(Eine dieser unsäglichen POTUS - Geschichten)

 

 

 

Sonst wäre es selbst für ihn fast unmöglich gewesen, um diese Zeit zum Präsidenten zu gelangen. Als der diensthabende, persönliche Referent die eilige Notiz Sundströms gelesen hatte, schaute er diesen erst seltsam und zweifelnd an. Sobald er sich aber des wirklichen Ernstes im Gesicht des wissenschaftlichen Beraters versichert hatte, griff er sofort zum Telefonhörer und sagte dabei leise: „Na, das erzählen Sie ihm mal besser selbst!“

 

Der Präsident wirkte unausgeschlafen; er gab sich Mühe durch ein freundliches Gesicht dem intensiven Frischehauch seines von ihm erst kürzlich entdeckten Rasierwassers Genüge zu tun.

„Guten Morgen, Doktor Sundström“, sprach er leise zu dem unmöglichen Tintenfass auf seinem Schreibtisch, dann erst schaute er auf, in das hagere Gesicht des Wissenschaftlers. „Freeman sagte mir, es sei etwas Unaufschiebbares. Dann lassen Sie mal hören.“ Er war nicht wirklich gespannt.

„Mister Präsident, der Mars ist weg“, sagte Sundström schlicht.

„Der Mars ist weg?“ Der Präsident hob eine seiner gepflegten Brauen ein wenig an. Etwas in ihm sagte, dass es jetzt gut sein würde, nachsichtig zu lächeln.

„Der Mars ist weg.“

„Sie meinen, er ist nicht mehr da? Verschwunden?“

„So ist es, Mister Präsident.“

Jetzt wurde er wach. Ganz kurz fiel ihm Dorothy ein. Prüfend blickte er  Sundström  an. Der Doktor schien in Ordnung zu sein.

„Also Moment mal. Wir reden doch von derselben Sache, ja?“

„Vom Planeten Mars.“ Sundström schien geradezu begeistert zu sein. „Seit heute Morgen, Drei Uhr zweiundzwanzig ist er...“

Der Präsident vollführte eine unterbrechende Handbewegung. Es war der in allen Medien seit Jahren bekannte, weiche Karateschlag. Nun sprach er wieder zu seinem bauchigen Tintenkännchen, jetzt doch lächelnd:

„Machen Sie mir das mal etwas klarer, bitte. Der Mond befindet sich am alten Platz, die Venus auch, der Saturn und so weiter. Der ganze Himmel stimmt – aber der Mars fehlt? Ist es in etwa das, was Sie mir gerade mitteilen wollen?“

„Genau so ist es, Mister Präsident. Seit heute Morgen. Seit drei Uhr zweiundzwanzig Minuten ist der Himmelskörper mit der Bezeichnung Mars in den Teleskopen aller von uns bisher befragten Observatorien der Welt nicht mehr auszumachen. Auch sämtliche elektronischen Daten sind seit diesem Zeitpunkt, nun ja, erloschen.“

„Der Mars ist weg.“

„Sie sagen es, Mister Präsident.“

„Und wieso ist er denn weg? Ist er explodiert, oder so was? Ich meine, so ein Mars kann doch schwerlich einfach...“

„Nein, Mister Präsident.“ Sundström war heilfroh, die Phase überstanden zu haben, in welcher er für einen Idioten gehalten werden musste. Sachlich fuhr er fort:

„Es werden keinerlei fassbare Erscheinungen beobachtet. Weder Strahlungsveränderungen, noch irgendwelche anderen Anomalien sind bisher registriert worden. Nirgendwo, nicht auf der präzisesten Apparatur. Wir aktualisieren laufend, die Koordination steht. Es scheint darauf hinauszulaufen, dass der Mars im wahrsten Sinne des Wortes spurlos verschwunden ist.“

‚Im Verhältnis zur Größe des Ereignisses verläuft unser Gespräch eigentlich viel zu undramatisch’, befand der Präsident bei sich. Und: ‚Es scheint darauf hinauszulaufen’ war ihm nur sehr wenig wissenschaftlich, dazu würde er etwas sagen müssen. Doch als er Sundströms ‚Es scheint darauf hinauszulaufen’ gerade träumerisch und vorwurfsvoll wiederholen wollte, fiel ihm etwas anderes ein.

