Sie wissen, was geschieht, wenn man einem Affen eine aufgeschnittene Zwiebel zeigt? Er fängt sofort an zu wichsen.

Das glauben Sie nicht? Die Wirksamkeit des alten Tricks der Dorfjungens, bei der Kirmes das Blasorchester lahm zu legen, indem sie sich vor dem Podium aufbauten und dort herzhaft in halbierte Zitronen bissen, werden sie doch nicht bezweifeln, oder? Am besten geht es mit Schimpansen und mit ganz frisch aufgeschnittenen Zwiebeln.

 

Was war es nur bei ihr? Ein bestimmter Charakterzug in der Ausbildung ihrer Fingerknöchel? Etwas im Verhältnis von Wangenknochen zu Halslinie? Die auf eine hundertstel Bogensekunde genau zu meinem Idealbild passende Rundung ihrer Knie? Die Färbung der Strumpfhose? Nun war, weil ich mich soeben wie ein Affe zu fühlen begann, längst nicht einleuchtend zwar zu schlussfolgern, dass sie gerade die Empfindungen einer zersäbelten Zwiebel haben musste. Doch von irgendetwas traten mir Tränen in die Augen.

War es die Geschwindigkeit ihres Zwinkerns? Ihr aus einer texanischen Oberlippe und einer südfranzösischen Unterlippe bestehender Mund? Der erahnbare Grad der Festigkeit ihrer Brüste? Jene gewisse Unaufmerksamkeit in ihren Augen - um ein weniges geringer als der Anflug eines Silberblickes - die daran denken ließ, wie ihre Pupillen unter die Stirn kippen würden, wenn es ihr kam?

 

Vielleicht war es Verzweiflung. Montagnachmittag war, und ein paar Meter weiter oben goss es in Strömen. Die alte Untergrundbahn donnerte. Es stank, nach heißem Gummi und nach kaltem Bier. Zutiefst in ihre Alltagssorgen verstrickt hockten die Leute neben mir auf meiner Bank und neben ihr auf ihrer Bank. Sie sahen arm aus, alt, verschlissen, zu feige allein nur noch zur Hoffnung, und sie nickten im Takt der Schienenstöße demütig mit den bemützten oder behüteten Köpfen. Sie sah mich an wie in Chicago 1925, schwarzweiß, 1999 nachkoloriert, Paramount. Wo war der riesige Schwarze, der jetzt unbedingt in den Wagen zu treten und gestopfte Trompete zu spielen hatte? Um ein Geringes bewegte sie ihre Stutenfesseln in den staubigen, schwarzen Knöpfstiefelchen, schaute langsam an ihren eigenen Beinen herauf und zog dazu einen Schmollmund. Dann sah sie mich wieder an. Harmlos. Ihre Selbstverständlichkeit begann mich zu erzürnen.

Da saß sie und ließ sich begehren, in all dem widersinnigen Elend. Es war völlig gleich, ob Berlin oder Chicago, ob 1925 oder jetzt, es war ihr egal, schon seit immer und für immer.

‚Du bist so schön’, dachte ich, ‚Und die U-Bahn ist so hässlich…’ ‚

Was haben wir mit der U-Bahn zu tun, was mit den Leuten?’, kam es verheißungsvoll hinter dem Schilf ihrer Wimpern zu mir zurück. Welche fast unmerkliche Nuance in dieser stummen Frage war es, die mich so abstieß?

‚Also? Was jetzt? Ich oder die U-Bahn?’. Das war es. Das war es immer gewesen. Ich nickte. ‚Behalt die U-Bahn!’

Das Affenfell sank an mir herab. Zwar, einen Augenblick noch war es für Eingeweihte deutlich zu sehen, und ich bot damit den armseligen Anblick eines Mannes mit heruntergelassenen Hosen auf einem Klosett. Doch dann war es vorbei. Sie schmunzelte in die Richtung meiner Schuhe und wechselte betont langsam das übergeschlagene Bein.

