Eine kleine, niedrige Welt, ihr Himmel dicht geschlossen. Träume und Wirklichkeit ganz und gar voneinander getrennt, das eine immer das eine, und immer das andere das andere. Winter, sehr früh am Morgen, noch ist es ganz dunkel vor dem Fenster, an dessen Glas Kaskaden von Eisblumen unbeachtet dahinwelken, denn eine staubige Gardine hängt davor. Der beigefarbene Standard-Kachelofen wird langsam warm. Musik aus einem großen Radio mit riesigen, braunen Bakelitknöpfen; wenn der Sänger die Stimme hebt, flattert der grobe Stoff vor dem Lautsprecher. Ein Zeitzeichen, dann die Nachrichten. Echte Nachrichten sind es, Meldungen von gnadenloser Wahrheit, aus einer Welt, die so, wie sie ist, schon immer wirklich war. Sie hat eine unbezweifelbare Geschichte, diese Welt, und sie ist rund, ein Planet. Ihr gelber voller Mond scheint noch durch die Gardine. Sein und das grüne Leuchten des magischen Auges an der breiten Stirn des Radios werden jetzt abgelöst vom Erstrahlen einer Fünfundsiebzig- Watt- Glühbirne an der mintgrün gekalkten Zimmerdecke. Dasselbe Mintgrün haben die Wände der Küche; von dorther klappern Metall, Holz und Keramik aufeinander, und das Glas des Butterglockendeckels ist zu hören, wie es mit dem des Bodens aufeinanderstößt. Es riecht nach Malzkaffee.

 

Gleich wird eine Frau in das Zimmer treten. Einfach gekleidet wird sie sein, über der Baumwolle wird sie eine dunkle Schürze mit schmalen, gelben Rändern tragen, und in den kurzfingrigen Händen mit den flachen, sauberen Nägeln wird sie ein Holztablett halten, auf welchem ein gemusterter Teller mit Broten, eine winzig geblümte Steingutkanne und zwei weiße, angeschlagene Tassen stehen werden. Die Frau wird ihr verschmitztes Gesicht zeigen, ich werde sie als das erkennen, was man 'die Großmutter', nennt, und mein Gefühl des völligen Fremdseins an diesem Ort wird, wie an jedem Morgen, allmählich von ihr aufgesogen werden. Während ich das aufgeschnittene Schwarzbrot rieche, den Malzkaffee, die Wurst, den Käse, und, aus dem dünnen Haar der Großmutter herüberziehend, den groben Duft von Birkenhaarwasser, vierzig Prozent Alkohol.

 

Das Zimmer ist eng und mit wuchtigen, dunklen Möbeln vollgestellt. Nebenan gibt es noch ein größeres Zimmer, aber da wird nicht im Schlafanzug gefrühstückt. Ich sehe diese Großmutter an; sie lächelt, und ich spüre deutlich eine Art Vereinbarung zwischen ihr und mir, der folgend ich nun so zu tun habe, als ob mir dieses Lächeln guttun würde. Aber diese Vereinbarung zu kennen, das ist eigentlich völlig absurd, so etwas haben Kinder nicht zu spüren, wenn sie sieben Jahre alt sind, so etwas kommt erst später. Und während ich mich frage, woher ich das alles jetzt schon weiß, erwidere ich das Lächeln und betrachte, als die Frau das Tablett auf dem runden Holztisch niedersetzt, neugierig forschend die glänzenden Wurstscheiben auf dem billigen Steingutteller.

 

Ein paar Momente nur noch, und es wird wieder zu spät sein. Doch da ist etwas, das sich noch dagegen wehrt, in mir. Gleich wird es nämlich wieder losgehen, mit dem Reden, mit dem Tun, es wird auf etwas zugehen, nicht auf das, was ich meine, und wovon ich nicht sagen kann, was es ist, sondern immer weiter fort davon, und alles ringsumher wird mitspielen, bei dieser umfassenden Ablenkung und Verzögerung und Verhinderung: Der Radiosprecher mit seinen Morgennachrichten und der Zeitansage und der Erwähnung seines Namens. Die Sonne, welche sich gerade durch einen ersten, durch die Gardine leuchtenden, brandigen Streifen Morgenrot ankündigen lässt, die Worte der Frau dort, die in ihre Tasse blickt, die Bücher in der Schulmappe, und auch, wie die neu gekauften, bunten Heftumschläge riechen.

