Dass die Hummel nach den Gesetzen der Aerodynamik nicht fliegen könne, war Laras Leitsatz. Die Hummel indes wisse dies nicht, führte Lara stets weiter aus, und sie flöge deshalb immer weiter ganz unverdrossen vor sich hin. Was wollte mir Lara damit sagen? Wer von Gesetzen nichts weiß, für den gelten sie nicht? „Watt ick nich weiß macht mir nich heiß!“, lautete einst eine ganz ähnliche Erkenntnis meines alten Freundes Pit. Pit starb ganz furchtbar und in, man kann sagen, großer Hitze.

 

Ohne Harm taumelt die Hummel über die Blumenwiese. Da trifft sie auf einen Aerodynamiker, der sonnt sich auf der Hummelwiese und schaut dabei Flugzeugen hinterdrein, die aerodynamisch korrekt den postkartenfotoblauen Himmel durchziehen. Der Aerodynamiker bemerkt die ihn glückselig überbrummende Hummel; er stutzt, dann bricht er in ein Lachen aus und ruft: „Haha! Das geht ja gar nicht! Du kannst in Wirklichkeit überhaupt nicht fliegen!“ Die arme Hummel hört das, glaubt es und stürzt alsbald ab. Das Himmelreich des Aerodynamikers ist gerettet, ob die Hummel ins Hummelreich aufsteigen wird, bleibt fraglich.

 

Der Aerodynamiker musste sich entscheiden. Wenn er geglaubt hätte, was er sah, ein völlig gesetzwidrig herumschwebendes Hummeltier - „Ick gloob immer nur, watt ick ooch sehen kann!“, sagte Pit immer, nach innen schauen hätte ihm geholfen, da hätte er den Krebs gesehen - hätte der Aerodynamiker seinen Beruf an den Nagel hängen können. Glaubte er indes weiter die Flugzeuge im Himmelsblau, existierte die Hummel gar nicht. Dann könnte Lara beruhigter Flugzeug fliegen, denn die Gefahr, dass ihr Flugzeug in eine der Lücken der aerodynamischen Gesetzmäßigkeiten krachen könnte, wäre durchaus geringer. Die Hummel zu glauben, ist eine Beschädigung der Realität.

 

Nun gilt dem Menschen die Hummel aber als ein Nutztier, Ihr Schadstoffausstoß ist nur gering, und die Inder wissen, dass sich Radharani, die Geliebte der Höchsten Persönlichkeit Gottes, ausgerechnet eine Hummel ausgesucht hatte, um ihr als Stellvertreterin des abwesenden Krischna alle ihre wunderschönen Liebeslieder vorzusingen. Obwohl sie sich auch hätte ein Flugzeug aussuchen können, denn so was gab es damals mengenweise umsonst. Die Gesetze der zu Krischnas Zeiten gültigen Aerodynamik sind allerdings verloren gegangen, na, nicht ganz und gar, aber sie wären es, wenn nicht kleine, hummeldicke Stümper wie Erich von Däniken ständig versuchen würden, dies penetrant zu beklagen. Däniken, der nach den Gesetzen der Aerodynamik eigentlich nicht laufen könnte, und der trotzdem mit Flugzeugen um die ganze Welt fliegt, versucht seit Jahrzehnten, den Hummelflug und den Flug unbekannter Flugobjekte unter seinen riesengroßen Schlapphut zu bekommen. Erich möchte, dass Beides flugtüchtig sein darf; das ist grundanständig, aber die Hummel, bis hierher behält Lara immer wieder recht, schert dies nur wenig.

 

„Was soll ich mit der Information anfangen?“, habe ich sie gefragt, „Gesetze haben eben ihre Gültigkeitsbereiche, was ist daran Besonders?“ Ein Jetpilot, dem eine Hummel ins Cockpit (Cock-Pit nannte man übrigens meinen alten Freund Pit in bestimmten Kreisen) gekommen ist, getraut der sich, zu starten?

 

Kürzlich erzählte mir Lara, wirklich traurig, die Sache mit der Hummel wäre purer Unsinn, inzwischen sei eindeutig nachgewiesen, dass Hummeln doch fliegen könnten, und folglich könne ich die ganze Geschichte vergessen. Seltsam: ich kann es nicht. Und Ihnen soll es auch so gehen. Ich habe dafür meine Gründe.

 

Nämlich kroch das Hummelchen gemächlich auf der kleinen, ovalen Tabakdose des Fräuleins herum. Das Fräulein hatte bereits all ihren Krimskram vom Tisch in ihre Handtasche zurückgeräumt; es hatte seinen Tee bezahlt und wollte zu meinem leisen Bedauern nun fort. Aber das Hummelchen kroch immer weiter auf ihrer bunten Tabakdose umher, und es wegzuwedeln konnte für das Fräulein, das es nicht besser wusste, gestochen zu werden bedeuten. Also saß das Fräulein still da und schaute immer wieder auf seine Armbanduhr und dann auf das Hummelchen, als wenn das Hummelchen diese Geste der Ungeduld sehen und sie verstehen würde. Doch das Hummelchen sah und verstand ganz andere Sachen, und das Fräulein ärgerte sich bald sehr. Hilfesuchend begann es nun damit, abwechselnd ihre Armbanduhr, ihre Tabakdose und mich anzusehen, was mich zu herzlichem Gelächter brachte, das Fräulein hingegen noch stärker erzürnte. Nunmehr sah es hilfesuchend abwechselnd das Hummelchen auf ihrer Tabakdose, ihre Armbanduhr, mich und andere, vorübergehende Menschen an. Die vorübergehenden Menschen jedoch, selbst, wenn sie dem Blick des Fräuleins begegneten, verstanden die Zusammenhänge nicht. Sie wussten und verstanden ganz andere Sachen, auch der Mann, der schließlich stehen blieb und abwechselnd das Fräulein und mich mit gerunzelter Stirn ansah.

 

„Belästigt sie der Herr?!“, fragte er düster, und er wedelte gegen mich. Das Fräulein erschrak und flüsterte ein Nein. Widerwillig ging der Mann weiter. Nun sah das Fräulein mir bittend in die Augen. Ich seufzte, erhob mich und wedelte. Das Hummelchen flog davon. Das Fräulein und ich sahen gemeinsam, wie es beim tieffliegenden Überqueren der Straße vom Kühlergrill eines Lastwagens erfasst wurde. Mit vor redlicher Empörung blanken Augen blitzte mich das Fräulein an.

„Oh! Ich, äh... Das habe ich aber jetzt bestimmt nicht so gewollt…“, begann ich. Aber das Fräulein wedelte entschlossen. Rasch erhob es sich und ging kopfschüttelnd fort.

 

„Ganz sicher ist sie bereits im Hummelreich!“, rief ich dem Fräulein noch hinterdrein, was mir nichts als ein letztes Abwinken eintrug. Auf dem Tisch blieb ihre geblümte Tabakdose zurück. Ich holte mir die Dose. Ich schrieb die Angelegenheit auf. Das Blatt Papier faltete ich zusammen. Es liegt nun auf einem Bett aus hellem Tabak in der Dose. Wenn ich nachher hier fortgehe, werde ich die Dose auf dem Tisch zurücklassen - mal sehen, was passiert.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Hummelfluch

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