intensive Ahnung vom säuerli-chen Mief, der den Reviergeruch ihrer Wohnung ausmachen dürfte.

Der kleine Kerl ist bereits zutiefst kontaminiert. Begeistert redet er zu seinem Vater über „Schepper-linge“, mit einer gestelzten, überkultivierten Stimme. Sie würden ihn einmal Sprache wie Leistungs-sport betreiben lassen. Immer wieder ruft er: „Schaut nur, liebe Eltern! Die Schepperlinge! Sind sie nicht ganz entzückend?!“

Dass er damit die Sperlinge meint, verstehe ich erst, als einer der kleinen Vögel von außen gegen die Scheibe donnert und daraufhin eine Weile betreten auf den Fliesen des Gehweges hocken bleibt. Seine Trauer, keine Hände zu haben, mit denen er sich den Kopf halten konnte, ist für mich deutlich auszumachen.

 

Der kultivierte Junge bejammert den armen Schepperling. Der kleiner Scheißer weiß längst, wie man ‚Sperlinge’ sagt. Er weiß, dass man es niedlich findet, dass er immer noch Schepperlinge sagt. Der Bursche versteht bereits zu leben. Bei den Sperlingen war es nicht anders. Wenn noch nicht ganz flugfähige Junge sich in ihrer tobenden und zankenden Schar befanden, wurden diese von den aus-gewachsenen Vögeln immer noch gefüttert. Die Jungen zeigten ihren Hunger an, indem sie ihren Schnabel weit aufsperrten und mit den noch kraftlos herabhängenden Stummelflügelchen zitterten. Es gab jedoch auch faule, bereits erwachsene Sperlinge, die sich einfach genauso benahmen. Sie stellten ihr eigenes Suchen und Picken plötzlich ein, blieben hocken, rissen den Schnabel weit auf und bebten wie hilflos mit Schwanz und Flügeln. Zwar, längst nicht alle anderen ausgewachsenen Exemplare vermochten sie mit diesem Trick hereinzulegen, doch es gelang ziemlich oft.

 

Diese kleinen, grauen Dinger haben täglich ihre helle Freude in dem Cafehausgarten. Sie überbieten sich gegenseitig in Heldentaten, landen keck auf Tellerrändern, verüben Staffelsturzflüge auf Eistü-ten und hüpfen auf nackten Studentenknien herum. Wenn sie in ihrem fröhlichen Kampf um den Krümel eine Weile glücklos bleiben müssen, hocken sie abwartend in den jungen Bäumen und ha-ben sich gegenseitig viel zu sagen.

 

Ich nehme meine Kaffetasse und setze mich hinaus. Wie üblich bei schönem Wetter füttere ich die Vögel mit Waffelstücken aus dem Glasbehälter an der Bar. Ein anderer kleiner Junge läuft herbei. Er ist dick, käsig und sommersprossig unter rotem Borstenschopf, laut ruft er: „Sch-scht! Alle weg!“, und rudert dazu windmühlenflügelartig mit seinem kurzen Armen. Kreischend stieben die Spatzen davon. Ein winziger Zornschauer beutelt mich.

„Alle scheucht!“, sagt der Junge, bleibt vor mir stehen und schaut mich herausfordernd an.

„Erik! Komm mal da weg!“ nähert sich seine Mutter.

„Alle scheucht!“, wiederholt der dicke Knabe stolz.

„Verstehe“, sage ich, „Du bist Erik, die fette Vogelscheuche.“

„Wie reden Sie denn mit meinem Jungen?!“, schrillt die Mutter.

„Wenn ich schon mit Ihrem Jungen so rede - können Sie sich vorstellen, was ich gleich zu Ihnen sa-gen werde?“

„Erik!“, schrillte die Mutter, „Los! Komm mal sofort weg da von dem hässlichen Mann!“

 

Nach einer Minute waren alle meine Spatzen wieder da.

Einer von ihnen hatte sich heute besonders hervorgetan. Er konnte, wenn ich einen Krümel warf, überaus geschickt dessen Flugbahnabweichung durch den Einfluss des Windes vorausberechnen und war mit dieser Fähigkeit zu genauem Beobachten allen seinen Kameraden immer um die ent-sprechenden paar Zentimeter voraus. Eines aber kannte er nicht: Das Maß meiner Hinterlist, als ich, meinen Daumen in lockerer Bereitschaft eine Waffel zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmte und den Arm von mir streckte. Sehnsüchtig hockten der Clevere und seine Genossen zu meinen Füßen auf dem Boden und starrten gierig auf die Waffel. Er war der erste, der sich traute; er flog hoch, landete auf meinem Zeigefinger, glotzte mich kurz fragend an und begann dann, mit dem Schnabel an der Waffel zu zerren.

