Der Kugelschreiber liegt immer noch dort, aber jetzt tritt ein Mann auf ihn zu. Ein kleiner Mann ist es, mit schütterem, grauweißem Haar. Gekleidet ist der Mann ebenfalls in Grau, in jene mürrische Sorgfalt von der Stange, wie sie alte Hausfrauen ihren Ehemännern angedeihen lassen.

Unter den vielen Leuten hier auf dem weitläufigen Vorplatz zum Großstadtfernbahnhof, die alle in Eile ihren unterschiedlich weit entfernten Zielen zustreben, ist das sehr nahe Ziel des kleinen Mannes: Kugelschreiber, für mich überdeutlich auszumachen. So, wie sich in der Mathematik zwei Parallelen im Unendlichen treffen, begegnen sich die Bahnen der Blicke der beiden Augen des alten Mannes auf dem gelbfarbigen Stift. Der dürre Alte giert nach Beute.

 

Soeben noch hatte das gelbe Kunststoffding wertlos auf dem Asphalt gelegen, vergessen wie die ausgetrockneten Blätter in seiner Nähe, die flaschengrüne Flasche, die Zigarettenreste. Jetzt mutet dieser Kugelschreiber plötzlich seltsam wertvoll für mich an, nicht wie vorhin, vor einer kleinen Viertelstunde, als ich ihn zuerst wahrgenommen hatte. Da hatte auch mich dieser gelbe Stift nicht interessiert. Fest und wohlbefindlich hatte ich da gesessen, in meinem Korbsessel im von Hartlaubbüschen eingezäunten Garten des Schnellrestaurants, sechs Schritte höchstens nur von dem Kugelschreiber entfernt. Doch dann hatte ich zu beobachten angefangen. Meine Bedrückung hatte begonnen, als mir ein ungeschickter, mit Pubertätspickeln übersäter, langaufgeschossener Kellnerknabe einen überschwappenden Pappbecher heißen Kaffees servierte, und auf diesen Kaffee schob ich zunächst meinen Zorn, dann auf den schwulen Kellnerjüngling, dann auf Mac Donalds, dann auf die Stadt und alle ihre Einwohner.

Dass alles, was zu fühlen und zu denken möglich ist, in einem Menschenkörper unterzubringen wäre, diese Behauptung war mir in ihrer Unwahrscheinlichkeit zwar stets wie eine absurde Frechheit erschienen. Dieser Vormittag hier ist nun allerdings zu fett, zu unerträglich angefüllt von solchen absurden Dreistigkeiten. Ignorant und schwitzend wimmeln die Göttermassen über den Bahnhofsvorplatz.

Weder mit Natur noch mit Kunst vermochte ich mir diese Gottmenschen noch plausibel zu machen – allein Literatur war wohl in der Lage, solchen brutalen Verirrungen Fundament zu verleihen. Das war der Punkt in meinen bösen Gedanken, an welchem angekommen ich nun selbst gern einen Stift in die Hand genommen hätte, einfach, um auf „Literatur“ mit Literatur zu reagieren, auf „Genesis“ mit ein paar vernünftigen Zeichen. Meine Unfähigkeit, einfach aufzustehen und mir den Stift zu holen, ist mir rätselhaft. Ich könnte es noch schaffen, der kleine Alte ist langsam. Aber ich kann mich nicht bewegen. ‚Das macht der Gott dieser Stadt!’, denke ich, und dass ich diesen Gott gern einmal kennen lernen würde. Bestimmt ist es ein HERR, dieser Gott der Götter, dieses Genesisschwein…

 

Ein kleines, heftiges Bedauern ergreift mich, als der Alte dem Stift so nahe gekommen ist, dass ich ihn, selbst, wenn ich nun doch noch blitzartig aufspränge, nicht mehr überholen könnte, es ist eindeutig eine Verlustempfindung. ‚Vielleicht’, denke ich, indes ich dieses kleine Ziehen in der Gegend meines Magens spüre, ‚tritt ihm ja jemand auf die Hand, wenn er meinen Stift aufhebt…’

 

Niemand tritt dem kleinen Alten auf die Hand. Er ist vor der Stelle angelangt, wo der Kugelschreiber liegt, direkt am Bordstein vor einem Fahrweg. Mühsam bückt er sich, und er greift, wegen des Haltens seines alten Gleichgewichts dabei seinen anderen Arm rudernd von sich fortstreckend, nach seinem Fund.

