Sämtliche Tische sind besetzt, als ich in das lärmerfüllte Café trete, und ich will deswegen gerade vor Zorn platzen, da stehen direkt neben mir welche auf, und ich habe einen kleinen Vierplatztisch. Ich postiere meine Tasche auf den Sitz neben mir, um es wenigstens möglicherweise hereinkommenden Dreiergruppen unmöglich zu machen, sich mir zuzugesellen.

Gleich darauf, ich habe mir eben eine Seite zurechtgelegt und drehe geistvoll einen Stift in der Hand, zwei Fräuleins und ein Bursche.

„Hockt da wer?“ Eine Schweizerin.

„Wo?“

„Da, wo die Tasche steht.“

„Ja. Da sitzt schon wer!“ Sehr gut, sie gibt schon auf.

Die andere, asiatisch aussehend: „Und wo ist er? Vielleicht geht er gleich?“

„Ich denke, er ist nur eben zur Toilette gegangen.“

„Lass uns doch gehen.“

„Ach, wir können doch mal warten!“, jauchzt der Knabe effeminiert, „Vielleicht geht der ja. Kommt, wir warten! Ist er schon lange weg?“

„Nicht so lange.“

„Na, wir warten!“

„Ja! Wir war- ten!“ Die tückische Asiatin.

Meine Tasche gehörte mir nicht mehr.

„Und? Wo bleibt denn der Herr, was?“

Jedenfalls bringen sie dann die Tasche zur Cocktailbar, setzen sich, und ich kann nicht mehr bezahlen...

Die schon etwas betrunkene Schweizerin und ihre asiatisch aussehende Freundin unterhalten sich mit ihrem schwulen Freund über das Für und Wider der Rasur von Schambehaarung beim Sexualpartner. Dazu läuft sehr laute Rockmusik. Auf dem Tisch quellen Aschengläser über, brennt eine traurige Kerzen herunter, und manchmal glimmen eisblau die Displays von sehr modern und teuer aussehenden Taschentelefonen auf, wenn einer der Drei aus seiner persönlichen Außenwelt eine Textnachricht erhält. Die weizenblonde Schweizerin lallt angestrengt, dass sie von einer Beziehung gefälligst erwarte, dass man sie so nähme, wie sie sei. Ich schaue über meinen Brillenrand nach, wie sie ist, und werde dafür mit einem urmütterlichen Blick der Asiatin abgestraft. Nachher, wenn sie endlich wieder weg sind, werde ich mir vom Kellner meine Tasche wiederholen.

„Ich könnte auch mit dem Wetter beginnen“, schreibe ich angestrengt vor mich hin, „Viele gute Geschichten fangen schließlich mit dem schlechten Wetter an, unter dessen Einfluss sie sich dann hervorragend entwickeln. Doch der Wetterbericht könnte den heutigen Tag vergleichbar machen, und das würde ihm nicht gerecht werden. „Außerdem gibt es Gründe, weshalb das Wetter in den Nachrichten erst ganz am Ende kommt, noch nach den Sportmeldungen. Zu der meine Geschichte durchziehenden Zeit liegt das Verhältnis von Glücks- zu Unglücksmeldungen in den Haupttagesnachrichten eins zu neunundzwanzig. Ich habe es mir also angewöhnt, die Abendzeit der Haupttagesnachrichten in einem ordinären Cafe zu verbringen, wo zwar sehr vermutlich das Verhältnis von Glücks- zu Unglücksmeldungen nicht nur eins zu neunundzwanzig, sondern mindestens…“

Laut spricht der Schwule mir in den Text, er stünde auf große Füße.

„Nein, nein!“, erwidert die Schweizerin, das hieße 'auf großen Füßen' oder vielleicht auch 'auf großem Fuße', aber dann würde man nicht 'ich stehe' sagen, sondern 'ich lebe'.

„Nein, nein!“, erwidert der Schwule, er meine nicht seine eigenen Füße, hingegen die seiner Tzexuaalpartner.

„Ach so, igitt!“, schaudert die Schweizerin, und der Schwule breitet aus, er habe kürzlich mal einen im Bett gehabt, dessen dermaßen nackte Zehen hätten auf der weißen Landschaft des Lakens dreingeschaut, wie verwaiste Bauernkinder im Schnee. Und sie hätten ordentlich nach Füßen gerochen. Da habe er weinen müssen. Die Asiatin zeigt überaus aufmerksame, nasse Augen, das Schweizermädel ekelt sich hingebungsvoll.

Ich beginne, die Stühle im Raum zu zählen. Später, wenn ich tot und berühmt bin, wird irgendein findiger Statistiker es noch einmal tun und meiner Geschichte mangelnde Plausibilität vorwerfen.

