Ein Kaffeehaus. Man kennt mich dort. Das Servierpersonal macht sich inzwischen eine tägliche, kleine Freude daraus, Espresso und Wasser an meinen Tisch zu tragen, ohne meine Bestellung abzuwarten. Haben sie einen Neuen eingestellt, ist der, wenn ich zum nächsten Mal erscheine, in der Regel bereits eingewiesen. Der Neue strahlt dann aufgeklärt und geheimwissend, und ich habe seinen Stolz dankbar zu bemerken. Ich überlege, ob ich langsam damit anfangen sollte, die Kellnerschaft auf das Hinzufügen und Umrühren von Sahne und Zucker abzurichten. Ich warte auf die Krähe. Geflügel-Lorenz hat gesagt, man könne Krähen prägen. Wenn sie einem nach dem Schlüpfen aus dem Ei als Erstem ins Auge sähen, folgten sie einem überallhin. Bei meiner Krähe ist es dafür zu spät, sie hat schon vieles gesehen, und dem Wenigsten ist sie dann nachgelaufen.

 

Die Krähe ist ein Fräulein. Es hat schwarze Haare und schwarze Augen, glänzende Augen, über einer großen, schmalen, geraden Nase. Es trägt stets schwarze Blusen über schwarzen Röcken. Erdabwärts folgen dann graue Strumpfhosen und zierliche, schwarze Stiefeletten. Wenn das Fräulein steht, legt es oft die Hände hinter dem sehr geraden Rücken zusammen, wenn es sitzt und erzählt, wittert es aufmerksam mit ruckartigen Kopfbewegungen in der Gegend umher.

 

Das Fräulein dünn zu nennen, wäre falsch, dazu ist es zu wohlproportioniert. Auch Zerbrechlichkeit ist unzutreffend, obwohl es so schmale Handgelenke hat, das man, ihrer ansichtig werdend, alsbald vorsichtiger zu atmen beginnt. Ich habe mich für ‚enganliegend’ entschieden. Alles an der Krähe ist enganliegend: Die Schnürstiefel an ihren Waden, die Seide der grauen Strumpfhose an ihren Schenkeln, ihr Rock an ihrem Hintern, die Bluse über ihren kleinen Brüsten, ihre Haut überall an ihrem Körper.

 

Die Krähe hat ihre Stellvertreter geschickt. Draußen im Kaffeehausgarten bohren Krähen ihre großen Schnäbel in den weichen Erdboden. Eine davon verpickt sich in einen Hundehaufen. Ich lache. Es gibt Leute, die sagen zu meiner Krähe, sie habe denselben Irrtum begangen, mit mir. Als sie sich auf mich einließ.

 

Eine smarte Aufnahme eines der Galakonzerte der Sängerin Sade dringt cremig aus den Lautsprechern im Kaffeehaus. Und ganz vorn, vor der geöffneten Eingangstür, im anderen Garten, sehe ich einen buckligen Balkanesen  mit einer Gitarre, daneben ein zweiter Mann mit einer Ziehharmonika. Vor den beiden tanzt eine schmutzige, fette, alte Zigeunerin, die singt. Mein Hören ist innen, mein Sehen ist außen. „Smooth Operator“ von einer Zigeunerband, ein groteskes Karaoke, von dem keiner etwas weiß, außer mir. Das würde ich jetzt gern meiner Krähe zeigen. Aber es ist ganz sinnlos, auf die Krähe zu warten - sie hat sich gerade erst von mir verabschiedet, denn das Weltall ist groß, und das Leben der Krähen nicht allzu lang.

 

Bei ihrem Abschied hat mir die Krähe vier Tränen aus ihren zwei Augen auf der kleinen, runden Tischplatte aus grauem Marmor zurückgelassen, und dann ist sie sehr schnell hinausgestakt, nach dort, wo jetzt die schwer betrunkene Zigeunerin Sade tanzt. Sehr aufrecht ist die Krähe gegangen, mit auf dem Rücken zusammengelegten Händen, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen, mit schillerndem Gefieder.

 

Von allen Begründungen für ihren Abschied habe ich keine einzige behalten, ich weiß nur genau, dass sie allesamt völlig unakzeptabel waren, für mich. Ich glaube, die Krähe versuchte, mich milde zu stimmen, indem sie betonte, dass es auf gar keinen Fall mit einem anderen Mann zu tun habe, doch gerade das hat mich am allerwenigsten beruhigen können. Ich habe wohl beschlossen, so lange bewegungslos sitzen zu bleiben, bis die vier Tränen vor mir auf dem polierten, grauen Marmor völlig verdunstet sind. Langsam erkaltet mein Espresso.