Ein Autobus, der zu diesem Zeitpunkt nur einen halben Meter vor der entsprechenden Stelle zischend zum Stehen kommt, lässt im selben Moment, da die Finger des Alten zugreifen, seine Türen aufschnappen. Ihnen entströmt eine große Anzahl von Fahrgästen, die den Alten umfluten, der gerade damit beginnt, sich wieder aufzurichten, um seinen Fund begutachten zu können. Da hört er, direkt in seiner nächsten Nähe ausgerufen, das fröhliche Wort: „Dankeschön!“

 

Ein wenig widerwillig hält der kleine Alte im Beginn der Betrachtung des von ihm aufgenommenen Gegenstandes inne. Blinzelnd blickt er auf, in die Augen jenes freundlich lächelnden Herrn, der eben dem Autobus entstiegen war, und der ihm nun eine seiner Hände entgegenstreckt. „Dankeschön!“, wiederholt dieser Herr, „Das war aber eben sehr zuvorkommend von Ihnen, das muss man sagen!“

 

Der kleine Alte schaut verständnislos auf die ihm vor den Körper gehaltene Hand, deren gut manikürte Finger, einer Erläuterung gleich, einige Male auf- und wieder zuschnappen. Weiterhin begreift der Alte nicht. Der winzige Triumph über seine kleine Beute ist in seinen Augen erloschen. Argwohn beginnt nun darin zu glimmen.

Das Lächeln des jüngeren Herrn, es ist ein kräftig gebauter, ein wenig fülliger, großgewachsener Glatzkopf in einem tadellos sitzenden, schwarzen Anzug, verstärkt sich.

„Darf ich ihn nun, bitte, wiederbekommen?“

„Was?!“ Die Stimme des Älteren ist ein leises, heiseres Krächzen.

Der Jüngere entblößt zwei hervorragend gepflegte Reihen großer Zähne. Sie schimmern weiß wie seine Hemdbrust. „Nun“, versetzt er strahlend, “meinen Kugelschreiber doch!“

Die Augen des Alten verengen sich. „Ihren Kugelschreiber?!“

Strahlend nickt der andere und schnappt nun etwas auffordernder, weit jedoch hinter der Grenze zu aller Ungeduld, erneut mit seiner Hand. Es entsteht eine Pause.

Endlich meint der Alte etwas verstanden zu haben. „Aber das ist nicht Ihr Kugelschreiber!“, ruft er laut aus. Die Einleitung einer großen Entrüstung malt sich auf seinen Zügen.

Der andere lächelt weiter. Etwas wie Erstaunen zeigt sich nun auch in seinem Gesicht.

„Aber selbstverständlich ist dies mein Kugelschreiber“, erwidert er sanft und wohltönend. Und er setzt hinzu, mit Worten, die durch ihre gleichzeitige Milde und Entschlossenheit wie weich gestempelt erscheinen und geradezu in der Luft vor des kleinen Alten Gesicht lesbar, dass er den Scherz, welchen der andere mit ihm zu treiben wünsche, durchaus verstehen würde. Das sei eben die Strafe, wenn man so unachtsam sei, wie er es gerade gewesen wäre. „Und es ist eine gerechte Strafe!“, ruft der Glatzkopf entschlossen aus, „Immerhin jedoch ist so etwas besser, als seinen Verlust nicht mehr zurückzuerhalten. Ja ich denke, ich habe Ihren Spott verdient, guter Mann! Ich sehe es ein, ich sehe es ein!“

Höflich lacht er. Seine Finger haben das fordernde Schnappen beendet. Eher bittend nun verhält die Hand des Mannes geduldig vor des anderen schmächtiger Brust.

