Heute wieder Fritz getroffen, beim Vorüberradeln am Café „Butter“, dem ehemaligen Café „Eckstein“ an der Ecke Pappelallee - Raumerstraße. Immer dasselbe mit uns: Ich rufe: „Guten Morgen Frie- hietz!“, und er fährt aus seinem Stuhl hoch und bekommt einen knallroten Kopf vor Wut. Fritz ist immer noch ärgerlich auf mich, wegen einiger dummer Bemerkungen, die ich vor langen Jahren gegen ihn abgelassen hatte. Aber inzwischen ist etwas in seinem Zorn, das uns beide lachen macht.

 

Friedrich Wilhelm Tassilo Rosen war ein gebildeter Mann. Faul und träge war er, wegen seines wohlhabenden Elternhauses, aber auch enorm bildungshungrig in seiner Langeweile. Er lernte Chinesisch und eine sehr hübsche Frau kennen. Man umrundete die Welt, pflegte eine äußerst kultivierte Beziehung, hatte beiderseits zufriedenstellenden Sex, las gemeinsam Bücher, besuchte Theater. Zwölf Jahre lang.

 

Dann kam der milde Herbstnachmittag, an dem man in Strandliegestühlen in einem holländischen Café saß und übers Meer schaute, und es kam ein junger Neger vorüber. Hochgewachsen wie ein Massai war er, und seine Schritte federten. Er warf im Gehen einen Blick auf Friedrichs Gemahlin, ihre Augen trafen sich, und Friedrich Wilhelm Tassilo Rosen fuhr etwas Eiskaltes bis auf den Grund seines Herzens. Wenige Tage später fand er, dass die Liebe seiner Frau zu ihm eine eigentümliche Verwandlung erfahren haben musste - alles war zwar genau wie vorher, doch Friedrich meinte, in ihrer Hingabe nun raffinierten Dienst zu erkennen. Ihre ihm vordem so unabsichtlich und lieb erscheinenden Handlungen und Worte schienen nun seltsam präzise zu sein und auf einen ihm nicht zu ergründenden, aber unbedingt gefährlichen Hintergrund hinzudeuten. Und immer häufiger dämmerte hinter seiner Stirn das Bild dieses Massai auf, diese kurze Sequenz, dieser eine, einzige Blickwechsel.

Wenige Wochen danach fand Friedrich Wilhelm Tassilo Rosen im Hotelzimmer des kleinen Städtchens nur noch eine kleine, weiße Pappkarte mit einem dürren Abschiedsgruß seiner Frau vor. Er sah sie nie wieder.

 

Friedrich kehrte nach Berlin zurück. In der ersten Zeit schloss er sich in seine winzige Einzimmerwohnung auf dem Prenzlauer Berg ein, ließ die Vorhänge geschlossen und stellte sich seine weiße Frau und den verfluchten, schwarzen Mann immer wieder dabei vor, wie er überraschend auftauchen und ihnen konzentrierte Salzsäure in ihre Gesichter spritzen würde. Dann legte er sich einen kleinen Plan zurecht, an den er sich strikt hielt; er wanderte Runden durch seinen Kiez, las Zeitungen in Kaffeehäusern, redete Belanglosigkeiten mit Bekannten. Abends in seinem Zimmer masturbierte er, bis er müde wurde, und am nächsten Morgen fing das alles wieder von vorn an. Winter und Sommer vergingen, und Friedrich hatte zu ignorieren begonnen. Doch wie bei einem Alkoholiker, der zwar über Jahre trocken bleiben könnte, dessen Krankheit jedoch nach dem ersten kleinen Schnaps alsbald wieder in voller Stärke zum Ausbruch kam, konnten Friedrich zufällige, winzige Erinnerungen, die aufblitzten - wie etwa ein vorübergehendes, schwarz-weißes Pärchen oder ein Foto der kleinen Stadt von damals in irgendeiner Illustrierten, wieder zurückwerfen in die ganze schreckliche Gewalt seiner geistigen Vernichtungswut.

 

Heute noch sitzt Friedrich zu bestimmten Zeiten in bestimmten Kaffeehäusern und liest mit gerunzelter Stirn in Tageszeitungen und Magazinen, und seine Geschichte könnte damit eigentlich zu Ende sein. Entlassen werden könnte er, in das unzählbare Heer jener bitter Enttäuschten, die nicht zu begreifen und nicht zu verkraften vermochten, dass genau das, was sich der eine über Jahrzehnte tagtäglich und in jeder Nacht auf das Kultivierteste erbetet, erjammert und erfleht, der andere ohne jegliche Mühe in fünf Sekunden erreichen kann. Dass es der sanftesten, erzieherische Zivilisiertheit niemals gelingen kann, einer unerforschlichen Natur etwas vorzuenthalten. Dass keine Erklärung der Liebe genügen wird.

 

Aber Friedrichs Geschichte ist noch nicht zu Ende. Irgendwann, aus ihm selbst unverständlichem Anlass, hatte er sich entschlossen, sich seine Frau zurückzuerobern, um den Preis seines Lebens, wenn es sein müsste. Nach jedem Zornesanfall, den er zu erleiden hatte, rief er ihm sehr logisch klingende Sätze aus, wie: „Und fortan sollst Du ein jedes Mal, wo ich wegen Dir wütend werden muss, schwer krank werden. Daher bleibt Dir von nun an nur dies übrig: Mir möglichst wenig zuzutrauen, auf dass sich nicht verwirkliche, was ich Dir wünschen muss!“

 

Friedrich begann mit exzessiven Schweige- und Fastenübungen; er vollführte lange Fußmärsche durch die Stadt, versuchte, mit den Olympiern, den alten, freundlichen Göttern seiner Kindheit, wieder in Kontakt und ins Geschäft zu kommen, um einer langfristig wirksamen, stetigen Segnung wegen, seine Frau wieder zurückzuerhalten - Friedrich verwandelte sich völlig und erschien doch für die wenigen Bekannten, die er hatte, ganz unverändert. Zwar blieb er immer der Ansicht, dass eine unumkehrbare Wandlung sich in der Frau vollzogen haben würde, auch, dass selbst seine mächtigste Vergebung jeden Neuanfang immer schmälern musste. Doch er kämpft weiter, still, allein, durchlebt unsäglichen Hader, der aus geistigen Welten auf ihn niederprasselt, und er bildet sich ein, dass mit jeder Runde, die er läuft, mit jedem Brötchen, auf das er verzichtet, die Verbindung zwischen ihm und der Frau, ganz gleich, wo sie sich gerade befinden mag, immer stärker und stärker werden muss. Heimlich meint er zu wissen, dass sie, wenn es ihm gelänge, sie zurückzuerobern, ihn mit der Macht, die sie inzwischen hatte, töten würde, und es würde wie Liebe aussehen. Sie, die ihm das selbstverständliche Leben bedeutet hatte, ist zu seinem Tod geworden. Immer weiter, immer tapferer, kämpft er sich auf ihn zu. Menschen gibt es inzwischen, die ihn mit scheuem Erstaunen und mit Ehrfurcht ansehen, und vielleicht auch Götter und Geister.

 

Friedrich will keine Ewigkeit ohne Sie, und allein sein will er nie mehr.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Rosenkrieg

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