„Na, jedenfalls, wir sind grad beim Knöpern...“, sagt der Schwule.

„Beim was?“, fragt die Asiatin.

„Beim Knö- , ach so, beim Ficken!“, erklärt der Schwule.

„Ach so, beim Ficken!“, ruft die Schweizerin erleichtert aus.

„Mit dem mit den Zehen wie ausgesetzte Bauernsöhne im Winter?“, fragt die Asiatin leise.

Der Schwule nickt. „Bauernkinder. Und nicht ausgesetzt. Verwaist.“

„Knöpern merke ich mir“, lallt die Schweizerin, „Das klingt mal ganz anders als immer nur Ficken, Ficken, Ficken!“

Die letzten drei Worte hat sie wieder laut gerufen und dabei ihre asiatische Freundin herausfordernd angesehen.

„Soll ich jetzt weitererzählen?“, fragt der Schwule.

„Joa!“, ruft die Schweizerin.

„Nein“, sage ich.

„Dann gehen Sie doch woanders hin…!“, quiekt die Schweizerin auf.

„…wenn Sie was gegen Schwule haben!“, ergänzt die Asiatin dumpf bellend.

„Herrgöttli, wo leben wir denn?!“, ruft die Schweizerin, „Wir leben im Jahr Zwei-tau-send-und-zehn, falls Sie das noch nicht bemerkt haben! Da hat niemand mehr was gegen...“

„Und da sagt der Kerl doch plötzlich, ich soll ihn beschimpfen und ihn dabei Melanie nennen“, wagt der Schwule aufmüpfig, und er schaut mich etwas ängstlich und etwas herausfordernd an.

„Sie!“, lallt die Schweizerin. Sie zielt mühsam mit dem Finger auf mich

„Da, schauen Sie nur; Mademoiselle“, erwidere ich, „Wenn man mit einem Finger auf jemanden anderen zeigt, zeigt man auch gleich mit Dreien auf sich selbst.“

Verblüfft betrachtet die Schweizerin ihre Zeigehand. „Ja, stimmt!“, freut sie sich.

„Hahaa! Aber nicht wenn man es so macht!“, sagt der Schwule, „Man kann so eine Steven- Hawking- Hand machen beim Zeigen, hier, so, dann klappt das aber nicht mehr, mein Herr! Außerdem: So wie Sie hält man die Hand auch beim Schießen. Und dann würde ja der Andere zwar eine Kugel abkriegen, Bhuumm!, man selber aber gleich drei, Babbabhuuumm! Nein, nein, mein lieber Herr, so geht das ja nun nicht mit der Gerechtigkeit!“

 Die Asiatin hat den Schwulen während seiner Sätze unverwandt angesehen. Nun nickt sie und greift heftig nach seinen Fingern.

„Ich finde es trotzdem gut“, sagt die Schweizerin zu mir, „Es ist eine, hupp, Weisheit. Schade, dass Sie was gegen Schwule haben.“

Höflich erwidere ich der Schweizerin, dass ich durchaus nichts gegen Schwule hätte, ganz im Gegenteil schriebe ich gerade an einer Geschichte, in der eine Tunte vorkommen würde. „Was für ein Zufall, nicht?“

„Aha! Eine Thunthe!“, ruft der Schwule.

„Weißt Du, Ehrengard, das mit der Hawking- Hand war nämlich auch nicht so in Ordnung“, sagt die Schweizerin zum Schwulen, und sie sieht mich tief an.

„Na was denn, er hat doch so eine Hand, oder? Hat er so eine Hand, oder nicht?“ Der Schwule zeigt noch einmal die Hand. Die Asiatin nickt.

Der Schwule greift nach mir. „Die Thunthe…“ erinnert er mich.

„Ja, sehen Sie - mein Schwuler, ich meine, der in der Geschichte hier, der Papierschwule, nein, der Tintenschwule…“

Die Schweizerin lacht grell.

„Er ist noch nicht so weit, mit seinem Tintensexualpartner. Und da hat es mich gewissermaßen gestört, dass...“

„Noch nicht beim Knöpern, was?!“, ruft die Schweizerin.

„Nein. Erst beim Rasieren.“

„Ohohoo!“, ruft der Schwule, „Gegenseitig? Das kann aber schapannend werden!“ Wütend mustert mich die Asiatin.

„Darf ich hier dann bitte kassieren? Schichtwechsel“, sagt die blasse Serviererin. Sie kennt mich, ich flüstere ihr das mit der Tasche, und sie lächelt und nickt. Ich beginne, mein Schreibzeug einzupacken.

