Im großen, sich leerenden Theatersaal saß ich schweigend auf meinem Platz. Ich hielt die Lider geschlossen, hörte Murmeln, Kleiderrascheln und gedämpfte Schritte. Architektur umgab mich nun, das die Illusionen erhaltende Skelett, und es wurde allmählich wieder Gegenwart für mich, Welt wurde es, wie Welt angeblich wirklich war. Unpersönlich. Ohne eigene Energie. Vielleicht hatte ich für die Illusion der vergangenen dreieinhalb Stunden zweimal bezahlt, mit meiner Lebenszeit und mit Geld. Ich ließ meine Augen geschlossen; bewegungslos blieb ich sitzen, bis alle Zuschauer gegangen waren. Wollte ich die Ernüchterung nicht akzeptieren? Ob ich meinen Vorstellungen von Liebe näher gekommen wäre, in den letzten Stunden, fragte ich mich plötzlich. Und was ich nun eigentlich tun solle. Vielleicht würden es mir ja endlich einmal andere sagen. Gleich würde einer der jungen Theaterwächter kommen und mich höflich fragen, ob ich eingeschlafen sei, oder ob es mir vielleicht nicht gut ginge und er mir helfen könne. Mein Wunsch nach der Konsequenz war stark, dann einfach weiter stumm zu bleiben, reglos, mit geschlossenen Augen, um mich dem Schicksal zu überlassen, so intensiv es ging. Der Wille, keinen Willen haben zu müssen. Ich saß und horchte nach Resten der längst verhallten Musik in den Wänden.

 

Es war eine Theaterwächterin. Geräuschlos war sie in die Reihe der Sessel getreten, in welcher ich saß, bis hin zu mir.

„Wir schließen jetzt hier zu, mein Herr“, sprach sie leise, mit einer angenehm dunklen und gleichzeitig sehr jungen Stimme. Ich nickte und öffnete vorsichtig die Augen. Vor mir stand ein schönes Fräulein. Mit einem erleichterten Lächeln traf mich ein leuchtendgrüner Blick aus einem harmlosen, mädchenhaften Gesicht. „Ja, natürlich“, erwiderte ich ebenso leise, „Verzeihen Sie. Lassen Sie uns gehen.“

 

„War es für Sie so sehr beeindruckend?“, erkundigte sich die schwarz gekleidete Saaldienerin ehrfürchtig, indes wir nebeneinander auf einen der barocken Ausgänge aus dem Saal zugingen. Langsam schüttelte ich den Kopf. „Nein, Fräulein“, erwiderte ich. „Das Stück war wunderschön, es hat mir sehr gefallen. Aber was mich da auf meinem Platz festhielt, das war eigentlich etwas anderes. Ich glaube, ich habe darüber nachgesonnen, weshalb wir so oft ganz andere Dinge tun müssen, als wir wirklich gerade wollen.“

„Oh, das kenne ich!“, nickte das Fräulein. „Eigentlich will ich Stewardess sein. Meinen Sie das?“

„So ähnlich wohl“, sagte ich.

Inzwischen waren wir in der nun wieder fast menschenleeren, weitläufigen Vorhalle angekommen.

„Möchten Sie vielleicht Kaffee?“, fragte sie mich, und sie freute sich über ihren Einfall. „Nach den Vorstellungen ist die Espressomaschine nie leer. Ich setze mich dann oft dort drüben eine Weile hin. Gleich dort, sehen Sie nur.“

Mit einer ihrer schmalen, großen Hände deutete sie auf eine Stilsesselecke mit  zierlichen Rauchtischchen und bauchigen Blumenamphoren. Die heimelige Wandnische war mit historischen Fotografien und mit alten Texten über das Theater ausgestattet. Durch eine Handbewegung bedeutete ich dem Fräulein Zustimmung.

„Gehen Sie nur schon voraus“, sagte es fröhlich, „und machen Sie es sich bequem. Ich hole uns den Kaffee. Milch? Zucker?“

„Beides.“

„Viel?“

„Medium.“ Sie freute sich wieder so harmlos, so jung, dass mich Rührung berührte. „Medium“, wiederholte sie deutsch, und sie klapperte mit Geschirr. Ich ließ mich in einen der behaglichen, kleinen Sessel nieder. Erneut schloss ich die Augen, bis mir aromatischer Kaffeeduft in die Nase stieg. Das Fräulein saß mir nun gegenüber, in einem anderen Sessel, welchen sie dicht vor den meinen gerückt hatte. Fürsorglich rührte es in der für mich bestimmten Tasse und betrachtete mich aufmerksam.