„Das, mein Lieber, war Dein Fehler!“, murmelte ich. Rasch drückte ich meinen Daumen auf seine kleinen Krallen und klemmte sie so auf der Oberseite des unteren Gliedes meines Zeigefingers fest. Entrüstet kreischte der Sperling auf, doch außer sich beim Versuch des Auffliegens selbst die Beine langzuziehen, war er machtlos. „Nun bist Du mein!“, sagte ich. Vorsichtig schloss ich meine andere Hand um seinen kleinen Körper und hielt mir das warme Bündelchen dicht vor die Augen.

 

„Er ist gar nicht Dein! Lass ihn frei!“

Ich hatte das Fräulein am Tisch neben meinem überhaupt nicht bemerkt. Es war recht hübsch, al-lerdings auf eine Art, dass mir absolut nicht einfiel, auf sie zu hören. Eine Weile schaute ich sie schweigend an.

„Warum?“, fragte ich dann.

„Es ist nicht seine Natur, festgehalten zu werden!“

Das Wort ‚Natur’ sprach sie in einem Tonfall aus, als würde sie dadurch mit einer restlos unerbittli-chen, keinen Widerspruch duldenden, absoluten Größe im Bunde stehen.

„Ich bin ja ebenfalls nicht Teil seiner Natur“, versetzte ich unwillig, und zu dem Sperling gewandt: „Nun zu Dir, Elender. Du wirst mein Nachtisch!“

„Lass ihn frei!“, rief das Fräulein erneut. Eine böse, unpassend alte Schärfe klingelte in ihrer Stimme.

„Sagten Sie ‚Du’ zu mir?“, lächelte ich sanft.

„Lassen Sie diesen Vogel los!“

Ich ließ den Vogel nicht los. Der Vogel ließ etwas los.

„Benimm Dich!“, sagte ich, und ich rief daraufhin empört zu dem Fräulein, dass es weiterhin nicht Teil meiner Natur sei, mir in die Hand scheißen zu lassen.

„Er weiß es doch nicht! Er ist doch nur ein Vogel!“

Der Spatz biss herzhaft zu. Mutig hackte er in das weiche Hautdreieck zwischen den Ansätzen von Daumen und Zeigefinger. Ich hielt ihn dicht vor meine Augen. „Lass das!“, befahl ich streng, "Das tut wirklich weh, mein Lieber, und es ist in Deiner Situation auch überaus unklug!" Der Sperling ließ es und blinzelte fröhlich.

„Und nun glauben Sie, er habe auf Sie gehört, was? Er versteht nur Eines: Die Freiheit!“

„Was Sie alles wissen!“, staunte ich. "Und wie Sie Freiheit sagen!"

"So? Wie sage ich denn Freiheit?"

"In einer Weise, dass man kotzen möchte. Hörst Du es auch? Sie sagt Freiheit, und man denkt an ein Zuchthaus. Da kann doch etwas nicht stimmen, was?"

„Nun lassen Sie ihn doch endlich los!“, rief sie. Ich hielt meinen kleinen Gefangenen weiter fest und fragte das Fräulein: „Ach, sagen Sie einmal, da fällt mir doch gerade etwas ein, Verehrteste: Essen Sie eigentlich Hühnchen?“

Sie schämte sich. Der Sperling verbiss sich wieder in das Hautstück; er zog und zerrte mit dem Schnabel und kniff dabei vor Anstrengung die Augen zusammen. Dann gab er auf und schaute mich eindeutig überheblich an.

„Hör mal, Du“, sprach ich zu dem Spatzen, „Glotz bloß nicht so wütend. Wenn ich jetzt die Hand zu-drücke, spritzen Dir Deine Augen einen Meter weit nach links und rechts davon. verstehst Du, wie gefährlich Deine Lage ist?!“

Der Spatz betrachtete mich weiter aufmerksam.

„O nein!!“, rief sie, „Das tun Sie nicht!“

„So, meinen Sie? Nennen Sie mir lieber ganz schnell einen plausiblen Grund, weshalb ich es nicht doch tun sollte!“, knurrte ich.

„Glauben Sie, Sie sind Gott?“, fragte sie mit der mütterlichen Hinterlist eines weiblichen Irrenarztes.

„Ach, lenken Sie doch nicht ab“, knurrte ich, „Ihr Freund hier schwebt in höchster Lebensgefahr.“

„Geben Sie ihn doch mir!“, bettelte sie.

