Ein Stück in sieben Szenen

nach einer Kurzgeschichte des Autors

 

 

„Das Wort hat Jahreszeiten, mein Geliebter.

In seinem Frühling erblüht das Wort,

es wird mächtig und schön in seinem Sommer.

Doch dann welkt es dahin,

grau wird es und unbedeutend,

und wertlos liegt es in seinem Winter

unter einer harten Eisdecke aus gleichgültigem Wasser.“

Tsu Mei

 

Der Inhalt des Stückes

 

Richter Tsanghi verlässt sich auf die Macht seines geschriebenen Wortes, um Fräulein Katsugawa, in die er verliebt ist, auf ewig zu gewinnen. Allerdings versucht die Witwe Yamamishi zur selben Zeit dasselbe mit Herrn Tsanghi. Weil die Briefe, die Herr Tsanghi an das Fräulein Katsugawa schreibt, mit denen, die er von der alten Witwe erhält, so seltsam inhaltsgleich scheinen, vermutet der Richter zunächst eine Verschwörung der beiden Frauen gegen ihn. Er wittert jedoch bald schon einen Makel in der Perfektion seiner Schriftmacht und versucht, seinem Schicksal durch eine List zu entgehen. Herr Tsanghi hat indes nicht damit gerechnet, dass ehrenwerte Fräuleins eine Vergangenheit und Postboten eine Zukunft haben. Und auch des Richters eigene Vergangenheit stellt sich der Gegenwartsmacht seiner Tusche und seines Pinsels entgegen…

 

 

 

 

Die Kurzgeschichte

 

Richter Tsanghi schreibt Liebesbriefe

 

Ja, Fräulein Katsugawa war schöner als der Vollmond.

Richter Tsanghi hatte die Nacht durchwacht. Nun stand er in einem morgenfrischen Kimono am Fenster, und er lächelte versonnen. Seit Wochen schon war ihm das wunderbare Bild des ehrenwerten Fräuleins Katsugawa nicht mehr hinter seiner Stirn fortgewichen, und heute Nacht hatte Richter Tsanghi sich entschlossen. Jetzt schob er sich einen leichten Tisch ans Fenster der Veranda, er setzte sich gerade hin und mischte bedächtig Schreibtusche an.

 

In vollendet gemalten Lettern teilte Richter Tsanghi dem Fräulein Katsugawa mit, dass sie sein Projekt wäre. Mit unschlagbarer Argumentation bewies er, dass es für den Kosmos, die Welt, und gegebenenfalls auch für sie, letztlich sinnlos sei, sich ihm zu widersetzen. Sanft lächelnd, in stillem Triumph, leckte Richter Tsanghi vorsichtig an der akkuraten Pinselspitze, und noch einmal überlas er nickend sein Kunstwerk. Tatsächlich, sein Brief war absolut unanfechtbar. Alles würde sich erfüllen, sehr bald schon, oder auch erst in hunderttausend Jahren, aber das war ganz gleichgültig. Aufmerksam faltete Richter Tsanghi seine Pergamente und wusste, dass es vollbracht war. Er freute sich sehr und rieb sich die Hände. Mit Sorgfalt adressierte und siegelte er seinen Brief. Dann trat er vor das Haus und schnippte nach einer Rikscha. „Mach zu, Du Hund!“, feuerte er den Läufer fröhlich an, „Es geht um die Liebe!“

 

Für seine eifrige Versicherung, den Brief noch am selben Mittag persönlich zuzustellen, kassierte der Oberste Postbeamte des Bezirks ein fürstliches Trinkgeld von Richtern Tsanghi. Erstaunt sah der Beamte diesem nach, wie er zu Fuß, mit jungenhaft leichten Schritten, wieder nach Hause ging. Als groß und rot die Sonne hinter den mächtigen Bergen versank, stand Richter Tsanghi auf seiner Veranda und schmunzelte zum fernen Gebirgskamm hinüber, in heiterer, gelassener Gewissheit.

 