„Sie haben ihn noch nicht lange, richtig?“, fragte sie dann mit lustigem Lachen.

„Bitte, was habe ich noch nicht lange?“

„Ihren Bart. Sie kratzen so unzufrieden darin herum. Auch vorhin schon, im Saal.“

Ich musste lachen. „Nein, ich habe ihn noch nicht lange.“ Ohne den Wunsch, weiterzusprechen, hörte ich mich hinzusetzen: „Allerdings, wenn das alles noch eine Weile so weitergeht, dann werde ich wohl irgendwann beim Laufen über diesen Bart stolpern.“ Es sollte tragikomisch klingen.

„Trinken Sie!“, befahl das Fräulein streng. Es hob den zierlichen Silberlöffel aus meiner dünnwandigen Porzellantasse und nickte mit ihrem hübschen Kinn zu ihr hin. Vorsichtig griff ich zu, und wir freuten uns beide über meinen Gehorsam.

„Wie sich das anhört:“, begann das Fräulein erneut, „Wenn das alles so weitergeht… Beim Laufen darüber stolpern… Sie meinen natürlich: Beim Weglaufen.“

„Nein“, erwiderte ich. „Ich meine, was ich sage. Ich habe ‚beim Laufen’ gesagt, nicht ‚beim Weglaufen’. Ich meine, was ich sage. Meine ich jedenfalls.“

„Sagen Sie jedenfalls“, bezweifelte mich das Fräulein mit ernstem Gesicht. Wir wurden still und tranken von dem sehr heißen, starken Kaffee.

„Sie haben gesagt“, sprach dann das Fräulein, indes es die schlanken, dünn schwarz bestrumpften Beine übereinander schlug und sich ihren Teller mit der Tasse darauf aufs Knie nahm, „man würde oft so viele falsche Sachen tun, ganz andere, als die, die man eigentlich tun möchte. Das mag wohl sein. Aber was bitte macht Ihnen denn daran solche Sorgen?“

Verblüfft betrachtete ich sie. „Na, Sie sind gut!“, sagte ich dann, „Mit allem, was man anderes sagt oder tut, als man meint oder möchte, verleugnet man doch seine Wünsche.“

„Nein, versetzte ohne zu überlegen das Fräulein kategorisch. „Man kultiviert sie!“

„Wie bitte?“

„Nehmen Sie die Hand aus dem Bart!“, schimpfte sie mütterlich, „Oder wollen Sie das wirklich?!“

Lächelnd legte ich meine Finger um die wärmende Tasse. „Tut man das Falsche, kultiviert man dadurch das Richtige?“, sagte ich leise. „Wie seltsam diese Idee klingt. Ist sie von Ihnen?“

Für einen winzigen Moment hatte sie uralte Augen, die in einem eingefallenen, kalkigen Gesicht standen. Es war sofort wieder vorbei, so rasch, dass der grelle Schreck, welcher mich blitzartig durchfahren war, auch hätte eine Täuschung sein können.

„Was glauben sie: Wird sich je erfüllen, was Sie sich eigentlich wirklich wünschen?“, fragte das Fräulein statt einer Antwort.

„Selbstverständlich!“, erwiderte ich. Ich hatte dieses Wort mit der entschlossenen Stimme des Hauptdarstellers von vorhin herausgebracht, und genau in seiner Tonlage. Wir merkten es beide und freuten uns.

„Und Sie?“, fragte ich daraufhin zurück, „Werden Sie wohl jemals Stewardess werden?“

„Aber ganz ohne Frage!“, antwortete sie im Tonfall der Geliebten des Hauptdarstellers. Wieder lachten wir.

„Nur - in zehn, fünfzehn Jahren, mit Verlaub, beginnt das für Sie schwierig zu werden“, gab ich dann vorsichtig mit meiner eigenen Stimme zu bedenken.

Das Fräulein trank einfach weiter Kaffee, in winzigen Geisha-Schlucken. Über den Rand ihrer Tasse blitzte sie mich aus einer Menge dicker, schwarzer Haarlocken flaschengrün an. „Richtig“, meinte sie, „Eigentlich haben Sie ja recht. Aber ich habe Ihnen noch nicht gesagt, wo ich Stewardess werden möchte.“

„Bei einer Fluggesellschaft, die sich auf den Transport von Senioren spezialisiert hat? Die sich ihr Personal so aussucht, dass sich alte Herrschaften nicht mehr unnötig aufregen?“ Ich schaute in ihrem Gesicht nach, ob der Scherz zu hart gewesen war. Sie funkelte mir weiter mädchenhaft grünes Feuer zu. Eine Weile schwiegen wir. Ich atmete diese seltsame, stickig-duftende Theaterluft und betrachtete die stuckverzierten Wände, die Kronleuchter, das Interieur.