„Wohl, damit Sie ihn dann freilassen, was?“

„Ja. Damit ich ihn freilasse. Er hat große Angst!“

Der Sperling strampelte ein wenig und äußerte seinen Unwillen, indem er mit dem Schnabel knackte.

„Er fühlt sich sehr schlecht!“

„Ja, er knirscht vor Wut mit den Zähnen“, bestätigte ich.

Sie musste lachen und ärgerte sich darüber. „Vögel haben keine Zähne“, sagte sie. „Er fürchtet sich vor Ihnen!“ Hier fiel ihr etwas ein, und sie fügte mit den Wimpern klimpernd hinzu: „Und ich auch!“

Ich nickte. „Sagen Sie mal“, fragte ich sie dann, „Haben Sie eigentlich nichts anderes zu tun? Irgen-detwas Vernünftiges? Ein paar Flugstunden von hier verhungern Kinder. Ein paar Straßenbahnmi-nuten von hier werden täglich Hunderttausend Vögel, Schweine und Rinder geschlachtet. Ein paar Jahrzehnte in der Zeit zurück werden gerade Millionen vergast.“

„Was sind Sie für ein zynischer Widerling!“

„Ach was, kommen sie mir doch nicht mit Mitleid! Ich bin hier ebenso gefangen. In der Faust Gottes. Für mich betet allerdings niemand. Ja, eben, apropos Mitgefühl: Beten doch einfach Sie für mich. Wenn es hübsch klingt, öffnet sich vielleicht meine göttliche Hand.“

Sie überlegte einen Augenblick. „Haha!“, sagte sie dann.

„Haha? Das ist alles, was Sie dazu sagen können? Na, dann passen Sie mal fein auf jetzt…“ Ich vertief-te die senkrechte Falte über meiner Nasenwurzel und näherte beide Brauen dieser Falte. Entschlos-sen blickte ich auf den stillen Sperling und tat, als wollte ich meine Faust zudrücken.

„Um Gottes Willen, nicht!“, quietschte das Fräulein.

„Sitzen Sie still und schauen Sie zu!“, befahl ich. Ich ergriff das übrig gebliebene Stück Waffel und warf Krümel vor mich auf die Steine hin. Die Szene von vorhin wiederholte sich präzise - zwei Dut-zend Vögel umwimmelten alsbald aufgeregt pickend unsere Schuhe, und keiner dieser anderen Spatzen interessierte sich auch nur im Geringsten für meinen Häftling. Ignorant und vertrauensvoll verschlangen sie Waffelteig.

„Bitte. Da sehen Sie es“, meinte ich.

„Und? Was soll das nun beweisen?“

„Seine Artgenossen sind, wie Sie bemerken können, keinen Deut besser als ich“, erwiderte ich, „Viel-leicht tut es diesem Kerlchen hier ja ganz gut, einmal zwei Minuten lang nicht Teil seiner Natur zu sein, was meinen Sie?“

Der Sperling sträubte sein Kopfgefieder und glotzte munter aus meiner Faust hervor. Sie überlegte.

„Sie brauchen nicht zu überlegen“, sagte ich. „Sie sind die Beste. Sie setzen sich spontan für den Er-halt eines Tierlebens ein, etwas, das noch nicht einmal seine Artgenossen tun. Also, wenn einer von denen hier auch nur ein Wort sagen würde, ich ließe ihn sofort fliegen.“

„Die können doch nichts sagen! Bitte lassen Sie ihn doch frei! Was reden Sie nur für einen Unsinn!“

„Es scheint Sie im Übrigen viel mehr zu quälen als ihn“, fuhr ich fort. „Schauen Sie nur, wie gut es ihm geht.“ Tatsächlich schien sich der Sperling gerade recht wohl zu fühlen. Er plusterte und räkelte sich.

„Ja, aber was soll denn das Ganze?“, fragte sie.

„Woher soll ich denn wissen, was das Ganze soll?“, murrte ich, „Ich habe hier nur einen sehr winzi-gen Teil des Ganzen. Ich habe einen Sperling in der Hand, und jedermann weiß: Der Spatz in der Hand ist…“

„… besser als die Taube auf dem Dach, ist ja gut nun, das kenne ich!“

Ich zeigte auf den Rand des Cafehausdaches. Dort saß eine lange Reihe Tauben in der Sonne.

„Das kann ich mir denken! Die hätten Sie wohl gern auch noch!“, rief sie aus.

