„Es ist jetzt siebzehn Uhr vierunddreißig!“ rief der Radiosprecher mit professioneller Begeisterung. Er hatte einen schlecht abtrainierten, bayerischen Akzent.

Es war ja so selbstverständlich, dass es 17.34 Uhr war. Es war ja so erfreulich. Und wenn nur alle gemeinsam daran glauben würden, dass es 17.34 Uhr war - was für eine 17, was für eine 34, was für eine Uhr, was für eine Zeit!

Der rasante, junge Animateur, kühn vorpreschend in der Linearität der ablaufenden Sekunden, versuchte, mich von weiteren Fakten zu überzeugen, mit dem so ekelerregend leicht durchschau- nein, durchhörbaren Enthusiasmus unterer Gehaltsklassen. Von Orten mit Namen rief er Kunde in sein Mikrofon, an welchen bestimmte Ereignisse erlebbar werden würden, sobald aus 17.34 Uhr 20.30 Uhr geworden sein würde. Es war nach den Worten des Radiosprechers ganz schön etwas los an einem dieser Orte, um 20.30 Uhr. Es war etwas los, dort, ganz schön.

 

„Irgendetwas ist los“, dachte ich, und da, klick!, wurde es 17.35 Uhr. Unschlüssig spielte ich mit meinem Stift.

Gegen 17.36 Uhr begann ich über mein Erlebnis um 17.34 Uhr zu schreiben, und nach zwei Minuten - als erstes schrieb ich den Titel - hatte mich die Zeit überholt. Jetzt ist es 17.51 Uhr und Titel wie Text sind bereits ohne jede Aktualität. Squash ist jetzt gerade aktuell, nach Aussage des munteren Radiosprechers, aber der Ball ist zu schnell und kann vom Fernsehen nicht gut übertragen werden, deshalb ist Radio ein sehr viel geeigneteres Medium zur Übertragung von Squash. Sagt der Radiosprecher um 17.52 Uhr, und Stunden zu spät erkenne ich deutlich, dass ich nichts von dem empfangen möchte, was der Radiosprecher für mich sendet. „Ich bin noch bis 20.00 Uhr für Sie da!“, ruft er heiter.

Gegen 17.53 Uhr schalte ich ab, dann bin ich wieder allein, das ist schön bis 17.54 Uhr. Ich vermisse den aufgeräumten Moderator und hasse mich dafür inbrünstig. Dann wird es mir zu bunt, und ich brauche es schwarz auf weiß. Um 17.56 Uhr habe ich mich auf meinen Stift besonnen und beschließe, bis morgen, 17.57 Uhr an diesem Text kontinuierlich weiterzuschreiben, um endlich einmal topaktuell und auf der Höhe der Zeit zu sein, denn ein 24-Stunden-Schreibmarathon, wo gab’s schließlich sowas schon? Doch um 17.56 und 39 Sekunden bereits gebe ich auf; ich schalte demütig einen anderen Sender im Radio ein und beginne, den guten Ratschlägen der Radiosprecherin mit der reifen Stimme gemäß, bewußt zu verdauen. Das bißchen Denken, das bißchen Fühlen, das bißchen Vorstellung, und so wenig Willen, nörgle ich im Geiste, bis - wie immer fast sofort - diese vielen Bisschen revoltieren: „Was heißt hier wenig! Was heißt hier klein?! Freut oi-hoich des Lebens / Großmutter wird mit der Sense rasiert…!“ Plötzlich fange ich tatsächlich an, mich zu freuen, denn ich erinnere mich, dass ich gleich Besuch bekommen werde, ein Geben und Nehmen wird einsetzen, ach, und es wird überstiegen werden, vom Leben, das nicht gesagt und nicht geschrieben werden kann, und man wird seltsam allein sein und doch nicht allein. Ich warte und verdaue. „Fletchern sie! Wissen sie, was das Fletchern ist? Doktor Fletcher hat erkannt, dass, wenn man jeden Bissen so viele Male kaut, wie man Zähne im Mund hat, also 32 Mal…“ Hat die eine Ahnung.

 

Irgendetwas scheint erreicht, meine ich schließlich um 18.02 Uhr, etwas wie die Aufhebung der Geschlechtertrennung im Gefängnis, und etwas wie die Zusammenlegung der politischen Gefangenen. Vielleicht kann mir ja das Radio sagen, warum ich denke, was ich denke, und was es gottverfluchtnocheins bedeutet. Sinnlosigkeit ist doch nicht darum sinnlos, damit man in ihr irgendeinen tiefen Sinn erkennt.