„Architektur“, murmelte ich schließlich. „Das ist seltsam: Wenn die Show vorüber ist, bleibt der Zirkus übrig.“

„Ja, bis er weiterzieht.“

Ich lachte. „Das hier ist ein Haus aus der Gründerzeit. Keine Chance, Mademoiselle.“

„Was möchten Sie jetzt, in diesem Moment, wirklich tun?“, fragte sie mich plötzlich, gerade, als ich versucht war, meine Augen wieder zu schließen.

Ich antwortete, dass ich ihr das vielleicht sagen würde, nachdem sie mir verraten hätte, wo sie gern Stewardess werden wolle. Sie nickte. Sie stellte ihr Kaffeegeschirr von ihrem Knie zurück auf das Tischchen und streckte die Beine aus. Ihr dunkler Seidenslip war zu sehen; er war verrutscht, so dass neben dem schmalen Steg eine frisch aussehende, pralle Schamlippe schimmerte. Ich war stolz auf mich, weil ich nicht wegschaute.

„Was ich jetzt gerne tun möchte?“, fragte ich leise zurück, „Ich glaube, ich möchte mit dem Kopf durch die Wand.“

„Ich möchte das auch“, sprach das Fräulein mit fester Stimme.

„Aber ich“, meinte ich, „will dabei weder Kopfschmerzen bekommen, noch Wände zerstören.“

„Und Sie denken, das geht?“

Noch immer sah ich offen in ihren Schritt.

„Nehmen Sie die Finger da weg!“, rügte das Fräulein abermals, und es nickte, während sie ihre schlanken Schenkel noch um ein Geringes mehr auseinander nahm, zu meiner Hand hin, die erneut damit begonnen hatte, am Bartgestrüpp zu zupfen. Ich legte die Hand mit der anderen Hand auf den Stoff meiner Hose.

„Gefällt Ihnen gerade etwas?“, fragte das Fräulein mit dunkelroter Stimme aus dunkelrotem Mund.

„Ja“, sagte ich. Ich griff nach meiner Tasse. „Ja. Mir gefällt gerade etwas.“

„Bin ich die Wand?“, fragte das Fräulein.

„Ich bin in jemanden verliebt“, erwiderte ich hölzern.

Das Fräulein schlug seine Beine wieder übereinander und zog sehr tugendlich an seinem Rocksaum.

„Sie sind ein Narr, Mann mit Bart!“, sagte es dann. „Wer verliebt ist, der kommt nicht weiter. Das hört man überall. Im Verliebtsein ist keine Klarheit mehr.“ Warm schaute es mich an. Daraufhin strich ihr verdunkelter Blick langsam durch das Vestibül. Die Saaltüren waren nun alle geschlossen, das gelbe Licht der Kronleuchter nur noch matt aufgezogen. Mehrere Tür- und Fensterscheiben weiter war es bereits Nacht geworden.

„Ja, ich bin ein Narr“, gab ich zu. „Holen Sie uns noch Kaffee?“

„Wollen Sie“, fragte sie mich zurück, „meine Brüste sehen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Haben Sie ihr den Hintern geleckt?“, fragte sie, und sie erhob sich mit unseren Tassen.

„Langsam und lange“, rief ich ihr nach. Souverän schluckte das alte Haus den von mir erwarteten Hall meiner Worte. Das Fräulein hantierte drüben an dem silbrig schimmernden Kaffeeautomaten.

„Warum“, fragte ich in ihren Rücken hinein, „sind Sie nicht Stewardess geworden? So wie ich es sehe, sind Sie von vorn und auch von hinten doch bestens dazu geeignet.“

Mit eleganten Schritten kam das Fräulein zu mir zurück; es balancierte das Geschirr gelassen auf den Fingerspitzen, eine anmutige, natürliche Leistung, eine Vorstellung für sich.

„Ich will hier nicht“, sagte es und setzte sich graziös.

