„Es geht ja in der Werbung heute eher darum, die Leute vergessen zu machen, was Werbung eigentlich ist…“

Donnerwetter! Ein echter Satz! Der erste heute, und es war schon spät am Nachmittag. Ich horchte auf. Bereits arg zusammengerutscht entdeckte ich mich in einem Kaffeehaussesselchen wieder. Irgendwie war ich in der letzten Stunde bis in die zweite Dimension zurückgesunken; soeben hatte ich mich dabei ertappt, dass ich über das Problem der Kante bei randdefinierten Flächen nachgedacht hatte, während rings um mich das frühsommerliche Leben brauste und duftete…

 

Ganz offensichtlich handelte es sich bei dem Dialog am Tisch nebenan um ein lockeres Bewerbungsgespräch. Der Hauptteil dieses Gespräches musste während meines Grübelns stattgefunden haben, es schien bereits in die Endrunde zu gehen. Der junge Herr, welcher soeben den markigen Satz über die Werbung geäußert hatte, würde, so meinte ich zu erkennen, wohl angenommen werden. Ich betrachtete ihn von der Seite. Bereits jetzt glich er in seinem Gehabe und seinem Äußeren, sogar in seinem Gesichtsschnitt, dem Älteren mit dem grauen Pferdeschwanz fatal. Der Ältere wirkte ausgebrannt und ideenlos. Die Reste seiner Lebenskraft schien er mir damit zu verbrauchen, dies andere nicht merken zu lassen. Er benötigte die Energie des Jungen dringend. Der Junge spürte das genau. Er hatte seinen Gesprächspartner bereits in der Tasche, redete jetzt wohlformuliertes, innovatives Zeug, inhaltslosen Käse, den der Ältere geradezu begierig aufsog, und ich wunderte mich, dass der  Jüngere nicht entschlossen auf seine Gehaltsvorstellungen zu sprechen kam.

 

„Das hört sich alles recht gut an, meine ich“, sagte der Grauhaarige endlich sanft. „Zusammengenommen mit dem, was hier vor mir liegt…“ Er blätterte kommentierend in einer schmucken, schwarzen Mappe mit Goldaufdruck. „Vielleicht wollen Sie jetzt bitte noch ein paar Worte darüber verlieren, wie Sie Ihre Kontakte machen?“

‚Er hat Worte verlieren gesagt, nicht Worte sagen’, dachte ich. Etwas darin, wie er das Wort ‚verlieren’ betont und dabei abermals rasch zu mir herübergesehen hatte, gefiel mir gar nicht. ‚Pass auf Kleiner’, dachte ich ‚der legt Dich herein.’

 

„Viel interessanter als der eigentliche Kontakt ist doch die Kraft auf der Visitenkarte, meine ich“, tönte der junge Herr Bewerber aufgeräumt.

‚Das war’s, Du armer Idiot!’, dachte ich entsetzt, und noch entsetzter war ich darüber, dass ich diesen mitfühlenden Satz noch denken konnte. Und die Antwort jedoch des Älteren gab mir den letzten Rest, denn sie bestand aus einem Lachen, einem sich herzlich gebenden, basstönenden Lachen, welches zwischen zwei strahlend weißen Reihen großer Zähne hervorkam. Diesem Lachen folgte eine Art Japser, ein Luftholen, vermittels dessen der Mann offensichtlich den ganzen Nachmittag einzusaugen versuchte: „Jaja!“, rief er dann laut, „Die Werbung ist schon eine geile Tante, was?!“

„Ja, das ist sie!“, freute sich der junge Mann mit, und kollegial fügte er an: „Wen wir bei uns am Kacken halten, der muss auch scheißen können!“

 