„Warten Sie mal, Doktor Sundström. Hat der Mars nicht einen Mond?“

„Zwei sogar, Mister Präsident, Phobos und Deimos. Zwei ziemlich unerfreuliche Steine ohne Spuren von Atmosphäre. Die sind allerdings da.“ Er überlegte ganz kurz und setzte dann hinzu: „Bis jetzt.“

„Richtig, zwei waren es.“ Der Präsident zeigte unvermittelt das Gesicht eines braven Schülers. „Die Venus hat gar keine, nicht? Wie viele hatte doch gleich der Jupiter? Und müssten sich nicht bei diesen, diesen Monden, wenn ein ganzer Planet verschwindet, Bahnveränderungen oder so etwas Ähnliches zeigen?“

„Eigentlich sofort, Mister Präsident, mindestens das. Aber es hat sich eben bisher absolut gar nichts ergeben. Keine einzige, und sei es eine noch so geringfügige, messbare Abweichung. Weder bei den Monden des Mars, noch bei den anderen Planeten, noch im Asteroidenring, noch sonst irgendwo. Tokio, Amsterdam, Peru, die Russen, die Polarstationen, die mobilen Marineposten, alle sind in höchstem Maße beunruhigt. Was denken Sie, was da gerade - ich meine, Verzeihung, Mister Präsident, ich denke, es ist ein sehr ernstes Problem.“

„Der Asteroidenring...“, murmelte der Präsident mit leerem Blick. „Also der Mars ist weg. Der Mars ist weg, aber sonst ist alles beim Alten, habe ich Sie da tatsächlich unmissverständlich aufgenommen? Keiner muss mehr Angst vor grünen Männchen haben? Erzählen Sie es keinem weiter, aber im Moment finde ich das hervorragend!“ Ein großes, inneres Grinsen entstand im Präsidenten. Wieder fiel ihm Dorothy ein, diesmal fast nackt, und so deutlich, dass er in prüfender Eifersucht rasch wieder aufschaute zu dem Doktor, ob der sie vielleicht auch gesehen hatte. Der Wissenschaftler blickte mit angemessenem Ernst..

„Bis jetzt.“, beantwortete er gerade die Frage des Präsidenten, die diesem vor einer viel zu langen Weile gestellt schien, „Bis jetzt scheint alles andere unverändert geblieben zu sein.“

„Wann genau, sagten Sie...“, wollte der Präsident zum Ernst der Situation zurückkehren. Der ehrlich besorgte Sundström machte es ihm leicht.

„Drei Uhr zweiundzwanzig Minuten Ortszeit, Mister Präsident. Der tatsächliche Zeitpunkt des Verschwindens jedoch ...“

„Danach wollte ich Sie gerade fragen, Doktor.“

„Nun, das vom Mars reflektierte Licht benötigt bis zur Erde durchschnittlich sechsundzwanzig Tage...“

„Demnach wäre der Mars am...“ Der Präsident schlug jetzt mit gespitzten Lippen steife Seiten in seinem Tischkalender zurück.

„Donnerwetter, na das ist ja witzig!“

„Witzig, Mister Präsident?“

„Es war an meinem Hochzeitstag, wie finden Sie das!“

„Nun, also...“

„Schon gut, ich weiß auch nicht, wie ich es finden soll.“

Sundström stand vor dem Schreibtisch und sah zu, wie der Präsident mit seinen Fingerspitzen auf der Tischplatte einen kleinen Takt schlug. Der Präsident sah sich dabei zu, nahm dann die Hände wieder vom Tisch und legte sie vor seiner Nase zusammen. „Sagen Sie Ihrem Präsidenten, Doktor Sundström, was steht für das amerikanische Volk zu befürchten?“

„Mister Präsident, ich bewundere ihren Humor. Es tut mir leid, ich habe nicht die geringste Ahnung. Es sind nicht ganz zwei Stunden seit der Entdeckung dieses – Phänomens. Die Theorien, welche man bisher aufzustellen versucht hat, übertreffen sich in ihrer, nun ja, Unkonventionalität.“