„Sie wollen hier nicht. Nanu. Wo wollen Sie denn dann?“

„Ich will Stewardess auf einem Raumschiff sein.“

Während ich ihr die kleinen Teller mit unseren gefüllten Tassen darauf vorsichtig von den Fingerspitzen nahm und sie auf dem Tisch abstellte, sagte ich: „An diesem Wunsch könnten Sie sinnlos alt werden, richtig?“

Sie trank Kaffee. „Nicht ganz richtig.“

„Was ist falsch?“

„Altwerden mit Wünschen“, dozierte sie, „das mag vielleicht manchmal sehr traurig aussehen. Aber sinnlos? Nein, sinnlos altert nicht, wer Wünsche hat. Werden Sie sie wieder sehen?“

Ich nickte. „Und wenn es auf Ihrem Raumschiff ist. Ja.“

„Und ihr den Hintern lecken?“

Ich lächelte. „Sie wollen zuschauen.“

Sie lächelte auch. „Sie sind ein Fiesling.“ Still tranken wir Kaffee. Etwas Zeit verging, und wir vergingen etwas in der Zeit.

„Sie haben da ein Telefon“, brach das Fräulein schließlich abermals unser Schweigen. Sie deutete auf die Brusttasche meines Jacketts, aus welcher das Telefon ragte. „Na los, Sie Wegläufer! Rufen Sie sie an! Jetzt!“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ich fürchte mich davor.“

Das Fräulein runzelte die glatte, weiße Stirn. „Daher der Bart.“

„Nein“, wiederholte ich. „Nein.“

„Aber Sie platzen bald vor Lust!“, lächelte das Fräulein.

„Ich gebe es zu“, knurrte ich, „Ich bin ein Narr, und ich weiß keinen Ausweg, als ihr Entgegenkommen.“ Ich sah, dass die Sehnen ihres Halses angespannt waren.

„Meines?“

„Ihres, Donnerwetter!“

„Sie“, sagte das Fräulein,  und ein kleines Wutblitzpärchen schoss aus ihrem heiß und sättigend in meinen Blick, „Ich verstehe das, wie ich will. Verstehen Sie das?!“

„Ich verstehe das“, erwiderte ich. Ich griff nach meiner Tasse.

„Gehen Sie!“, rief da mit einem Male das Fräulein rau. „Los! Gehen Sie! Jetzt sofort! Vielleicht klingelt Ihr verdammtes Telefon!“

„Du bist ganz wunderbar“, sagte ich, und ich erhob mich. „Sie sind etwas enorm Besonderes.“ Sie erhob sich ebenfalls. „Ja, ich bin ganz wunderbar“, sagte sie. „Und D hast ja so viel gelernt, richtig?!“

„Falsch“, erwiderte ich. Dann sagte ich ernst: „Hören Sie: Wenn Sie das mit der Stewardess noch schaffen wollen, dann muss es ab sofort sehr viel schneller Zukunft werden, als man es hier glauben möchte.“

„Sie“, schimpfte das Fräulein, indes es mich auf das Ausgangsportal zuschob, „machen sich mal lieber Sorgen um Ihre eigene Zukunft!“ Resolut drehte es mich dann an der Schulter zu sich herum. Ernst und schlank stand sie dicht vor mir, ein fragiles, zart duftendes Wunder, umgeben von fettem Theaterramsch. „Hier ist leider schon geschlossen, verehrter Herr!“, sprach sie nun wohlakzentuiert und kalt. „Die Vorstellung ist zu Ende, und ich habe leider auch keine Zeit, Ihnen Auskünfte zu geben. Ich muss den Theatersaal kontrollieren. Da setzen sich nämlich manchmal Penner hinein. Sie kommen in der Pause, diese Penner, sie kommen, weil danach niemand mehr kontrolliert wird. Sie haben die zweite Hälfte aller Stücke ganz umsonst, und sie glauben, sie könnten sich hier dann auch noch über Nacht aufwärmen. Also…“ Sie trat einen Schritt zurück und hielt mir eine der Glasflügeltüren auf. „Wie ich schon sagte: Die Vorstellung ist vorüber. Und die nächste beginnt am Freitag um zwanzig Uhr. Kommen Sie einfach am Freitag zu zwanzig Uhr. Guten Abend!“ Das Leuchten in ihren Augen war unvergleichlich. Ich deutete eine Verneigung an. „Auf Wiedersehen!“, sprach ich leise. „Danke.“

Eisige, trockene Luft und die roten und weißen Lichterschlangen von Wagen, die in alle Richtungen der Nacht fuhren.

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Die zweite Halfte aller Stucke

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