„Geben Sie auf!“, erwiderte ich, „Der Spatz gehört mir! Es ist mein Spatz! Meiner ganz allein!“

„Er gehört der Natur! Ihnen gehört gar nichts! Machen Sie mal die Augen zu, dann wissen Sie, was Ihnen gehört! Gar nichts!“

„Humbug!“, versetzte ich, „Ich fange doch mit Hähnchenverfresserinnen keine Grundsatzdiskussion über den Lebenswert von Vögeln an!“

Sie schwieg und betrachtete mitleidig den Sperling, spitzte den hübschen Mund zu ihm hin und brachte zärtlich klingen sollende Laute daraus hervor. Der Spatz hatte sich inzwischen gemütlich in meiner locker geschlossenen Faust eingerichtet. Geradezu behaglich spreizte er die Krallen an sei-nen zwischen meinen Fingern herausragenden Beinchen.

„Hier, wollen Sie ihn mal streicheln?“

Sie zuckte zurück, als ich ihr die Faust vors Gesicht hielt.

„Ich esse auch keine Hühnchen mehr!“, sagte sie nach einer Weile leise.

„Haha!“, rief ich aus, „Oh, ich verstehe! Ja, das denken Sie sich wohl so! Ich lasse ihn frei, und dann treffe ich Sie schon morgen am Hähnchenstand wieder, was? Mit einem großen Knochen, der Ihnen aus dem Mund ragt! Nein! Ich traue Ihnen nicht! Gehen Sie doch demonstrieren. Freiheit für die Singvögel! Tätä!“

Der Sperling gähnte. Das Fräulein schwieg.

„Na, ich glaube“, meinte ich nach einer weiteren Weile, „Ich bin wohl doch kein Ungeheuer.“

„Ach ja?“, äußerte sie spitz. „Und warum nicht?“ Der Sperling rumorte ein wenig.

„Nein“, sagte ich, „Ich bin keines. Immerhin bemerke ich gerade, dass ich lerne.“

„Ach, und was lernen Sie?“

„Ja sehen Sie einmal, Sie junge Geflügelvertilgerin, mir ist gerade aufgefallen, wie intensiv ich mich nach einer völlig anderen Situation sehne. Nach einer, in der Sie absolut nicht vorkommen.“

„Sie brauchen ihn nur freizulassen“, freute sie sich, „Und schon sind Sie mich los.“

„Das ist es ja eben“, meinte ich. „Ich lerne, wie teuer es bereits ist, einen bedeutungslosen, kleinen Vogel nur ein paar Minuten lang gefangen zu nehmen. Es hat für Sie ein Leben vor mir gegeben, es wird ein Leben nach mir geben. Was hat nun dieses arme Federhäufchen damit zu tun? Es ist für Sie nur ein Argument, mit mir ins Gespräch zu kommen. Und ich muss mir all den dummen Dreck anhö-ren, den Sie seit Minuten von sich geben, mit diesem, äh, Mund in diesem, äh, Gesicht. Alles nur we-gen der kleinen Internierung hier? O nein! Wir gefallen Ihnen, ich und er!“ Ich zeigte erst auf mich, und dann auf meinen erwartungsfroh glotzenden Gefangenen. Kampfbereit folgte seine Schnabel-spitze meinem Zeigefinger.

„Also was denken Sie“, fuhr ich fort, „Wie teuer erst eine Hühnchenkeule ist. Man merkt es nur nicht so direkt. Aber es dürfte sich doch insgesamt recht kostenintensiv darstellen, meinen Sie nicht auch? An den knusprigen Schenkelchen hängt schließlich eine Menge mehr Gewalt, als meine bezwingende Faust gerade ausübt.“

Sie schwieg weiter und betrachtete den kleinen, flauschigen Kopf, der aus meiner Hand herausragte.

„Es ist fein“, sagte ich, „Dass Sie schweigen. Da sehen Sie gleich wieder hübscher aus. na ja, direkt hübsch nicht, aber immerhin nicht so...“

„Komplimente von Ihnen?!“, fuhr sie auf. „Dass ich nicht lache!“

„Ja, dass Sie nicht lachen, das ist gerade Ihr Bonuspunkt. Leider ist es Ihr einziger. Also versuchen Sie nicht, meine Handlungen in Frage zu stellen, sondern kümmern sie sich gefälligst um Ihre eige-nen.“

„Wie reden Sie denn mit mir?!“, versuchte sie sich in Empörung. Ich erwiderte, das sei die falsche Frage, es müsse heißen: „Warum rede ich denn mit Ihnen?“

 

Es war ihr egal, was ich ihr für Beleidigungen an den Kopf warf. Sie wollte weiterdiskutieren. So lan-ge der Sperling blieb, würde sie bleiben. Ich gähnte und betrachtete den geduldigen Vogel. Sie hielt eine Rede über Vogelschutz.