 

Der kleine Alte hat verblüfft gelauscht, mit schräggelegtem Graukopf, eine nächste kleine Pause ist entstanden. Jetzt brüllt der Alte unvermittelt: „Dass ich nicht lache! Ihr Kugelschreiber! Sie sind doch gerade erst aus dem Bus gestiegen!“

Ein paar Leute bleiben stehen, zwei junge Türken, eine alte Frau mit viel Reisegepäck, ein Pärchen mit saftigbunt bestückten Eistüten in den Händen, ein deutlich homophiler Herr mit kunstvoller Frisur. Immer noch lächelt der Glatzkopf. „Was Sie da reden, Herr!“, sagt er milde, und er deutet ein leichtes Stirnrunzeln an. „Natürlich bin ich eben aus dem Autobus gestiegen!“

„Und wieso kann das hier dann Ihr Kugelschreiber sein?!“ kräht der Alte laut. Mehr Leute halten inne. Der Glatzköpfige hebt vorsichtig eine seiner scharf geschnittenen Augenbrauen. „Nun“, spricht er gemessen, „es ist natürlich eben deshalb mein Kugelschreiber, weil er mir beim Aussteigen aus der Jackentasche gesprungen ist.“

„Sie Lügner!“, brüllt der Alte aus Kräften seines schmächtigen Leibes, „Sie können ihn gar nicht verloren haben! Als ich ihn aufgehoben habe, waren die Türen des Busses ja noch geschlossen!“

 

Eine beträchtliche Anzahl von Leuten folgt indessen interessiert der Szene. Der jüngere Mann schaut sich ruhig verschiedene nahe und entferntere Gesichter an und zeigt dann ein nachsichtiges Schmunzeln. „Er scheint ein wenig verwirrt“, erläutert er leise den Näherstehenden die Situation. Hierauf blickt er dem kleinen Alten, der nach neuem Atem ringt, entschlossen ins Gesicht.

„Sehen sie sich einmal diesen Kugelschreiber an!“, sagt er, „Was sehen Sie?“

Verdattert glotzt der Alte auf den Stift. Duldsam blinzelt der Glatzkopf.

„Sie sehen“, führt er endlich gelassen weiter aus, „einen überaus billigen Kugelschreiber aus gelbem Kunststoff. Da steht ‚LOTTO-TOTO’ drauf, sehen Sie es? Hier: ‚LOTTO-TOTO’. Und nun“ - er tritt einen halben Schritt von dem Alten zurück, - „nun betrachten Sie einmal mich. Meinen Sie wirklich, es müsse jemandem wie mir“ - er zeigt auf sich - „um etwas wie das da gehen?“ Er deutet auf den Stift, der aus des Alten fest geschlossener Faust ragt.

Einige Male schluckt der kleine alte Mann. Dann brüllt er: „Verflucht!! Sie sind doch nicht ganz bei Trost! Ich habe ihn gefunden! Eben jetzt! Da war Ihr Bus noch gar nicht richtig da!“

 

Der Glatzkopf zeigt jetzt ein ernsteres Gesicht, aber nicht Erbostsein soll dieses Gesicht ausdrücken, sondern eher die verhaltene Besorgnis eines Arztes über den Zustand eines Patienten. „Nun“, sagt der Mann geduldig, wobei er abermals mit stiller Trauer in einigen ausgewählten Gesichter der erheblich angewachsenen Menschenmenge forscht, „Ich gebe Ihnen zu, dass dem ja so sein mag. Dass Sie den Stift auf dem Boden fanden. Doch er lag dort, weil er mir beim Aussteigen aus der Jackentasche geglitten ist. Hier, sehen Sie nur, mein anderer Kugelschreiber! Auch er sitzt nicht eben tief, schauen Sie, hier!“ Nun bewegt der Glatzkopf einen Silberstift hin und her, der aus der Brusttasche seines eleganten Jacketts hervorschaut. Während seiner kleinen Demonstration erntet er mit den Augen weitere Zustimmung aus den Gesichtern der Neugierigen.

 

„Also, so ein Schwein wie Sie habe ich ja überhaupt noch nicht erlebt!“, ruft der kleine Alte. Sein vor lauterem Zorn blauroter Kopf nimmt sich seltsam aus, in all dem Grau von Schuhen, Hose, Jacke und Resten von Haupthaar.