Problematischer wurde seine Situation, als er bald darauf selbst einen Brief erhielt. Dieser überaus seltsame, schwer nach Patchouli duftende Brief kam von der Witwe Yamamishi, die Richtern Tsanghi seit Jahren mit der Behauptung bedrängte, sie würde ihn innigst lieben. Er war im genauen Wortlaut seines eigenen Schreibens an das ehrenwerte Fräulein Katsugawa verfasst, nur, dass er eben Richtern Tsanghi meinte. Der verzweifelte Richter Tsanghi konnte sich die Sache nach ausführlichem Grübeln letztlich nur so erklären, dass das Fräulein Katsugawa irgendwie mit der verfluchten Witwe Yamamishi Kontakt aufgenommen haben musste. Ein schreckliches, unlösbares Problem war gegen Richtern Tsanghi aufgestanden: Er wollte Fräulein Katsugawa, und die Witwe Yamamishi wollte ihn. Seine und der Witwe Willenstaten hatten dieselbe Macht - da lagen sie, die ewigen, ernsten Zeichen. Richter Tsanghi fluchte. Und was, fragte er sich endlich, wenn Fräulein Katsugawa ihn doch nicht an die Witwe verraten hatte? Wenn der übereinstimmende Wortlaut der beiden Schreiben irgendwo eine andere, eine ihm ganz unergründliche Ursache fand? Nein, in Richtern Tsanghis wunderbarem Projekt hatte die unansehnliche Witwe Yamamishi keinen Platz. Wie er auch sann, die Alte blieb nichts als ein Hindernis, denn sie repräsentierte eine Welt, welche Richtern Tsanghi gegen dessen Willen liebte. Damit er Fräulein Katsugawa näher kommen konnte, musste diese Welt enden. Oder, und das fand Richter Tsanghi noch viel besser: Er und Fräulein Katsugawa mussten diese Welt verlassen.

 

Richter Tsanghi verfasste endlich ein langes, sehr höfliches Schreiben an die Witwe Yamamishi, in welchem er ihr unter erneuten Aufbietung seiner gesamten Formulierungskunst so sanft wie möglich mitteilte, er liebe sie nun einmal nicht, und es würde auch keinen Weg geben, ihn dazu zu bewegen, die Gefühle der Witwe jemals zu erwidern. Zwar, alles tue ihm sehr leid, und er verstehe ja auch durchaus, was er verursache, wenn er jemanden so bestimmt und endgültig ablehnte, aber er könne in diesem Falle leider überhaupt nichts tun, und es bliebe nur sinnlose Zeitverschwendung, weiterhin auf Änderung zu hoffen. Richter Tsanghi bat unter vielen Entschuldigungen und Versicherungen um endgültigen Abschied und um den Abbruch jeglicher weiterer Kontakte zu ihm, er siegelte seinen Brief sorgfältig und übergab ihn dem Obersten Postbeamten des Bezirks mit einem tiefen, ehrlichen Seufzer noch am selben Abend. Diesmal erhielt der Beamte kein Trinkgeld.

 

Wenige Tage später bereits überreichte dieser Richtern Tsanghi einen Brief des Fräuleins Katsugawa. Richtern Tsanghis Finger zitterten, als er das kleine Paket entgegennahm. Das mit wunderschönen Zeichen bemalte, zart nach Flieder duftende Reispapier wiederholte in exzellent scharf gerundeter Tusche wortwörtlich, was Richter Tsanghi erst kürzlich an die Witwe Yamamishi geschrieben hatte, nur eben, dass in seinem Inhalt Richter Tsanghi es jetzt war, welcher um endgültige Verabschiedung und um die sofortige Beendigung jeglichen Kontaktes gebeten wurde. Ein tiefer Zorn über den Verrat des Fräuleins Katsugawa an ihm packte Richtern Tsanghi. Ganz offensichtlich standen die beiden Frauen in engster Verbindung miteinander, und sie hatten sich zu einem bitterbösen, hässlichen Spiel gegen ihn verschworen. Doch als Richter Tsanghi dem Fräulein Katsugawa am Morgen des folgenden Tages auf der Straße begegnete, da lächelte es so harmlos und so scheu zu ihm herüber, dass ihn die heftigsten Zweifel an seiner Verschwörungstheorie ankamen und er abermals in ein langes, finsteres Brüten darüber verfiel, was es wohl sonst noch für Möglichkeiten geben konnte, für diese wundersamen und bedrohlichen Übereinstimmungen.

 

Richter Tsanghi kam zu keinem vernünftigen Schluss. Er führte die verblüffende Geschichte schließlich zwar auf das Wirken der Götter zurück, doch das ließ ihn durchaus unbefriedigt, denn seine inbrünstigsten Gebete darum, dass das Fräulein Katsugawa ihn erhören und seine Liebe erwidern möge, waren alle nicht erhört worden. Und wenn doch? Was, wenn nun eben diese eigentlich völlig unmögliche Übereinstimmung in den hin- und hergehenden Briefen das Zeichen war, für die Gnade der Gottheiten? ‚Nein, niemals’, sagte sich Richter Tsanghi, ‚treffen sich zwei Boote auf dem Yangtse, wenn es die Götter nicht fünftausend Jahre zuvor so beschlossen haben’. Und traurig legte er sich auf seine Matte.