Plötzlich fragte der Silberschweif nach einem weiteren, blitzschnellen Seitenblick auf mich (Pass mal auf, Schiedsrichter, jetzt kommt er, mein Trick!): „Sagen Sie mir doch einmal nebenbei: Sind Sie ein religiöser Mensch?“ Dem Jüngeren war der rasche Blick nicht entgangen. Ihm entging überhaupt nichts. Auch er fotografierte mit allerkürzester Belichtungszeit eine Momentaufnahme von meinem abwartend-fragenden Gesicht mit den etwas hochgezogenen Brauen. Daraufhin lächelte er nett und kalt, und er antwortete: „Religiös? Nun, ich bin ein großer Verehrer der Cyranoa regula, der Gemeinen Ringelblume. Ist das für Sie eine zufriedenstellende Antwort?“

 

‚Rumms, jetzt hat sein Glück ein jähes Ende gefunden!’, dachte ich, und es war tatsächlich so, aus einem ganz anderen Grunde allerdings, als ich angenommen hatte. Der Graugeschwänzte schob sich sorgfältig seine teure, randlose Brille auf der breiten Nasenwurzel zurecht und lächelte nun ebenfalls. Eine nervenaufreibende Weile lang tat er, als ob er über die eben gehörten Worte sinnieren würde.

„Da verehren Sie seit Jahren den falschen Gott, mein kluger, junger Freund“, ließ er sich schließlich mit hässlich in den Nachmittag schneidender Stimme vernehmen. „Die Gemeine Ringelblume ist von jeher als Juglans cirmanensis gargantua definiert. Sie werden mir daher verzeihen, wenn ich nun doch offen ausspreche, was sich in mir während unseres aufschlussreichen Gespräches langsam als Meinung verdichtet hat? Für Spinner wie Sie hat unsere Agentur weder Platz noch Zeit. Der Kaffee ist bezahlt. Guten Tag, junger Mann! Ach ja, und viel Erfolg im weiteren Leben. Werden Sie doch Penner! Cyranoa regula, dass ich nicht lache!“

 

Damit erhob er sich, und er lachte. Seinen bezogenen Aktenkoffer sparsam auspendelnd schritt er davon. Scheinbar weiterhin stark amüsiert sah ich ihn im Gehen den Kopf schütteln. Der Jüngere saß eine lange Weile starr, wie vom Blitz getroffen. Einige Male schaute er mit steifem Hals zu mir herüber. Etwas Flehendes lag in seinem Blick. Angelegentlich sah ich in die Ferne und deutete ein fröhliches, kleines Pfeifen an. Schließlich sprang er aus seiner Bewegungslosigkeit auf und lief in brettsteifer Körperhaltung schnell über den weiten, sonnenhellen Platz, eine Art menschengroßer Nussknacker im Spätsommer.

 

Ich saß noch eine Weile, dann bezahlte ich und ging gleichfalls meines Weges. Als dieser mich an einer kleinen Drogerie vorüberführte, fühlte ich mich von deren Eingang magisch angezogen. In hübschen, weißen Körben lagen dort die Sonderangebote des Tages aus. Was fand ich an diesem einsamen, staubigen Laden nur so spannend? Mein Blick fiel auf die bunten Tuben in den Körben, Tuben mit verschiedenen Arten von Salben. Kamillensalbe, Salbe mit Zitronenmelisse. Ringelblumensalbe. Ich griff mir eine der hübsch gestalteten Tuben heraus, drehte mich in die Sonne und las blinzelnd die auf der Rückseite abgedruckte Ingredienzienliste durch. Calendula officinalis war der lateinische Name des kleinen, freundlichen Pflänzchens. Und nach aller Verblüffung war ich ernstlich in Versuchung, stattdessen hier noch einen weiteren falschen Namen hinzuschreiben. Damit ich, so, wie die beiden Herren von der geilen Tante von mir, ebenfalls von jemandem überführt werden kann.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Eclipta alba

Zurück zu den Leseproben

Site:  R. L. Sanatanas Berlin 2017   |   Alle Rechte © an Text und Bild beim Autor