„Ach wissen Sie“, unterbrach ich sie endlich gelangweilt, als sie sich gerade zum Stellvertreter des Vogels ernannt hatte, der sich nicht wehren könne, „Ich glaube, ich werde ihn jetzt ein wenig quet-schen.“ Und ich spannte die Sehnen an meinem Handgelenk sichtbar an. Sie schrie auf.

„Sie Ungeheuer! Ich zeige Sie an! Hören Sie auf! Ich zeige Sie an!“

„Tun Sie es nur“, sagte ich ruhig, „Und vergessen Sie nicht die Selbstanzeige wegen der Weihnachts-gans vom letzten Jahr! Dem armen Tierchen hier wird es leider nicht mehr helfen. An mir könnten Sie vielleicht noch Vergeltung üben, unser kleines Vögelchen hier indes - nun ja…“ Wieder machte ich Miene, meine Finger fester um das freundlich guckende Federknäuel zu schließen. Sie schwieg erstarrt und rollte wild die Augen. In ihrem Entsetzen lag etwas unangenehm Gekünsteltes.

„Was ist?“, fragte ich schließlich ganz ungekünstelt, „Wäre Ihnen das Leben dieses seltenen Vögel-chens eine Nacht Sex mit mir wert?“

„Und Sie immer mit dem Sperling in der Faust?!“, rief sie entrüstet.

Ich lachte. An den Sperling gewandt sagte ich: „Nicht wahr? Sie hat eine seltsame Phantasie.“ Der Vogel äußerte: „Gneck!“ und blinzelte ansonsten still und friedfertig in die Sonne. Die Innenfläche meiner Hand spürte seinen Herzschlag.

„Noch schlägt sein armseliges, kleines Herzchen!“, bemerkte ich drohend.

„Er hat wenigstens eines!“, rief sie

„Opfern Sie für ihn eine Nacht“, beharrte ich. „Manche tun’s für totes Geld. Ihr Motiv wäre viel eh-renhafter.“

„Das können Sie nicht ernst meinen! O nein, das meinen sie nicht ernst. So schlecht sind sogar Sie nicht!“

„Haben Sie eine Ahnung“, knurrte ich, „Ich glaube, ich habe mich entschlossen, ihm den Kopf abzu-beißen.“ Probehalber öffnete ich meinen Mund und näherte die Hand mit dem Sperling der Öffnung. Interessiert staunte der Sperling in die sich auftuende Öffnung.

„Nein! Nicht! Sie quälen Tier und Menschen!“

„Früher“, meinte ich versonnen, „Hat man den Göttern nicht nur Tiere, sondern auch Menschen ge-opfert...“

„Diese Zeiten sind seit Jesus Gott sei Dank vorbei!“, rief sie sofort.

Ich erwiderte, das würde ich nicht verstehen. „Nicht wahr“, sprach ich zu dem Vogel, „Das verstehen wir nicht?!“

Brav erklärte sie, dass es kein größeres Opfer geben könne, als der Welt sein Leben zu opfern. Weit über aller Schacherei stünde dies, und über jedem zeremoniellen Gehabe. Ich wandte ein, dass es vielleicht doch noch ein größeres Opfer geben könne.

„Da bin ich aber sehr gespannt!“, rief sie.

„Nun, zum Beispiel die Welt einer anderen Welt zu opfern“, sagte ich.

„Sie haben doch einen - “ piepte sie entrüstet.

„Richtig“, freute ich mich. „Und mit dem mache ich, was ich will. Umso dümmer Ihre Sprüche werden, desto gefährlicher lebt das niedliche Federknäuel hier…“

„Ach, lassen Sie ihn doch los!“, bettelte sie, und sie zeigte ein bestrickend untertäniges Gesicht.

„Versprechen Sie sofort, mindestens ein halbes Jahr kein Geflügel mehr zu essen!“, forderte ich, und ich öffnete abermals nahe am Vogelkopf weit und ernst meinen Mund. Der Sperling blickte furchtlos, mit schräggelegtem Kopf in die Dunkelheit.

„Und wenn ich es verspreche?“, fragte sie, „Dann lassen Sie ihn frei und fangen sich in zehn Minuten den nächsten?“

„Unser Gespräch wird bedrohlich sinnlos, meine Liebe!“, flüsterte ich streng. „Ich mache Ihnen ein letztes Angebot: Gestehen Sie, dass Sie mich lieben, und das liebe Vögelchen hier erhebt sich alsbald in den warmen Sommerwind.“

Sie starrte mich an. Sie tut es noch heute. Acht Jahre sind vergangen, seit ich den Sperling wieder fliegen ließ.

 

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

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Der Spatz in der Hand

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