 

„Es wird wieder nichts werden!“, sagt die Großmutter mit einer unangemessen hellen Mädchenstimme, „Es schneit ja immer noch nicht!“ Ich erinnere mich, das bezieht sich auf ihr Versprechen, mich wieder einmal auf einem alten, gelben Schlitten mit buntem Ziehband und Messingglocke umherfahren zu lassen, wie damals, als ich noch viel kleiner war. Geheimnisvoll hatte sie es mir vor kurzem versprochen, so, als würde ein altes Paar sich verabreden, noch einmal die Orte aufzusuchen, an denen viele Jahrzehnte zuvor ihre lange Liebe begonnen hatte, und es war mir sehr peinlich gewesen. Für einen intensiven Augenblick hatte ich annehmen müssen, die da sei meine Frau und ich ein Mann, ihr Mann, und ich wollte sie nicht zur Frau, als Mann, das wusste ich, das Kind, ganz genau. Etwas von einem anmaßenden Antrag hatte mir in ihrem Versprechen geklungen, etwas Uraltes, Unerbittliches, irgendein Teil von genau dem, was hier jetzt gerade wieder begann, da meine Finger nun die braune Kruste des Wurstbrotes berührten. Gleich würde sie: „Schmeckt es?“ fragen, und ich hatte zu nicken. Daraufhin würde sie den Deckel von der Zuckerdose nehmen und mich nach dem ersten Kaffeelöffel, den sie mir davon in meine Tasse tat, mit halb erhobenem Löffel lächelnd und fragend ansehen, denn manchmal wollte ich zwei Löffel Zucker, und es käme auf mein Nicken oder Kopfschütteln an.

„Blau ist die Nacht“, widersetzte sich die Sängerin aus dem Radio erfolglos dem immer heller werdenden Fensterviereck, „Und der Mond am Himmel / Schau, wie er lacht / Er hat schon so viel gesehn / Und kann verstehn / Dass die Verliebten Tanzen gehen…“

 

Ich wurde aufmerksam. Aus irgendeinem Grunde gehörte dieser Schlager zu dem, was ich wirklich meinte. Zwar gefiel mir das Lied überhaupt nicht, weder der Text noch seine Melodie; aus irgendeinem, mich stark beunruhigenden, Grunde jedoch hing es unbedingt zusammen mit dem, auf was es eigentlich zuzugehen hatte. Ich versuchte, mich zu erinnern. Dabei strengte ich mich enorm an, etwa wie jemand auf einem Operationstisch, der sich gegen das Einschlafen unter der Narkosemaske zu wehren versucht, und ganz kurz war da auch etwas, etwas Gewisses. Jahre später würde das Lied an einem anderen Ort von jemandem anderen gehört werden, und derjenige würde zu dem gehören, worauf es eigentlich zuging, ja, so war es, genau.

 

„Hast du etwas?“ Erschrocken schaute mich die Großmutter mit der Mädchenstimme an. Ich hatte im Kauen innegehalten und starrte mit leerem Blick auf das Radio. Meinem halb geöffneten Mund war ein Röcheln entfahren, von der Anstrengung.

„Ich hab ein Mädchen gesehen“, sagte ich leise. Die Großmutter lachte. Sie belegte sich eine Brotscheibe mit dünnen Scheiben von dunkler Zungenwurst. „Davon sieht man öfters welche. Wo hast du denn das Mädchen gesehen?“

„Es war sehr klein. Es trug eine Brille, und eines von den Brillengläsern war mit einem Pflaster zugeklebt“, verkündete ich.

„Na, das war sicherlich Lizzy mit dem Silberblick“, erwiderte die Großmutter. „Wann hast du sie denn gesehen?“

„Jetzt eben“, sagte ich, und ich schaute fest auf eine Stelle hinter ihr. Die Großmutter fuhr herum und wieder zurück.

„Jessas, du dummer Kerl!“, schimpfte sie freundlich, „Mich so zu erschrecken! Zeit zum Anziehen, oder willst du vielleicht im Schlafanzug zur Schule?“

„Das mit der Brille und dem Pflaster“, sagte ich, „es muss auch nicht stimmen. Aber auf jeden Fall war es ein Mädchen.“

Die Großmutter nickte und kaute; sie trank heißen, stark gezuckerten Malzkaffee, und sie seufzte: „Ach.“

Beiläufig erkundigte sie sich, wie alt denn dieses Mädchen gewesen sein mochte, und ich antwortete, das könne man nicht sagen, denn es gäbe sie erst später.

„So, und wann?“, fragte die Großmutter, noch ein wenig beunruhigt, aber durchaus weiter an ihrem Wurstbrot interessiert, und daran, wie gut der heiße Kaffeeersatz die alten Hände wärmte, wenn man sie vorsichtig um die Tasse legte.