 

Die Ereignisse bewirkten, dass Richter Tsanghi nüchterner über seine Liebe nachzudenken begann. Schließlich: Was wollte er denn eigentlich von Fräulein Katsugawa? Na? Mit ihr in einem prächtigen Drachenwagen den Himmel bereisen? Seine Lust stillen, auf ihren grazilen Körper? Ihr beim Kochen zusehen? Vielleicht war es ja gut so, wie es sich gerade verhielt - dass er sie von ferne liebte, so wie die widerwärtige Witwe Yamamishi ihn aus der Entfernung zu lieben vorgab. War es etwa das, was die ihm Götter mitzuteilen hatten? Dass die ewig unerfüllte Liebe stets größer und schöner blieb, als ein Traum, der sich auch erfüllte? Waren deshalb die Widrigkeiten und Probleme so unlösbar miteinander verwoben, die sich jedem entgegenstemmten, der ein Ziel zu erreichen trachtete?

 

Schweren Herzens entschloss sich Richter Tsanghi in einer mondhellen Sommernacht, seinem Fräulein Katsugawa noch einen weiteren, einen allerletzten Brief zu senden. Darin teilte er ihr mit, dass er sich mutig entschlossen habe, auf die Erfüllung seiner Liebe zu verzichten, vollständig und für immer. Der wirklich höchsten Perfektion seines unfehlbaren Projektes, so kalligraphierte Richter Tsanghi, habe eigentlich immer etwas gefehlt, und nun wisse er endlich, endlich, was das sei. Ja, erst mit seiner demütigenden Brüskierung durch das ehrenwerte Fräulein Katsugawa habe er die Lehre begreifbar empfangen: Der totale, selbstlose Verzicht auf alle Früchte seiner Mühen sei es, die Aufgabe jeglicher Ausübung von Macht. Seine Liebe zu Fräulein Katsugawa würde ihren Gipfel natürlich erst darin erreichen, dass er sie ganz frei ließ, von ihm. Viele Zeilen voller Wünsche für ihr Lebensglück setzte Richter Tsanghi diesem Absatz an das Fräulein Katsugawa hinterdrein, und dann, als seine aufrichtigen Tränen, die das Pergament genetzt hatten, in der warmen, jasminschwangeren Nachtluft getrocknet waren, kam Richtern Tsanghi eine bösartige Idee. Er schloss seinen Brief in einen seidengefütterten Umschlag, ohne ihn mit seinem Namen zu unterzeichnen, und er ließ das Kuvert auch ohne ein weiteres Siegel als das eines langen Kusses. Würde nämlich, so dachte Richter Tsanghi voller Heimtücke, demnächst ein gleichlautendes Schreiben von der Witwe Yamamishi an ihn eintreffen, so mochte es ja vielleicht sein, dass diese den Fehler begehen würde, ihren Brief zu unterschreiben. Womit Richter Tsanghi dann eine urkundliche Verzichtserklärung der Witwe in den Händen hielte, das Fräulein Katsugawa jedoch nichts dergleichen von ihm. Nein, die Sache war noch nicht zu Ende, schönes Fräulein, ganz und gar nicht! Hässlich lächelnd über die gefundene Hintertür aus seinem Problem trug Richter Tsanghi seinen Brief zum Postbeamten, und dann wartete er.

 

Aber es kam kein Brief von der Witwe Yamamishi, nicht am nächsten Tag, nicht am Tag darauf, und nicht in der folgenden, langen Woche. Stattdessen musste Richter Tsanghi schließlich entsetzt erfahren, dass das Fräulein Katsugawa mitsamt all ihrem Hausrat die Stadt verlassen hatte, und dass eine Auskunft über ihren weiteren Verbleib nicht zu erhalten war. Richter Tsanghi verfluchte sich selbst, die Welt, alle Himmel und auch die ältesten und ehrwürdigsten Gottheiten. Zwei Monate lang trank er unmäßig Sake, er trank und schlief und trank, er weinte laut und ging nicht auf die Straße. Dann war es vorbei.

 

Ein halbes Jahr später heiratete Richter Tsanghi die zweitälteste der vier Töchter des Postbeamten. Am Abend seiner Hochzeit erfuhr er, dass sich die Witwe Yamamishi im Fluss, in dessen sanfte Biegung sich die Stadt schmiegte, ertränkt hatte. Ihre aufgedunsene, weiße Leiche wurde im Schein von Fackeln am Haus der feiernden Hochzeitsgesellschaft vorübergetragen. Bleich stand Richter Tsanghi in seiner violetten Robe im Garten. Er fühlte sein Herz wie einen eisernen Klumpen.

 

Richter Tsanghi wurde sehr dick und träge. Seine Ehefrau führt die Hausgeschäfte mit stiller Sorgfalt. Manchmal denkt Richter Tsanghi daran, wieder einmal einen Brief zu schreiben, einen jener schönen Briefe, zu deren Abfassung er damals fähig war. Doch er weiß nicht, an wen, und die Gicht plagt seine Hände. Seine Gemahlin tritt zu ihm auf die Veranda. „Die Sterne sind groß heute, Gemahl“, sagte sie leise. Richter Tsanghi nickt und lächelt starr zu den Bergen hinüber.

 

 

***

 

© Robert L. Sanatanas 2017

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