Natürlich war der Arm genauso alt wie der von ihm abgerissene Mann, welcher bewegungslos im immer noch nicht abgestellten, grässlichen Warnklingeln der Straßenbahn lag. Aber der Arm sah seltsamerweise sehr viel älter aus, und seine Hand schien mit einer spastischen Bewegung nach dem eigenen Ellenbogen greifen zu wollen. Er ähnelte fatal dem Arm, welcher sich in Edgar-Wallace-Filmen immer aus nebelüberflorten Mooren reckt. Die Schulter, an welcher der Arm gesessen hatte, lag zerfetzt auf einer Bahnschiene, und gerade als ich schaudernd wegschaute, fuhr ein Transporter der Spedition Rothärmel durch mein Blickfeld. Man hätte das mystisch nennen können; auf jeden Fall verlieh es der Szene noch etwas mehr Gegenwärtigkeit. Es war kurz vor dem Einsetzen der in solchen Unfällen üblichen Betriebsamkeiten. Der Fahrer der Straßenbahn hockte noch in seiner Kabine und starrte auf die Straße. Der Mann, den er umgefahren hatte, glotzte verdattert auf seinen Arm. Einige Leute waren im Begriff stehenzubleiben. Ich hatte mich also falsch entschieden.

 

An jedem Morgen, wenn ich mit dem Rad in die Stadt fuhr, kam ich an diese gewisse Ecke. Von dort aus konnte ich geradeaus fahren und um das Theater herum, oder ich konnte nach rechts abbiegen und einen Park durchqueren. Die Zeit, welche ich brauchte, um dadurch die breite Hauptstraße zu erreichen, war auf beiden Wegen gleich lang, und keine der beiden möglichen Strecken war interessanter oder beschwerlicher. Jedes Mal jedoch, wenn ich auf die Ecke zu radelte, brachte ich mich in die größten Schwierigkeiten mit der Frage, für welche Fahrtrichtung ich mich wohl diesmal entscheiden würde. Mein Ärger darüber wuchs von Tag zu Tag - manchmal gedachte ich mich ganz dem Schicksal zu überlassen und musste doch entdecken, dass die Bewegung der Lenkstange letztlich durch einen Willensakt geschah. Dann wieder wollte ich meine Entscheidung als völlig zweifellosen, freien Willen spüren, und ein winziges Restchen Möglichkeit von Gelenktsein schwoll plötzlich auf und verdoppelte meinen Zorn.

 

Ich fuhr die Strecke stets zu fast der gleichen, frühen Zeit. Es war inzwischen Herbst geworden. Über einige Tage hatte die langsame Verkürzung der Phasen der Helligkeit sich dadurch genau ausgeglichen, dass täglich weniger Blätter an den Alleebäumen meinen Weg beschatteten. Nun war es, wenn ich in die entscheidende Gerade einbog, beinahe noch dunkel. Ich war dazu übergegangen, mich von meiner mir allmorgendlich bevorstehenden Hasswelle dadurch abzulenken, dass ich mir andere Sachen ins Bewusstsein rief, über die ich mich ärgerte. Heute ereiferte ich mich darüber, dass ich nicht wusste, was ein Hedonist ist. „Göring hatte keine Eier!“ hatte M. mir erklärt, „Sie haben dem fetten Sack bei einem Flugzeugduell den Beutel weggeschossen, und darum ist er Hedonist geworden. Görings ganzer Wahn mit dem Reichtum, alles wegen der weggepusteten Eier.“ Seit M. mir das erzählt hatte, war mehr als ein halbes Jahr vergangen, und ich war nie in die Lage gekommen, herauszufinden, was ein Hedonist ist. Immer, wenn gerade Gelegenheit dazu gewesen war, hatte ich es wieder vergessen.

 

Ich ärgerte mich also, so intensiv ich nur konnte, um möglichst wenig davon zu merken, ob ich fuhr oder gefahren wurde, und dann kam unerbittlich wieder die verfluchte Stelle, der letzte Moment vor links oder geradeaus. „Heute - links!“ sagte - wer verdammt? Ich fuhr geradeaus, bremste und stieg ab. Fluchend wendete ich daraufhin das Rad und fuhr in die Straße links, die jetzt rechts war. Mein listiges Grinsen überzeugte mich nur wenig - eine Lösung war das nicht. Und wie würde es mir erst gehen, wenn es statt der zwei täglichen Möglichkeiten drei oder sogar vier gäbe!