„Wann, das weiß ich nicht“, sagte ich. „Aber wo weiß ich. In einer alten Stadt in den Bergen. Es wird noch dauern.“

 Jetzt stutzte die Großmutter und hielt ihrerseits mit dem Kauen inne. Denn gerade hatte sie in Richtung auf den Ofen geschaut, welchen man erst zuschrauben durfte, wenn die Kohlen auch völlig durchgebrannt waren, und sie hatte daraufhin gleichfalls, im selben Moment, wie auch ich: „Es wird noch dauern“, gesagt.

„Na, das war ja eben lustig“, log die Großmutter mit einem Schreck in den Augen, und sie schaute kopfschüttelnd auf ihren Unterarm, wo sich gerade eine Gänsehaut abzuzeichnen begann.

„Ja, das war sehr lustig“, log ich mit. Ich streifte den Ärmel der Schlafanzugjacke hoch und schaute ebenfalls meinen Unterarm an. Bei mir war nichts, ich zeigte es der Großmutter.

„Ist es bald Weihnachten?“, fragte ich.

„Es wird noch dauern“, versuchte die Großmutter zu scherzen, aber ich schaute sie ernst an, und streng wohl auch. Erneut war da dieses energetische Unbehagen, das, was ich „zwischen Mann und Frau“ genannt hatte.

„Na komm, Junge,  iss!“, sagte die Großmutter.

„Ich esse doch“, sagte ich.

„Das sehe ich“, sagte die Großmutter.

 

„Was ist Ehrfurcht?“, fragte ich laut, während ich mich anzog und die Großmutter in der Küche hantierte. Sie kam in das Zimmer zurück. In einer ihrer Hände hielt sie ein großes Messer, auf dessen Klinge Abwaschmittelschaum zerging, in der anderen Hand baumelte ein rotkariertes Baumwolltuch.

„Du kannst Fragen stellen so früh am Morgen“, meinte sie, „Wie kommst du darauf?“

„Wegen der alten Stadt in den Bergen, glaube ich“, sagte ich.

„Die, wo das Mädchen wohnt?“, fragte die Großmutter.

„Wohnen wird“, berichtigte ich. Die Großmutter nickte. Sie trocknete das Messer ab und ging zurück in die Küche. „Ich sag’s deinem Vater!“, rief sie freundlich, „Soll er dir erklären, was das ist: Ehrfurcht. Das kann er sicher besser, als ich.“ Sie lachte in der Küche vor sich hin.

„Ich will es gar nicht mehr wissen!“, rief ich zurück.

„Gefragt ist gefragt!“, rief die Großmutter fröhlich, und: „Machst du mal bitte das Radio aus?“

Abermals überkam mich, heftig wie ein Anfall, eine Art Verdacht. Es war, als würde in dem holzverkleideten Radio, das ich verblüfft betrachtete, gleich etwas gebracht werden, das mit dem Eigentlichen zu tun hätte, etwas sehr Wichtiges, und ich sollte es nicht hören dürfen. Gerade lief der Wintersportwetterbericht. Von einer tiefen, überzeugend klingenden Männerstimme wurden Temperaturen, Schneehöhen und Namen von Städten genannt, und von Gebirgen und von Bergen. Ich drehte an dem großen Knopf. Es knackte, und das Grün des magischen Auges verdämmerte langsam.

„Knipst du auch das Licht aus?“, rief die Großmutter. „Es ist hell genug, findest du nicht?“ Diesmal war der Schalter weiß und klein. Irgendwie, fand ich, roch es in dem Zimmer jetzt nach Baustelle. Nach nassem Mörtel und frisch gesägtem Holz, nach Öl und Auspuffgas und ganz besonders nach gerade aufgeworfenem Mutterboden. Die anderen Gerüche verschwanden, der nach schwarzem, sattem Boden blieb.

„Hier riecht wie in einem Grab!“ rief ich.

„Junge!“, quietschte die Großmutter, „Wie redest du! Ist deine Mappe gepackt?“

„Ja!“, rief ich, und ich fing an zu weinen. Leise, damit es die Großmutter nicht hören konnte. Obwohl es vor Freude war. Wegen des Mädchens, das es noch gar nicht gab. Das Radio in der Nachbarwohnung hatte den gleichen Sender. Die Wände waren dünn. Dumpf zählte der Nachrichtensprecher drüben weitere Namen auf, von Städten in den Bergen. Ich sah zum Fenster hinüber. Es war jetzt schon fast ganz hell draußen.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

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