„Sie wollen Höflichkeit herstellen, indem Sie unhöflich sind?“, fragt ihn der jüngere Mann mit ebenfalls um eine Nuance angehobener Stimme. „Nun ist es aber doch genug! Ich finde, wir haben jetzt ausreichend Zeit miteinander verbracht, guter Mann. Wenn Sie sich auf eine so schäbige Weise Gesellschaft verschaffen müssen, dann meinetwegen, das ist Ihre ganz persönliche Angelegenheit. Doch die bleibt es nur, solange Sie nicht andere penetrant behelligen!“ Hier verwandelt sich seine Stimmlage in ein scharf metallisches Klirren, und er beendet: „Meinen Kugelschreiber also jetzt, wenn ich Sie erneut höflichst bitten dürfte!“

„Aber der Bus hatte die Türen noch geschlossen, als ich den Stift gefunden habe!“, schreit der Alte verzweifelt in die Gesichter der Umstehenden. Die beiden jungen Türken grinsen.

„Geben sie nach“, spricht der Mann mit der Glatze therapeutisch. „Glauben Sie mir, Nachgeben wird Ihnen gut tun. Erregung in Ihrem Alter…“

„Ich denke ja gar nicht daran!“, röhrt der kleine Alte.

„Nu gib ihm doch sein Stüft, Oppa“, sagt einer der beiden Türken.

„Ja, geben Sie ihm das Ding wieder!“, ruft ein Mütterchen.

„Nein!“, schreit der Alte, „Er lügt! Es ist nicht sein Stift! So etwas habe ich ja überhaupt noch nie…!“

„Ja, dann…“, murmelt der Glatzkopf enttäuscht, wobei er mit einer endgültigen Bewegung ein kleines, glänzendes Telefon aus seiner Jacke zieht, und er strahlt höflich eine junge Frau an: „Wissen Sie vielleicht die Nummer der hiesigen Polizei?“

„Vielleicht geben Sie ja einfach nach!“, sagt die junge Frau zu ihm. „Schließlich ist es doch, wie Sie selbst sagen, nur ein ziemlich verrotteter Lotteriestift…!“

„Nachgegeben habe ich bereits zehn Minuten lang“, erwidert der Glatzköpfige verständnisvoll nickend, „Inzwischen jedoch hat die Situation leider etwas Exemplarisches für mich. Sehen Sie, auch ich bin nur ein Mensch, und was Recht ist, muss Recht bleiben.“ Die Frau geht weiter.

 

„Wie sind Sie denn zu dem Kugelschreiber gekommen?!“, ruft der kleine Alte an dieser Stelle aus, „Na los, los, erzählen Sie es uns! Aber ganz schnell, damit Sie uns nicht belügen können!““ Auch er schaut jetzt auf, in verschiedene Gesichter, nach diesem ‚uns’ hält er hoffnungslos Ausschau, von dem er sich  gerade sprechen gehört hat.

Der Glatzkopf steckt sein Telefon wieder fort. Er lächelt ein Hat-man-Töne-Lächeln in die gespannt wartende Menschenansammlung

„Na wann es denn sein muss“, seufzt er gutmütig. „Sehen Sie, ich habe meiner Frau zu unserem Hochzeitstag einen Lotterieschein besorgt. Der Hochzeitstag war gestern. Und der Stift ist ein Werbegeschenk aus dem Lotteriegeschäft. Im Zusammenhang mit dem Hochzeitstag werden Sie die besondere Bedeutung des relativ einfachen Gegenstandes für mich doch nun sicher verstehen, oder?“

 

In den älteren Teilen der Menschenansammlung hat sich eine gewisse Schwermut ausgebreitet. Hilflos starrt der kleine Alte den gelben Stift mit dem schwarzen ‚LOTTO-TOTO’-Aufdruck an. Darunter in kleineren Buchstaben eine Filialadresse aus dieser Stadt.

„Hochzeitstag?!“, bricht es dann aus ihm hervor, „Dass ich nicht lache! Ich möchte wetten, Sie sind nicht einmal verheiratet! So einer wie Sie, das glaube ich nicht, dass der überhaupt eine Frau abbekommt!“

Ein paar Leute lachen. Einer der beiden jungen Türken tritt sehr dicht an den kleinen Mann heran. Er überragt ihn um mehr als Haupteslänge.

„Komm Oppa, mach nich Probleme, gib das Mann die Stüfft jetzt!“, grollt er von oben auf den Graukopf des Alten herab.

„Und Ihr Drecksäcke seid auch immer gleich da, wenn es um Ungerechtigkeit geht!“, ruft der kleine Alte, und er will zurückweichen, doch da sind die Körper von Leuten.