„Und stündlich werden es mehr, ich verstehe. Was ist momentan Ihre eigene Meinung zu der Sache?“

„Ja, es ist natürlich schwierig, zu akzeptieren, dass etwas von so bedeutender Größe wie der Mars nicht nur spurlos, sondern auch scheinbar völlig ohne Auswirkungen auf das System, in welches es integriert ist...“

„War.“

„Natürlich, verzeihen Sie, Mister Präsident.“

„Nach dem gegenwärtigen Stand Ihrer Erkenntnisse – mit welchen Folgen werden wir zu rechnen haben?“

„Ich würde das nicht Erkenntnisse nennen, Mister Präsident. So etwas gibt es eigentlich nicht.“

„Das denke ich auch die ganze Zeit. Sie könnten mir, nehme ich an, vielleicht einen Haufen Bilder und Kurven zeigen: Vorher – Nachher. Wirklich gar nichts? Irgendwelche seismographischen oder magnetischen...“

„Bisher nicht das Geringste, Mister Präsident. Selbstverständlich werden alle auffindbaren Schnittstellen bereits untersucht.“

„Ich verstehe. Sie meinen die Grenzen von Vorher zu Nachher. Wie brechen die Kurven ab, und so weiter, wie erlischt der Mars auf den Filmen, die man von ihm...“

„Allerdings muss ich Sie enttäuschen, Mister Präsident, jedenfalls bis jetzt. Selbst auf den präzisesten Aufzeichnungen, die uns bis jetzt zugänglich sind, geschieht dieser Abbruch so übergangslos, dass es einige Zeit dauern dürfte, bis...“

„Wie lange?“

„Mindestens bis heute Mittag.“

„Was ist bis dahin zu tun, Ihrer Ansicht nach? Soll ich eine Regierungserklärung abgeben? Heute Morgen um Drei Uhr hat sich der Planet Mars spurlos aufgelöst. Die Gefahr einer Invasion ist damit für alle Zeiten gebannt. Verzeihen Sie mir, Doktor Sundström, aber ich finde zu der Geschichte im Augenblick noch keinen Zugang.  Helfen Sie mir. Sagen Sie mir, wie Ihr Präsident das werten soll. Ganz privat fällt mir übrigens auch nichts Bedeutendes ein, außer: Tolle Geschichte, das. Und was nun?“

„Mister Präsident, ich...“

„Sagen Sie es.“

„Ich habe keine nützliche Idee.“

„Irgendwie geht das doch aber nicht!“

„Ich empfinde wie Sie. Offenbar geht es aber doch.“

„Jesus, ich dachte, meine heutige Regierungserklärung über die Peru – Geschichte wäre der Hit des Tages, aber Sie stehlen mir tatsächlich mit nur einem Satz die Show. Nein, irgendwie geht das nicht. Wenn Sie hereingekommen wären: Japan ist weg! – Ja, nehmen wir einmal an, Sie wären hereingekommen und hätten gesagt: Japan ist weg, aber sonst ist alles wie immer...“

„Solche Vergleiche habe ich auch zuerst anzustellen versucht, noch auf der Fahrt hierher zu Ihnen. Doch es ist anders. Zwischen dem Mars und der Erde gab, gibt es nicht viele Verknüpfungen, die... . Vielleicht könnte man statt Japan eher sagen: Eine entfernte Bekannte ist verschwunden. Es gab ein paar Fotos von ihr, einige Theorien über ihr Dasein, ihre Lebensweise, und nun ist sie nicht mehr da. Niemand weiß, wie und wohin sie gegangen ist...“

„Sie haben ‚Sie’ gesagt. Eine entfernte Bekannte. Der Mars ist ein ‚Er.’“

„Oh, tatsächlich.“

„Sagen Sie, Doktor, welche - nationalen Interessen bestehen, bestanden für uns Ihres Wissens eigentlich am Mars?“