„Die höchste Form der Vollendung der Gemeinschaft mit Gott haben diejenigen erreicht, welche man die Heiligen nennt!“ So werde ich eben auf einem weiteren Sender von der öligen Stimme eines salbungsvollen Sendlings belehrt, und dass schon seit lange vor 17.38 Uhr und noch bis 00.00 Uhr Allerheiligen ist, ein Tag, an dem der Heiligen gedacht wird, und zwar aller Heiligen, wohingegen morgen, das ist die nächste Zeitspanne von 00.00 Uhr bis 00.00 Uhr, Allerseelen ist. Vielleicht werde ich morgen um 18.03 Uhr und 30 Sekunden, also endlich erfahren, was eine Seele ist, damit ich ihrer dann in rechter Weise gedenken kann. Und nun, da - um 18.05 Uhr - ein wieder anderer Radiosprecher mit klassisch anmuten sollender, raunender Sachlichkeit verkündet, dass die nachfolgenden Töne ursprünglich von einem Richard Strauß entstammen, gebe ich auf und winke und schalte ab. Auf meinem seufzenden Weg zum Schalter erfahre ich leider noch, dass auch dieser Radiosprecher noch stundenlang für mich dazusein vorhat. Für mich. Jesus ist für mich gestorben, und kein bisschen für sich. Sein Vater hat für mich getötet, und kein bisschen für sich. Ob die ganze Geschichte stimmt, oder nicht, jemand hat sie für mich geschrieben, und kein bisschen für sich. Allerheiligen ist nun abgeschaltet, so einfach geht das, liebe Engelchen. Wozu brauchen Engel eigentlich Zähne? Die fletchern doch eh nur Nektar und Ambrosia.

 

Nun ist die Zeit nur noch zu sehen, als rotglühende Ziffernfolge auf dem Radiowecker (18.10 Uhr), aber zu hören ist sie nicht mehr. Schließe ich die Augen, kann ich mich glücklich schätzen - dem Geruch, dem Geschmack, dem Tastsinn wird die Zeit in dieser Zivilisation nicht so konkret vermittelt, wie dem Gehör allein. Die armen Anderen, die irgendwo anders ihre Zeit auch riechen, schmecken, fühlen müssen! Die wissen immer, immer, wie spät es gerade ist. Viel mehr wissen sie wahrscheinlich nicht mehr, aber wie spät es ist, das wissen sie immerzu ganz genau. Nicht mehr: „Henriette, Du hast Dich verspätet!“, sondern: „Henriette, Du hast Dich ja schon wieder verfärbt!“ „Kind, geh ins Bett, es stinkt schon!“ Oder: „Allerseelen, Rüdiger, Du siehst heute aber sehr früh aus!“

 

Wie wunderbar, dass es immer noch welchen schlechter geht als mir um 18.13 Uhr. Es gibt ein Gift, das wird wirkungslos, wenn man es erwähnt. Optimismus ejakulierende Radiosprecher haben dies erkannt. Es ist doch einfach so: Ihre Erkenntnis bringt ihnen Geld, mir bringt sie schmerzende Finger und Ihnen diesen Text. Sie sollten ihn also vielleicht so teuer wie möglich bezahlen, denn das nächste Gift - hier kommt es schon - werden Sie durch keine Erwähnung mehr los, und auch durch kein Lesen mehr. Ich bin ja schließlich nicht behämmert wie eine Schreibmaschine. Sie verstehen nicht? Spätestens dann, wenn für Sie irgendein nächstes Mal 17.38 Uhr ist, werden Sie wissen, was ich heute meine. Wollen Sie wirklich so lange warten? Jetzt ist es 18.20 Uhr. Ich sage Ihnen das mit der einzigen Professionalität, die ich habe, mit jener, in der sich das Warten entwickelt. Auf wen ich warte? Nun, auf Sie gewiß nicht mehr. Sie haben sich ja bereits bis hierher zum Narren machen lassen. Erinnern Sie sich noch daran, was umsonst ist? Na? Sagen Sie es allen weiter, dass ich warte, denken Sie darüber nach, worauf, und retten Sie, wenn Sie können, rasch noch ein paar Leute. Denn es ist bereits 18.22 Uhr, und wenn ich jetzt also bitteschön um Ihre Bezahlung bitten dürfte?! Ja, es ist gut, es ist ja schon gut, ich gebe auf. Sie haben Recht, das wäre ja, wie sagt man, wie das wäre, noch schöner wäre das! Schließlich sind Sie für mich da, und kein bisschen für sich selbst. Also gut, spielen wir die alte Nummer, na bitte, Sie haben es so gewollt. Ich bin der Looser und verlange nichts mehr, ich erzähle Ihnen statt dessen eine Geschichte über Allerheiligen, eine, mit der Sie etwas anfangen können und ich kein bisschen was. Nehmen Sie alles andere da oben als Einleitung. Das war nämlich so, damals:

 

In München hatte ich den Anschlusszug nach Berlin verpasst und musste erfahren, dass ich erst vier Stunden später einen nächsten Zug bekommen konnte. Es war sehr spät und sehr kalt, ich war sehr müde und zerschlagen, und ich hockte mich mürrisch in ein Mac-Donalds-Restaurant, das befindet sich auf einer steinernen Balustrade, welche die Vorhalle des Bahnhofes innen ganz umläuft. Von dort hatte man einen Blick über das Treiben auf dem Bahnhof. Gott, war ich müde.

