Agentur Anna

Ewig, das ist so anfangslos wie ohne Ende. Unendlich ist bloß endlos, mit Anfang. Das Gegenteil von Unendlich ist: Ständig am Ende und nie irgendein Anfang. Ich war das Gegenteil von Unendlich. Das war wegen Anna Susanna, die mir immer eine Ewige vorspielte, so mit ikonenhaftem Gesicht, auch dabei und danach. Aber Anna Susanna war keine Ewige, nicht einmal unendlich war sie, sie schrieb sich bloß vorwärts wie rückwärts gleich, das war alles. Na ja, nicht ganz – irgendwann war sie weg, und seither war ihr bisschen alles für mich eine Menge. Also wollte ich mir einen neuen Anfang für Anna Susanna und mich ausdenken. Ich nannte mich Bob, weil der sich einmal auch vorwärts wie rückwärts gleich anhörte und zweitens meine Einfallslosigkeit unterstrich, und ansonsten wartete ich, auf eine Idee für einen Anfang. Vielleicht sehnte sich so sehr, wie ich auf einen Anfang hoffte, irgendwo ein Unendlicher nach dem Ende. Möglicherweise gabt es ebenso viele Arme, die hilflos geil auf Reichtümer waren, wie Reiche, die verzweifelt darüber grübelten, wie sie endlich zu Besitzlosigkeit gelangen konnten. Was hieß eigentlich möglicherweise? Natürlich musste es genau so sein – wo bliebe sonst das Große Gleichgewicht des Universums, von dem Anna so oft geflüstert hatte, wenn ich unter oder über ihr Angst um mich selbst bekam.

 

Dabei hätte ich nie Angst haben müssen, denn Anna hatte ja Recht. Tatsächlich ist immer von allem ausreichend vorhanden. Das Problem Gerechtigkeit wird nur ganz falsch betrachtet. Wer etwas braucht, der will es meist von jenen haben, die das Betreffende nicht geben können, und wer etwas abgibt, der tut es meistens dorthin, wo man nicht wirklich etwas damit anzufangen vermag. Jene Gebenwollenden und solche Nehmenwollenden, die im Grunde hervorragend zueinander passen würden – „Ich will nicht sterben, o bitte, bitte, ich will noch nicht sterben!“ „Na hervorragend, hier haben Sie tausendvierhundert Jahre, Gott, bin ich froh, dass ich die Dinger endlich los bin!“ - sie treffen sich nur nie. Jedenfalls fast nie. Das ist der eigentliche Missstand, allein das, und nicht etwa irgendein sogenannter Mangel, keine Knappheit hier oder sinnloser Überfluss da. Nein, es trifft sich einfach nur nicht, obwohl es in großartiger Weise so kompatibel miteinander wäre, dass alle für immer zufrieden sein könnten.

 

Wegen meiner Suche nach einem Anfang ohne Ende für das Paar Anna Susanna und ich, und wegen dieses merkwürdigen Problems kam ich auf die - zwar eigentlich gar nicht so besondere, für meine Zeitgenossen und Weltumstände jedoch durchaus eigentümliche -  Idee mit der Agentur. Natürlich gab ich ihr den Namen „Agentur Anna“.

 

Es funktionierte ganz einfach: Man konnte in der „Agentur Anna“, also bei mir,  entweder seine dringendsten Bedürfnisse melden, oder seine belastendsten Überschüsse, und ich sorgte dann für die Zusammentreffen, zwischen zu reich und zu arm, zwischen zu sterblich und zu ewig. Vielleicht werden Sie zweifelnd die Brauen heben, wenn ich jetzt hinzufüge, dass ich auch überaus erfolgreich zwischen zu krank und zu gesund vermittelte, doch glauben sie mir: Sie haben wahrscheinlich - ebenso wenig wie zu Beginn meiner Arbeit ich selbst - nur keine Vorstellung davon, wie viele Leute sich ein Magengeschwür wünschen, ein Glasauge, ein Holzbein oder wenigstens eine Woche Kopfschmerzen mit Fieber.

 

Wie auch immer, ich traf in der Folgezeit einen Haufen recht berühmter Leute. Götter, Dämonen, Teufel, der Tod und große Mengen von Hare Krsnas gingen in der „Agentur Anna“ ein und aus. Und noch viel wichtiger: Jene so uralte wie tieftraurige Weisheit, die uns aus dem Sanskrit übermittelt wurde - dass wir ständig unter dieser dreifachen Schwierigkeit leiden würden: Erstens etwas zu wollen, und es nicht zu bekommen, Zweitens etwas niemals so behalten zu können, wie es gerade ist, und Drittens, etwas zu besitzen und es nicht mehr loszuwerden - ich wies ihr einfach durch das Gelingen meines Geschäftes nach, dass sie nichts als barer Unsinn war.