„Ich vermute, Mister Präsident, darüber sind Sie genauer informiert.“

„Wenn Sie glauben, ich wäre gut informiert, Doktor, dann sind Sie schlecht informiert. Der Mars ist weg. Ich fasse es ja nicht. Es ist jetzt Sieben Uhr zehn Minuten. Gleich geht die Sonne auf, falls die nicht auch zufällig – Nun sagen Sie mir doch, Herrgottnocheins: Was bedeutet das? Die Geschichte ist sicher inzwischen auch nicht mehr unbekannt, nehme ich an?“

„Sie sagen es, Mister Präsident. Es wimmelt bereits vom haarsträubendsten Unsinn in den...“

„Wenn die Wissenschaft keine Meinung für ihren Präsidenten  aufbringen kann, ist es doch legitim, sich anderweitig umzuhören, oder nicht?“

„Ja, natürlich, Mister Präsident, ich verstehe. Ich habe Ihre kostbare Zeit nun lange genug in Anspruch genommen, und...“

„Sie verstehen? Was verstehen Sie denn? Sie sollten einmal Ihr selten dummes Gesicht sehen. Und mir geht es nicht anders. Passen Sie auf, wir sehen uns Zwölf Uhr dreißig zum Mittagessen. Bis dahin wissen wir vielleicht etwas mehr. Mehr fällt mir dazu gerade nicht ein, und mir fällt auch niemand ein, dem vielleicht mehr dazu einfallen könnte. Lassen Sie sich von Freeman auf die Speisekarte, nein, auf die Mittagsliste setzen. Die Welt wird bis dahin nicht untergehen, oder? Sie auf der Speisekarte! Bitte entschuldigen Sie.“

Der Präsident betrachtete seinen Wissenschaftler. „Vielleicht hat Gott sich entschieden, den Mars zu retten, statt die Welt... .“

„Augenblicklich scheint die Gefahr eines Weltunterganges wohl ganz genau so groß oder klein zu sein, wie auch vor dem Verschwinden des Mars. Und was in dieser Angelegenheit Gott angeht ...“

„Ja, das ist alles bemerkenswert. Offen gestanden: Die Geschichte macht mich etwas hilflos. Bitte verstehen Sie meine Heiterkeit allein in diesem Sinne, Doktor. Sagt man übrigens nicht: Des Marses?“

„Ich denke, man sagt: Des Mars.“

„Nun ja, warum über etwas streiten, das es gar nicht mehr gibt.“

„Mister Präsident, ich bewundere Ihre...“

„Hören Sie auf zu bewundern, Doktor. Sagen Sie mir lieber: Wenn so etwas geschehen kann: Kann dann nicht auch jederzeit etwas erscheinen? Ich meine, wenn etwas plötzlich verschwindet, etwas von der Größenordnung des Mars, warum sollte...? Also gut, vergessen Sie das, Doktor Sundström, wir sehen uns heute Mittag wieder. Wenn ich inzwischen etwas für Sie und Ihre Kollegen tun kann, oder wenn sich irgend etwas ereignet – Freeman wird von mir instruiert, dass Sie bei mir Rohrfrei haben. Was soll ich Ihnen wünschen, außer einen Guten Morgen? Gott, hoffentlich verschwindet nicht die Erde, was?“

„Es gäbe da etwas, Mister Präsident, um dessen Überprüfung ich Sie bitten würde. Dass sich verschiedene Institutionen mit dem Mars beschäftigen, die, nun, sagen wir, direktere Regierungskontakte pflegen, als wir, ist trotz aller Dementis nach meiner Kenntnis mehr als nur ein Gerücht. Wenn wir vielleicht in diesem Falle auch von dort Informationen...“

„Bis zum Mittagessen werde ich hoffentlich so genau darüber Bescheid wissen, wie der Präsident der Vereinigten Staaten über so etwas Bescheid zu wissen hat. Bis zum Mittag habe ich auch mit Scully und Mulder gesprochen; das muss uns jetzt genügen. Sie entschuldigen mich bis dahin? Gott, Doktor, wissen Sie, was wirklich grandios ist? Hier werden gleich eine Menge aufgeregter Staatsoberhäupter anrufen. Sie werden mir  allesamt sagen, dass sie erfahren haben, dass der Mars weg ist, und sie werden wissen wollen, wie sich die USA zu dieser Tatsache stellen. Ich bin mal gespannt, was ich sagen werde.“