 

Schräg gegenüber, unten, gab es damals ein Pornokino. Schläfrig und frierend beobachtete ich, wie dort ein paar Leute hineingingen, dann sah ich plötzlich ein junges blondes Mädchen mit einem Rucksack, an welchem ein großer Militärschlafsack baumelte, und die sah so wenig nach Pornofilm aus, dass mir die Idee kam, welche vielleicht auch ihre gewesen sein mochte. Man setzt sich natürlich einfach in das warme Kino und schläft dort ein wenig. Sechs Euro, eine Coca-Cola und ein Wegwerftaschentuch, Pfui Deibel, ein Wegwerftaschentuch. Der Film lief in einer Schleife, man konnte im Kino sitzen blieben, so lange man wollte. Ich hatte eine gewisse Schamgrenze zu überwinden, als ich mich an die Kasse stellte. Am schlimmsten war das Gesicht der Kassiererin, als sie mir mit meiner Karte und meiner Coca-Cola das Wegwerftaschentuch überreichte. Das Gesicht einer gleichgültigen Krankenschwester war es, die einen Patienten versorgt, den alle Ärzte längst abgeschrieben hatten.

 

Ich hatte beschlossen, vor dem Einschlafen noch die erste Pornoszene abzuwarten, es wäre in meinem Leben die allererste Pornoszene gewesen, aber die erste Pornoszene kam nicht. Ich wartete den ganzen Film ab, und auch noch die ersten zwei Drittel seiner ersten Wiederholung. Es gab in dem ganzen blöden Schinken noch nicht einmal einen Kuss! Immer, wenn die Darstellenden sich gerade ein wenig näher kamen, wechselte sofort abrupt die Szene. Da nun aber die gesamte Handlung und aller Text des Machwerkes eindeutig auf eine pornographische Entwicklung ausgerichtet waren, machte das alles sehr bald schon überhaupt keinen Sinn mehr. Landschaften, Autos aus den Siebzigern, Häuser und Möbel. Junge Frauen mit Sonnenbrillen und Kopftüchern, und Männer mit weißen Rollkragenpullovern und Goldkettchen darüber.

 

Der schnaufende Wichser hinter mir war bereits fertig und schlief. In dem komischen Film war immer wieder eine Kuckucksuhr aufgetaucht, vielleicht war sie es gewesen, die ihn zufriedengestellt hatte. Er hatte die Daumen hinter seinen Gürtel geschoben, auf dessen riesiger Schnalle man auch im Kinodunkel die optimistische Cowboyfamilie aus „Bonanza“ erkennen konnte, er schnarchte und seufzte. Erbost lief ich endlich hinaus, vorbei an der Sesselreihe, wo das junge Mädchen schlief.

„Das soll ein Porno gewesen sein?!“, rief ich an der Kasse, „Es war schlimmer als die ‚Waltons!‘ Ich will sofort mein Geld wiederhaben! Hier haben Sie dafür Ihr Taschentuch zurück!“ Die Kassiererin grinste und holte den Filmvorführer.

 

Ein riesengroßer, dick beschnauzbarteter Filmvorführer schaute mich kurz von oben bis unten an. Dann fixierte er das Wegwerftaschentuch in meinen Händen, mit einem ähnlichen Gesichtsausdruck, wie ich ihn gehab haben mochte, bevor ich das Taschentuch entgegengenommen hatte. Und daraufhin sprach er mit eisiger Stimme ins Gesicht: „Heut ist Allerheiligen, der Herr. Dös is im Freistaat Bayern an Feiertag. Und dös bleibt im Freistaat Bayern auch an Feiertag!“ Er fügte noch hinzu, dies würde so sein und so bleiben, so wahr er - und hier nannte er seinen Namen - hieße. Ich bedauere, daß ich diesen Namen vergessen habe, gern hätte ich ihn hier erwähnt. Aber er sagte auch noch: „So wahr mir Gott helfe!“, und so ist sein Name ja nicht wirklich ganz verloren. Es war natürlich irgendwas mit ‚Huber’ am Ende.

 

Huber, der beleibte Pornofilmvorführer mit dem traurig herabhängenden Walrossbart, hatte alle Pornoszenen aus dem Film herausgeschnitten. Weil Allerheiligen war. Damit Allerheiligen blieb. Gott weiß, was er sich für den darauffolgenden Tag hatte einfallen lassen, damit der im Freistatt Bayern auch Allerseelen bleiben würde.

 

Ja, das war schon die ganze Geschichte, eine Begebenheit aus dem Münchner Hauptbahnhof. Und inzwischen ist es ja auch schon - wie spät ist es gerade bei Ihnen? Ich möchte Ihnen nun meine Zeit doch nicht noch länger aufdrängen. Was soll ich schließlich auch ausgerechnet mit Ihnen in meiner Zeit?

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Allerheiligen

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