 

Wütend starrte ich auf die leuchtendrote Notbremse. ‚Sagt mal: Das muss doch täglich tausend Männern so gehen, mit der!’ zitierte ich mir ein paar fragwürdige Gesellschafter in Gedanken herbei, Männer mit Chicagohüten von 1925, Berliner Halbweltluden mit Schiebermützen von 1948, ein paar Türkenjungens mit herabhängenden Unterlippen von heute, lechzende Russen aus allen Zeiten. ‚Und was glaubt Ihr wohl: Wie viel’, fragte ich bewundernd meine transzendentalen Kumpane, ‚kann so eine wie die da in jedem Augenblick empfangen, wie viel in sich aufsaugen?! Wie sehr unterscheidet sich doch dieses bestrumpfte Leben da von unserem…?!’ Humphrey Bogart, an die Waggontür gelehnt, gähnte gelangweilt und löste sich langsam wieder auf. Die anderen auch.

Von irgendwoher kam Sachlichkeit. Ich suchte nach dem Ursprung der Erleichterung und geriet dabei in den starren Blick einer alten Dame mit billigem Hütchen auf der Fünf-Euro-Schnellfrisur. Sie hatte die kalten, empörten Augen eines erschlagenen Karpfens auf den Eisblöcken in der Auslage des Fischgeschäftes aus meiner Kindheit. Und in dieser Kälte lag Anerkennung: ‚Na endlich hat er es verstanden und kümmert sich nun wieder um unsere Sorgen!’, hieß diese Anerkennung.

 

Mich schauderte es. Abermals betrachtete ich die Schöne. Sie lächelte flüchtig über die erschreckte Heimkehr meiner Blicke; Spott zuckte behaglich um einen ihrer Mundwinkel, aber das mochte mich ja vielleicht schon nicht mehr meinen…

‚Du kleines Aas hast doch nicht bloß deswegen harte Nippel, weil es in der U-Bahn hier so kalt ist!’ kam es sofort aus der Alten neben mir.

Jetzt massierte die Schöne zwei Finger ihrer einen Hand langsam in der locker geschlossenen, anderen Faust; dabei sah sie mir gerade in die Augen. Ich stellte mir vor, was geschehen würde, wenn ich der Selbstgefälligkeit ihrer Erotik völlig widerstandslos mit genau dem beantworten würde, was sie eben bei mir hervorrief. Wenn ich jetzt einfach hier in der voll besetzten Untergrundbahn mit ganz unbeteiligtem Gesicht meine Hosen herunterlassen und beginnen würde…

‚Ach, Du bist so schön. Und die U-Bahn ist so hässlich!’, dachte ich wieder. Eine Weile schoben wir uns gegenseitig die U-Bahn zu. Die U-Bahn quietschte und schrillte. In den Augen der Schönen stand mit einem Male Angst. Die Spanten des Wagens krachten.

‚Behalt die U-Bahn!’, dachte ich, und ich grinste triumphierend.

„Ha! Das ist ganz gewöhnlich!“, rief plötzlich die Alte laut, „Das ist immer so, zwischen diesen beiden Stationen hier! Ich kenne das! Nur keine Angst!“ Und sie schielte abwechselnd auf mich und auf die Notbremse.

 

Der Zug schepperte in den nächsten Bahnsteig ein und hielt. Ein paar nett aussehende, junge Leute stiegen zu, die sich nach dem erneuten Schließen der Türen allesamt als Kontrolleure entpuppten. Meine Schöne wühlte einigermaßen verzweifelt in ihrem hübschen Handtäschchen. Sie musste mit aussteigen. Über eine ihrer schmalen Schultern hinweg sah sie mich noch einmal an, eine lächerliche Bettlerin jetzt. Und auf dem Waggonfußboden, an dem Platz, wo sie eben noch gesessen hatte, sah ich, was ihre hochhackigen Knöpfstiefelchen vordem meinem Blick verborgen hatten – ein paar Zwiebelschalen.

„Der ganze Dreck gehört weggeräumt gehört der ganze Dreck!“ schimpfte die Alte, und ich verwunderte mich über das Nicken der anderen Fahrgäste, wo sie doch gar nicht ihre dürren Lippen bewegt hatte, beim Schimpfen, kein bisschen. Aber vielleicht nickten sie ja auch alle nur wieder im Takt der Schienenstöße.

Jedenfalls: Wenn sie schon lange kein Motiv mehr für einen Zoobesuch hatten, vielleicht konnte ich das ja ändern. Und machen Sie vorher kurz halt bei ihrem Gemüsehändler.

 

© Robert L. Sanatanas 2017

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