„Du, das kann ich dir sagen“, hatte M. gerufen, „Besser arm dran, als Sack ab!“

„Heißt das nicht: 'Besser arm dran, als Arm ab?'„, hatte ich zurückgefragt. Da, kurz vor der Großen Allee, lag der Mann jetzt auf den Schienen. Neben seiner Schulter breitete sich eine preiselbeerrote Lache auf dem grauen Straßenbelag aus. Das Bild war schrecklich, aber zuallererst war es sehr unklar - wie konnte ihm, so, wie er da lag, und so, wie die rotzgelbe Straßenbahn da stand, ausgerechnet sein einer Arm...? ‚Vielleicht wie bei einem alten Teddybären? Vielleicht war er ja einfach zu locker dran gewesen?’ dachte - wer, verdammt?!

 

Ich sprang vom Fahrrad und ließ es auf die Straße krachen. Außer diesem klirrenden Krachen und dem grausigen Schrillen der Straßenbahnklingel herrschte hier überall unnatürliche Stille, kein Auto, kein Vogel, keine Stimme, nicht einmal Wind schien es zu geben.

‚Wärst du vorhin nämlich geradeaus weitergefahren, hättest du die Show hier überhaupt nicht mitnehmen müssen...’, dachte jemand, diesmal eindeutig jemand, was ich daran erkannte, dass ich mich selbst nie mit ‚Du’ anredete. Es klingelte und klingelte. Ich stand jetzt dicht vor dem Mann, zwischen ihm und seinem Arm, und ich überlegte, was als erstes zu tun sei. Aus der zerfetzten Schulter pumpte Blut. ‚Der Finger muss in die Schlagader’, hatte ich einmal gehört. Als ich mich niederhockte, empfing ich kurz und heftig das ungute Gefühl, der Arm hinter mir würde nach mir greifen wollen. Der Mann lag ganz still und sah mich an.

„Ruhig, ganz ruhig!“, brachte ich hervor, „Sieht schlimmer aus, als es ist, Arzt kommt auch gleich! Nicht bewegen, ich werde jetzt...“

Der Mann lächelte und öffnete den Mund. „Wollen Sie mir helfen?“ fragte er leise, mit ganz klarer, ruhiger Stimme. Auch sein Blick war völlig klar, ohne Angst und Schmerz. Ich nickte verblüfft. „Das müssen Sie aber nicht“, schmunzelte der Mann, „Sie haben geträumt. Bis später.“

 

Meine Augen schlugen auf, klapp, wie bei einer dieser Puppen. Das bekannte Zimmer. Noch immer klingelte es heftig an der Tür. Jetzt klopfte es noch dazu. Verwirrt stolperte ich in den Flur und öffnete. Draußen stand ein Küchenbüffet, dahinter zwei fröhliche Männer, sie brachten Möbel für den Nachbarn.

„Macht er nicht auf? Vielleicht träumt er gerade was Hübsches. Einfach den Finger in die - auf der Klingel lassen“, sagte ich, „Der kommt schon raus.“ Wir lachten uns an. In meinem Lachen stimmte etwas nicht. Misstrauisch beäugte ich die beiden Transportmänner. Erst, nachdem ich meine Tür wieder geschlossen hatte, fiel mir auf, was mich so unbehaglich gestimmt hatte. Auf den Brusttaschen der grauen Overalls der Männer hatte „Spedition Rothärmel“ gestanden.

 

Ich sah auf die Uhr. Zeit fürs Fahrrad. ‚Bei Gelegenheit’, nahm ich mir vor, ‚Werde ich nachschauen, was ein Hedonist ist.’ „Wolltest Du nicht eigentlich... ‚wirst Du nachschauen’ denken?“, dachte - wer, verdammt? Aber ich redete mich selbst niemals mit Du an. „Bis später...“, hatte der Mann gesagt. Geradeaus oder links herum, heute?

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Arm dran

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