Eine Weile schwelge ich in der Seligkeit meiner gedanklichen Komm-Zurück-Gebete. Dann endlich fällt mir ein, dass ich ihr den Gott ja wünsche, um dessentwillen sie mich verlassen hat, und nun beruhigen mich ihre Begründungen von vorhin doch ein wenig: Gott ist kein anderer Mann. Ich denke, dass dieser Ort hier auch für mich immer nur ein Zurück bedeutet hat, ein Zurück, dem ich täglich nur höchst widerwillig folgte. Ich sage, dass es kein Zurück gibt. Wohin ich gehe, sage ich, dort ist Vorwärts. Mit einem Male erinnere ich mich an meinen Vater, wie er zornig ausrief: „Wie undankbar gehst Du eigentlich mit deiner Mutter um! Sie hat Dir das Leben geschenkt!“, und ich höre mich wieder piepsen: „Na und? Geschenkt ist geschenkt – wieder holen ist gestohlen!“ Orte, die mich wieder holen, ohne, dass ich das will, solche Orte werden zu Dieben an mir, sage ich, und ‚Unrecht gut gedeihet nicht…’ Wie also meine Krähe wieder holen, ohne zum Dieb an ihr zu werden?

 

Plötzlich weiß ich, dass sie wiederkommen wird. Sie muss nur erst das Empfinden haben, dass sie dabei nicht rückwärts geht. Jawohl, ich muss für sie Zukunft repräsentieren, und nicht Vergangenheit. Und dazu müssen zuallererst diese Tränen verschwinden. Ich bestelle eine Serviette bei einer jungen Kellnerin, die merkwürdigerweise das Aussehen einer Elster hat, tupfe die Tropfen auf und stecke das somit heilig gewordene, weiße Tüchlein inbrünstig seufzend in die herzseits gelegene Innentasche meiner Jacke.

 

Draußen hat sich inzwischen ein ganzer Schwarm von großen und kleineren Krähen in einen mächtigen, alten Baum gesenkt; auch unter dem Baum wimmeln Krähen. Der Himmel  hat sich verdüstert, innerhalb der nächsten Minute wird es Regen geben. Abermals packt mich tief innen ein armseliges Schluchzen; es drängt mächtig hinauf, und ich angle bereits nach  der Serviette, um den Tränen der Krähe elegisch einige von den meinen beizufügen. Es gibt keine sinnlosen Verschmelzungen in den Chemien der Natur. Meine Augen bleiben trocken

Draußen prasselt schwerer Regen nieder, Kaskaden schillernder Fäden, es wird auch deshalb ganz sinnlos, meine paar Tropfen in dieselbe Zeit zu jammern. Der kräftige Regen spült die Balkanband aus dem Garten, die schwarzgrauen Vögel in dem dicht belaubten Ahorn krakeelen nicht mehr.

 

Ich lasse eine Münze auf den Marmor klingeln, die Elsternkellnerin schaut, ruckartig den Kopf wendend, zu mir herüber; ich nicke und erhebe mich, und ich trete hinaus in den warmen Regen. Wohin jetzt? Keine Ahnung, aber wohin ich gehe, dort ist vorwärts. Ich beginne zu laufen, nach höchstens zwanzig Schritten bin ich völlig durchnässt. Mein Taschentelefon klingelt. ‚Die Kraehe’ steht in schwarzen Buchstaben auf dem grün leuchtenden Feld zu lesen. Ich stecke das Gerät wieder weg und lasse es klingeln, fünfmal, zehnmal, zwölfmal. Aus. ‚Nein’, denke ich, ‚Ein bisschen mehr Mühe musst Du Dir ab heute schon geben…’

 

Wahrscheinlich sehe ich ausgesprochen dämlich aus, wie ich in meiner Lust auf meine Krähe, wie ich in meiner Gewissheit vor mich hinlächle. Aber es ist ja niemand auf der Straße, der es sehen kann. Vielleicht werde ich die Krähe bereits hinter der nächsten Straßenecke wiedertreffen, mit gründlich durchweichtem Gefieder. Doch wem ich dort begegne, das ist nur Sade, umschwirrt von Sicherheitsleuten, an denen außer ihrer Haut alles schwarz ist. Einer ist sogar völlig schwarz. Sade ist beim Shoppen am Hackeschen Markt. Sie trägt ein Paradiesvogel- T-Shirt; fröhlich kommt sie mir entgegen und pfeift dabei ein Zigeunerlied. Probehalber krächze ich ein paar Mal. Es hört sich schon recht gut an, finde ich. Der schwarze Mann grunzt unbestimmt.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Die Krahe

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