Direkt hinter dem Ende des Aushaltbaren, nach dem endgültigen Beweis, dass ich kein Mensch war, und auch nicht unter Menschen, weil Menschen auf solche Abende mit schweren Nervenzusammenbrüchen reagieren würden, kam auch noch ein großer, schwarzer Mann. Weißer Schaum spritzte aus seinem Bierglas und Speichel von seinen rosa Lippen, als er sich niedersetzte, das Bierglas auf die hölzerne Tischplatte niederkrachen ließ und mir in fast völlig unverständlichem Deutsch erklärte, er heiße Abraham und verlange, dass man jetzt mit ihm über Politik rede. Man, das war ich. Ich erwiderte, dass er, da ich für den Rest des heutigen Abends überhaupt nicht mehr zu reden gewillt sei, mit mir hierfür nicht die rechte Wahl getroffen habe, worauf er brüllte: „Wer Rechte wählen Rassist!“ Hiermit und durch seine Schlussfolgerung, ich könne es nicht ertragen, dass Gott ein Schwarzer gewesen sei, zog Abraham nunmehr die Aufmerksamkeit aller in diesem dunklen, verrauchten Kaffeehause Anwesenden in für mich bedrohlicher Weise auf uns. Vom Nebentisch her wurde ich bereits feindselig gemustert, während Abraham von Gott, dem schwarzen Mann brüllte, tobte und spritzte und seine großen Augäpfel in beängstigender Weise wild rollen ließ.

 

Mir fiel ein, dass man Kinder wohl früher damit zu schrecken gesucht hatte, dass man ihnen androhte, gleich komme der schwarze Mann; also versuchte ich, mein Gegenüber mit der Frage zu beruhigen, ob man ihm in seiner Kindheit vielleicht einmal Angst vor dem weißen Mann habe einreden wollen, was er selbst zwar gar nicht verstand, die Empörung an den umstehenden Tischen indes gefährlich steigerte.

„Weiße Mann ville spätta als Ghotta!“, rief Abraham wütend aus und hämmerte mit seinem Bierglas einen imaginären weißen Mann wie einen Nagel in die Tischplatte. Ich vermochte mich nicht mehr zu rühren. Sehr dumpf nur noch ging mir auf, dass es nicht reichte, dass eine Situation wirklich geschehen war, wenn man sie weitergeben wollte. Nur, wenn sie mit Meinungen und Parteinahmen angereichert war, schien die Wahrheit zur Wiedergabe zu taugen. Der riesige Abraham hatte inzwischen sein Bierglas zerschlagen, kurz nur verblüfft hatte er seine Hand mit dem in ihr verbliebenen Henkel angestarrt, als hätte ihm jemand etwas Ekliges, Lästiges in die Hand gedrückt; angewiderten Gesichts hatte er den Henkel dann fortgeworfen, und er presste nun mit seinen beiden gewaltigen Händen die meinen wie in Schraubstöcken. Vorn an der Bar schwieg eine furchtsame Serviererin, der Mann, an dessen Kopf der Bierglashenkel haarscharf vorbeigeschossen war, winkte immerzu nach der Rechnung, aber sie tat, als sähe sie das nicht. „Ghotta schwatta Mann!“, schrie Abraham mich an, und zwei große Tränen stürzten ihm aus den Augen, „Ghotta schwatta Mann!!“

„Gott roter Mann!“, rief ich in elender Kompromissbereitschaft, „Indianer gut, Cowboys böse!“ Und verzweifelt versuchte ich weiter, meine Hände zu befreien.

 

Seltsamerweise erzielte mein letzter Satz bei Abraham einen Erfolg. Er ließ mich los, alle Wut in seinem Gesicht verflog. Strahlend und lauthals, mit einer schnell schöner werdenden, kehligen Stimme, begann er ein Lied zu singen. Ich kannte das Lied, es war der „St. James Infirmary Blues“.

Die drei Diskutierer mit den Antifa- T-Shirts, die auf eine Gelegenheit gewartet hatten, mich endgültig überführen zu können, waren kurz enttäuscht, doch dann summten sie begeistert mit. Ich erhob mich und verließ den Raum. Auf der Schwelle stieß ich mit einem soeben eintreten wollenden, kleinen, dicken Herrn zusammen. Er trug eine große Brille mit sehr dicken Linsen vor einem tief scharlachfarbenen Weintrinkergesicht mit langen, traurigen Hängebacken. ‚Gott roter Mann!’, dachte ich, stieß ihn zur Seite und rannte hinaus in die Nacht.

 

Von draußen betrachtet mutete die Szenerie geradezu weihnachtlich an, das warmgelbe Kerzenlicht hinter dem rot gerahmten, beschlagenen Kaffeehausfenster, der heisere, sehr männlich klingende Bluesgesang, zu dem sich inzwischen eine Begleitung am verstimmten Piano gefunden hatte… Unwillkürlich wollte ich mir mitten im Sommer einen imaginären Mantelkragen fester um den Hals ziehen, und ich schaute zum Himmel auf, ob es wohl zu schneien begänne. Hätten es weiße Flocken sein müssen, rote oder schwarze? Regen war es, farblose, große Tropfen, die plötzlich aus dem Nachthimmel stürzten wie vorhin die zwei Tränen aus den Augen von Abraham. Gegenüber drehte sich in einer Bude ein Spieß mit einem großen, rosa Fleischbrocken. Das Fleisch wurde langsam braun, „All In One“ stand auf einem Schild über der Bude in schinkenfarbig beleuchteten Flimmerbuchstaben zu lesen. Der schnauzbärtige Bistromann sah mich im Regen stehen und winkte mich freundlich zu sich herüber. Zwischen uns schob sich auf der Straße ein Nachtbus. Ich ging fort und dachte an bleiche Brüste.

 

 

Robert L. Sanatanas 2017

St. James Infirmay

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