„Hassu was gesagt Mann?“, grunzt der Türke, „Komm, gib Kuhlschreiba!“ Er hält dem Kleinen seine riesige Hand vor die Brust.

 

In des Alten Augen schwimmen glitzernde Tränen. Er schweigt nun, und er knickst vor Hilflosigkeit mehrere Male mit den Knien. Mit verzerrter Miene winkt er schließlich ab, schleudert den Stift auf den Asphalt und läuft davon. Die Leute machen ihm Platz. Fassungslos ruft ihm der Jüngere nach: „Ich bin auf Ihrer Seite!“, und kummervoll wiederholt er es noch einmal leiser: „Auf seiner Seite…“

 

Der andere Türke hat den Kugelschreiber wieder vom Boden aufgehoben und reicht ihn dem Glatzkopf hin. Schweigend und wie tief in Gedanken versunken, hat dieser dagestanden und leicht nach oben geschaut.

„Hier biddaschön Meissa!“, sagt der Türke

„Oh, da bedanke ich mich aber recht herzlich für Ihr entschlossenes Eingreifen!“, ruft der Glatzkopf. Überrascht wirkt er, wie aufgeschreckt aus einer tiefen Meditation. Während er nach dem Stift greift, nähert er seine andere Hand der Gegend um seine Brieftasche. „Wenn ich Ihre Leistung vielleicht entlohnen dürfte…?“, äußert er ernst und verbindlich.

„Nein lassen Sie man, iss schon korrekt. Danke, Mann“, erwidert der Türke mit glänzenden Augen.

„Ja, aber nicht doch!“, ruft der Glatzkopf fröhlich aus, „ Immerhin war Ihr Entschluss, mir beizustehen, eine Entscheidung, die aus Ihrem Herzen gekommen sein  muss. Nein, das haben Sie mit Ihrer Seele entschieden, junger Mann!“ Seine Hand lässt die Brieftasche wieder los.

„Ja stümmt, sowas fühlt man“, murmelt der Türke enttäuscht.

„Ja, Allah ist groß, nicht wahr?!“, ruft der Glatzkopf. Der Türke nickt stumm  und zieht mit seinem Kollegen davon.

 

Aus den Außenlautsprechern des amerikanischen Schnellrestaurants ertönt überlaut der Beginn des Refrains eines alten deutschen Schlagers: „Der Puppenspieler von Mexico / War einmal traurig und einmal froh / Und wie er fühlte, so war sein Stück / Nicht immer endet ein Spiel im Glück…“ Die Lautstärke wird zurückgenommen.

Die Umstehenden wenden sich wieder ihren eigenen Angelegenheiten zu. Abschiednehmend schaut der Mann mit der Glatze huldigend in verschiedene Augenpaare, und hierbei begegnet er zum ersten und zum einzigen Male auch meinem Blick. Ihm widerfährt ein kurzes, scharfes Stutzen, wie über eine plötzlich aufgetauchte, bemerkenswert unangenehme Vision.

 

Mit etwas weniger als einem Kopfschütteln verscheucht der Glatzkopf einen Gedanken. Dann lächelt er still in sich hinein. Er steckt den gelben Kugelschreiber in seine Brusttasche, neben den silbrig glänzenden, anderen Stift. Er läuft los, in Richtung auf den Fernbahnhof zu; erneut verharrt er, zieht den Stift wieder aus der Tasche, betrachtet ihn einen Moment lang mit angeekelter Miene und lässt ihn daraufhin auf den Boden fallen. Einen winzigen Moment lang schaut er sich verstohlen um, nahezu völlig unmerklich, mit winzigen, ruckartigen Kopfbewegungen, gleich denen einer Fliege. Dann verschwindet er achselzuckend in der Menschenmenge.

 

Ich atme ein und wieder aus. Ich stütze mich auf die Armlehnen meines Korbsessels und erhebe mich. Ich trete zu dem Stift. Ich bücke mich, ihn aufzuheben. Im unscharfen Teil meines Blickfeldes nehme ich wahr, dass sich direkt vor mir die Türen eines Autobusses auffalten. Den gelben Kugelschreiber in der Hand richte ich mich auf.

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Das Gluck liegt auf der Strasse

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