Vor längerer Zeit kaufte ich mir eine edle, stählerne Teleskopluftpumpe. Ich hatte das Knüppelchen Arnold getauft, es hing außen an meinem armen Rucksack und sah sehr respektabel aus. Dann fiel es ab, und ich habe es nicht wiedergefunden.

 

Wenn man wie ich ein Fahrrad besitzt, dessen Bereifung mit Automobilventilen versehen ist, dann kann man vorsorglich gegen eine mögliche Durchlöcherung der Bereifung Flickzeuge und solche Pumpen erwerben. Hat man mit diesen Pumpen, meist teure Designerejakulate, Mitteldinger zwischen Schlagstock und Vibrator, welche an Stücke im Schaufenster eines Dolly- Buster- Shops erinnern, schlechte Erfahrungen gemacht, so tut es auch ein kleiner Adapter aus Edelstahl, den man auf die automobilkompatible Ventilöffnung aufschraubt. Durch die Verwendung des Adapters taugt dann das Ventil für jede altübliche Fahrradluftpumpe - das klassische Zweirad ist wiederhergestellt.

 

„Verlieren Sie bloß den Adackter nicht!", mahnte mich der Fachverkäufer. "So’n kleinen Adackter verliert man schnell. Ich habe meinen immer in einem Seitenfach meines Portemonnaies. Hier, kucken Sie mal. Da verliert man ihn nicht.“ Er sagte ‚Adackter’, er sagte es mit so einem alten, nassen Klatschen im Kinnscharnier, und ich ekelte mich sehr, besonders, weil ich sicher war, dass er irgendwarum schon lange sehr gern ‚Adackter‘ sagte. Wahrscheinlich wartete er nur auf Gelegenheiten, ‚Adackter‘ sagen zu können. Er hatte auch ‚Port - Maneeh‘ gesagt, auf die gleiche Weise. Und dann, als ich bezahlen wollte, sagte er auch noch: „Das macht Pi mal Daumen drei Mack.“ Und ich glotzte betreten auf seinen plumpen Daumen mit dem tiefschwarzen, abgenagten Nagelrand und wusste, ich würde das alles nie mehr vergessen.

 

Ich verlor zwar den Adapter nicht, aber sie haben mir bald darauf die Brieftasche geklaut. Eine Weile lang suchte ich dennoch nach dem Teilchen - es hätte ja immerhin sein können, dass die Konditionierung von Adackter und Brieftasche einfach nur geistig geschehen war und ich das Stück anderswo hinterlegt hatte. Doch es ließ sich nicht mehr auffinden.

 

Bekommt man am Neujahresmorgen, etwa durch den Splitter einer auf der Straße detonierten Silvestersektflasche ein großes Loch in den Hinterreifen seines Fahrrades, wird das Problem akut. Hat man dann keine Luftpumpe und keinen Adapter und kann man sich, da ja der Neujahrstag ein Feiertag ist, auch nichts kaufen, und nützen auch alle scheelen Blicke auf die Menge fremder Fahrräder nichts, dann kann man immerhin mit dem Fahrrad am Arm zurücklaufen nach da, von woher man gekommen ist, und den Hinterreifen schon einmal ausbauen. Der nächste Tag ist dann wieder ein geschäftsoffener Tag. Morgens wird man eine Pumpe kaufen, man wird das Rad ausbauen, den Schlauch entnehmen, einen kleinen, roten Gummilappen mit schwarzem, gezackten Rand aufkleben. Dann neue Luft in alte Schläuche, und mittags dürfte man eigentlich schon wieder Fahrrad fahren.

 

Aber manchmal sind die üblichen Luftpumpen für Fahrräder mit Autoventilen in den Reifen leider ausverkauft, und es gibt nur die teuren Designerversionen. Wenn man dann nicht kaufen kann, was zu kaufen übrigbleiben würde, bleibt immer noch der Versuch, einen von diesen wesentlich preiswerteren Adaptern zu erstehen, aber manchmal sind auch die Adapter ausverkauft. Nach dem letzten Laden in akzeptabler Entfernung vom Fahrrad, dem Zentrum meines Denkens und Handelns, wo ich, um sicher zu gehen, dass ich auch richtig verstanden würde, erst nach Adaptern und dann auch noch nach Adacktern gefragt hatte, fiel mir schließlich noch die Tankstelle ein. Zu den meisten Tankstellen gehören Luftstationen, versehen mit zu Autoventilen passenden Druckschläuchen Um ein Loch in einem Gummischlauch zu entdecken, muss man den Schlauch ein wenig anpumpen, ihn dann in ein Gefäß mit Wasser tauchen und sehen, an welcher Stelle ihm Luftbläschen entsteigen. Zu dem Zweck, einen Riss in einem Schlauch ausfindig zu machen, taugt bei minus 6 Grad jedoch der Ort Tankstelle nur wenig.