 

Über einige erquickende Monate lief die „Agentur Anna“ durchaus glänzend - das ging so lange, bis ich erstaunt zu bemerken begann, dass mir viele von denen, die in mein Büro kamen, irgendwann schon einmal begegnet waren. Bald stellte sich heraus: Es waren alles ehemalige Kunden. Eine ständig anschwellende Anzahl von ihnen wollte plötzlich aus den verschiedensten Gründen Rücktauschgeschäfte vornehmen; sie wollten ihre Milliarden wieder loswerden, ihre intergalaktischen Raumkreuzer und ihre Zeitmaschinen, ihre Plastikarme, ihren Kehlkopfkrebs oder ihren Buckel. Einer brachte ein noch hervorragend erhaltenes Sternentor zurück, nur, um wieder sehen zu können; ein anderer wollte den erst vor ganz kurzer Zeit von ihm erworbenen, wunderbar authentisch von Yakmist verkrusteten Umhang eines nepalesischen Bettelmönches gegen die vier Konzerne wieder eintauschen, die er dafür gegeben hatte. Die Firmen hatten allerdings unterdessen fusioniert, und ich hatte sie an einen Herrn D. Sörensen gegen eine ärztliche Bescheinigung weitervermittelt, auf welcher einer Frau D. Sörensen garantiert wurde, dass sie allerhöchstens noch zwei Monate zu leben hätte, ich meine, D. Sörensen ist schließlich D. Sörensen, nicht wahr? Na ja, meine Innovativität in solchen Dingen half mir leider auch nicht lange, und Sie ahnen sicher, wie sehr sich die Angelegenheiten bald verkomplizierten. Was tat ich also? Ich sah mich gezwungen, die Regelschraube fester und fester anzuziehen: Keine Garantieleistungen mehr, keine Probezeiten, keine Rückgabefristen und kein vierzehntägiges Umtauschrecht, auch keine - wie soll ich es Ihnen beschreiben, es ist ein bisschen kompliziert? - auch keine Teilzahlungen…

 

Machen wir es kurz: Es nützte nichts, jedenfalls nicht mehr lange. Immer weniger Kunden besuchten mich, bis endlich kein Einziger mehr die hübsche, antike Ladenglocke meiner „Agentur Anna“ zum Klingeln brachte. Seit Wochen bereits hocke ich nun in meinem leeren Büro und würde mein Geschäft gern gegen etwas tauschen, gegen etwas, das ich ebenso dringend brauche, wie vielleicht jemand anderes eine insolvente „Agentur Anna“. Was das ist? So genau kann ich das gar nicht formulieren - es ist, glaube ich, irgendetwas Natürliches. Irgendwas mit Leben. Leben umgekehrt gelesen heißt Nebel.

 

Selbstverständlich existiert dieses Nebulöse, das, was ich im Austausch für meine Agentur haben möchte, wirklich, ja, irgendwo gibt es solch einen perfekten Gegenwert, die Lösung aller meiner Probleme ganz bestimmt, denn es ist ja erwiesenermaßen immer alles in ausreichender Menge vorhanden - wegen des Großen Universellen Gleichgewichts. Doch ohne Vermittlung werden wir uns wahrscheinlich nur sehr schwer treffen können. Es scheint so zu sein, dass ich durch meine Lösung der Punkte Eins und Drei aus der alten Sanskritweisheit mir den zweiten Punkt in aller Heftigkeit zugezogen habe: Ich kann etwas nicht so behalten, wie es ist... So war es schon mit Anna Susanna, wer weiß mit was es noch so sein wird.

 

Ja, und so sitze ich nun hier in diesem verstaubenden Zimmer, in dem es wegen des Gerichtsvollziehers - übrigens ein Dipl. Ök. Dr. Otto Lemmel - nicht mehr viele Dinge gibt, und schaue hinaus in die Welt. Warmer Frühherbst ist es dort, höhnische Sonnenkringel wandern langsam über die sich häufenden Rechnungen auf meinem Schreibtisch. Da draußen, vor dem weit geöffneten Fenster stöckelt, ihren kleinen, drallen Hintern schwenkend, ein hochgewachsenes Fräulein vorüber, von links nach rechts, dann pecht’s, es könnte Anna Susanna sein. Die Absätze ihrer Schuhe klingen wie die Hufe eines Pferdes auf Kopfsteinpflaster in alter Zeit. Sie wirft ihre lange, rote Mähne bockig zurück; in irgendeinen zornigen Gedanken verstrickt, bläht sie die schönen Nüstern. Und ich sehe ihr nach und hoffe, dass sie wiehern wird.

 

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© Robert L. Sanatanas 2017

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