„Ich bin ja selbst auch eine extrem sexuelle Mensch, aber...“, sagt die Asiatin gerade, als ich von den Garderobenhaken zurückkomme, und sie unterbricht sich, da ich noch einmal an den Tisch trete, meinen Shal vom Stuhlsitz zu pflücken.

„Na, was denn? Füße müssen nach Füßen riechen!“, freut sich gerade der Schwule.

„Und rauchen Sie nicht so viel! Sie husten schon!“, schimpft mich die Schweizerin zärtlich aus. Sie hebt beide großen Hände und zwickt mit den Mittelfingern gegen die Zeigefinger.

„Ah, das bedeutet Krebsscheren!“, sage ich.

„Ja, Krebsscheren!“, knurrt die Asiatin dumpf.

„Wussten sie eigentlich, dass Krebse, die man in den Monaten ohne R fängt, am besten schmecken sollen?“, frage ich den Schwulen und knöpfe mir die Jacke zu.

„Nein, was denn?!“, ruft der Schwule. Er beginnt, an den Fingern abzählend, die Monate vor sich herzusagen.

„Sie reden eine Quatsch!“, knarrt die Asiatin.

„Gibt es eigentlich auch schwule Tiere?“, schreit die Schweizerin. Zwei Männer am Nebentisch mustern sie kurz, beide auf genau dieselbe Weise, und sie sehen sich daraufhin kumpanenhaft an, ebenfalls auf dieselbe Weise.

„Märrrz, Aprrril, haben Sie eine Ahnung, was bei den Tieren los ist! Die weitaus meisten sind schwul wie die Nacht! Ah! Mai! Ohne R!“

Die Asiatin zieht ihre Augen visierschmal. „Woher haben Sie denn das?!“, fragt sie mich, als wenn ich ihr den Satz gerade aus der Manteltasche gezogen hätte.

„Das mir der verwaisten Bauernregel im Schnee?“, frage ich und hoffe, mich selbst inständig dafür hassend, auf ein verstehendes Lächeln des Schwulen.

„Haughusst, Septemberrr...“, zählt der Schwule. „Aha! Ab hier schmecken die Krrrebse dann wieder nicht mehr so gut!“

Ich setze meine Mütze auf.

Die Schweizerin ruft bedauernd: „Viel Spaß mit Ihrem Roman! Sie sind bestimmt sehr gut!“

„Der Beste!“, zischt die Asiatin und deutet eine rüttelnde Handbewegung in Richtung auf meinen Hosenschlitz an.

„Mein Lebenstraum wäre es ja, die Zehen eines frisch Erhängten zu lecken“, raunt der Schwule. Er zeigt dabei auf meine lederne Tasche und krümmt dann langsam den Finger. Die Asiatin starrt ihn von der Seite an, ihr Atem hat sich deutlich beschleunigt, sie hat seinen Oberarm so fest gepackt, dass ihre Handknöchel weiß schimmern.

„Vielleicht kann man das ja irgendwann einmal lesen“, sagt der Schwule.

„Schon möglich“, murmle ich.

„Das mit Zweitausendzehn tut mir sehr leid!“, ruft die Schweizerin ehrfürchtig.

„Mir auch“, antworte ich. Ich nicke, gehe zur rot lackierten Tür. In meinem Rücken die Asiatin knurrt dumpf. Der Schwule ruft, dass man eine kleine Stephen- Hawking- Hand, aus Elfenbein, befestigt an einem Stiel, bestimmt gut als Rückenkratzer verkaufen könne.

 

Kalte, frische Luft. Langsam beginnen von oben her weiße Schriftzeilen über das Bild zu laufen. Die Credits, Regie, Schnitt, die Darsteller in alphabetischer Reihenfolge. Die Buchstaben erinnern mich an die Zeichen, die in phantastischen Filmen die Schrift von Außerweltlichen repräsentieren sollen. Bemüht fremde, weiße Runen, die ich erst nach längerer Zeit des Stillstehens und Atmens als das erkenne, was sie wirklich sind: Schnee. Es hat zu schneien begonnen, und mit diesem Schlechtwetterbericht könnte die Geschichte enden, aber die meisten Passanten freuen sich. Es ist der erste, viel zu frühe Schnee in diesem Jahr.

 

Aus der roten Tür des Cafés ist die blonde Schweizerin getreten, die kalte Frische macht sie torkeln. Ein paar Schritte nach links stolpert sie durch die Flocken, dann ein paar nach rechts. Suchend schaut sie die Straße in beide Richtungen hinab. Herüber zu mir sieht sie nicht. Schließlich winkt sie ab und verschwindet klein wieder im Eingang zu dem Café.

Plötzlich fällt mir ein, dass ich noch einmal dort hinein muss, meine Tasche holen.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Multikultureller Abend in Berlin

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