Einen Eimer mit hinunter auf die Straße nehmen könnte man stattdessen, aber dann fehlte wieder die Luftstation. Dazu kämen in diesem Falle Frost, das mengenweise, langwierige Reinigen der von Naben - und Kettenfett verschmierten Hände und Unterarme, danach das jeweilige Cremen der Hände wegen der Aggressivität der einzig wirksamen Waschpaste, treppauf, treppab...

 

Also schraubte ich das Rad abermals aus. Das wurde mir deswegen ärgerlich, weil es sich um das Hinterrad handelte, denn dort verlaufen Kette und Gangschaltung, weshalb man sich in dieser Gegend etwas merken muss, was ich mir noch nie merken konnte, den Verlauf der Kette, viel schwieriger als beim Flaschenzug, viel zu schwierig für mich. Schwarze Finger also mehrere weitere Male. Nach einer mentalen plus materiellen Beschäftigungszeit von über sechzehn Stunden, Niederschrift, Korrektur und mögliche zeitraubende Spätwirkungen dieses Berichtes noch gar nicht mit eingerechnet, fand ich am Vormittag des zweiten Januar ein kleines Geschäft, dessen unausgeschlafener Geschäftsführer sich - gegen Hinterlegung meines Telefons – bereit erklärte, mir eine Autoventilluftpumpe auszuborgen.

Grimmig vollzog ich die nötigen Operationen; dann endlich pumpte ich den dicken Hinterreifen ein vorletztes Mal auf. Wohlig dehnte sich das schlaffe Gummiprofil, probehalber schlug ich mit dem Pumpenschaft leicht gegen die wunderbar pralle Bereifung, die Pumpe hüpfte, und es machte gesund und sportlich: ‚Boing‘. Folgend montierte ich das Rad wieder ein - wozu ich die Luft vorher noch einmal ablassen musste, damit ich den Radreifen zwischen den an der Vorderradgabel installierten Bremsbacken hindurchbekam - ich pumpte erneut, ließ es noch einmal ‚Boing‘ machen und dachte in einer Art Anfall von Glück: ‚Bevor Du nun die Pumpe zurück in den Laden fährst, kannst Du eigentlich auch dem so lange schon getreulich Luft haltenden Vorderrad noch ein paar frische Luftzüge gönnen.’ Ich setzte die Pumpe an, und die Pumpe passte nicht auf die Ventilöffnung, und dass sie nicht passte, lag daran, dass auf der Ventilschraube der verlorengeglaubte Adapter sich befand. Der saß dort seit Monaten fest, und auch gestern und auch heute. Wie hässlich er blinkte in seinem edelstählernen Glanz!

 

Etwa zwanzig Jahre vor der Erfindung der ersten mechanischen Rechenmaschine begann ein einsamer, junger Engländer damit, die irrationale Zahl Pi immer genauer hinter dem Komma zu errechnen. Die Arbeit am Pi war ihm zur täglichen Hausaufgabe und zum Vergnügen geworden. Zwölfeinhalb Jahre lang hatte er seinem Abendhobby gefrönt, er hatte das Pi bis weit nach dessen dreiundfünfzigtausendster Kommastelle ausgerechnet, als er starb. Einige Zeit nach seinem Tod, rechnete man ‚sein’ Pi auf einer der ersten Maschinen nach. Ein einziges Mal hatte er sich verrechnet. Gleich zu Anfang. Bei der sechsundvierzigsten Stelle nach dem Komma. Am ersten oder zweiten Tag seiner Arbeit schon musste es gewesen sein. Der englische Privatier hat es nie erfahren.

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

P i mal Daumen

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