„Auch Ihnen einen guten Morgen, Mister Präsident. Ich werde inzwischen selbstverständlich tun, was ich kann.“

„Ja, tun Sie das. Sundström?“

„Mister Präsident?“

„Man muss übrigens nicht alles tun, was man kann. Sehen Sie mich an: Was glauben Sie, was ich eigentlich alles kann. Und was tue ich? Präsident sein tue ich. Vielleicht kommt er ja wieder.“

„Sir?“

„Der Mars. Ich meinte den Mars. Schicken Sie mir Freeman herein. Und lassen Sie sich einen Drink geben von Martha, bevor Sie gehen, Sie sehen wirklich etwas blaß aus. Ah, Freeman, kommen Sie näher; Sie müssen sofort - Gott, Freeman, Sie machen ja ein Gesicht, als wenn der Mars plötzlich verschwunden wäre... .“

 

Die Nachmittagssitzung war erst in den frühen Morgenstunden des darauffolgenden Tages zu Ende gegangen. An konkreten, nützlichen, an anwendbaren Ergebnissen hatte sie nichts gebracht. Man hatte die elektronischen Aufzeichnungen gestreckt, so weit dies möglich gewesen war. Mit aller Präzision und Raffinesse, die aufzubieten war, hatte man den einen Moment, in welchem der Mars verschwunden war, in den Bildern und Kurven auf Tage gedehnt -  nichts. Dieses Verschwinden war mit einer nicht messbaren Abruptheit und so vollständig geschehen, dass es außer immer unheimlicher werdenden Fragen keinerlei Antworten zurückgelassen hatte.

 

Dass durch dieses Ereignis die Grundfesten der Mathematik, die ehernsten Fundamente von Physik und Astrophysik in besorgniserregendes Wanken gerieten, war nur das Eine. Alle bis dahin ein mehr oder weniger sektiererisches Dasein fristenden Grenzwissenschaften brüllten auf. Die Astrologie, für deren Gültigkeit das Vorhandensein des Planeten Mars Existenzgrundlage war, brach verschämt zusammen. Man fand keine einzige Prophezeiung mit einer nur einigermaßen ernstzunehmenden Lobby, welche das Ereignis angekündigt hätte.

Von allen alten Sekten und Vereinigungen erlebten jene, die schon seit längerer Zeit Weltuntergangstheorien vertraten, einen unfasslichen Massenzulauf. Sie gaben geschmeichelt klingende Bulletins heraus, angefüllt mit letzten Mahnungen und Aufforderungen an die Sünder und Verderber des Lebens.

Für den Präsidenten gehörten solche Pamphlete neuerdings zur Morgenlektüre, nicht nur, dass die meisten der die Marsangelegenheit betreffenden Anschreiben sowieso direkt auf seinem Tisch landeten, genauer in großen Flechtkörben vor seinem Tisch -  er las derlei wirren Schwachsinn inzwischen auch wesentlich lieber, als das, was die Wissenschaft vor ihn zu tragen wusste, von den Vorschlägen derer von der Nationalen Sicherheit ganz zu schweigen.

Der Präsident starrte öde auf die mit Papieren gefüllten Wäschekörbe. ‚Martha muss mir ein frisches Hemd bringen’, dachte er. In seinem Sessel drehte er sich zu den Fenstern hin und schaute nach der Sonne.

 

Indessen hatten sich weltweit Mengen von neuartigen Vereinigungen konstituiert. In der Gegend um den Ararat brach eine Seuche unter denen aus, die sich dort zu Hunderttausenden in einem riesigen Camp versammelt hatten, um eine Raumgleiterflotte zu erwarten, von der man sagte, dass sie seit uralten Zeiten extra deshalb unterwegs zur Erde sei, um jene Auserwählten abzuholen, die sich zur rechten Stunde auf dem Doppelgipfel des Berges Ararat einfinden würden. In mehreren islamischen Ländern war der Notstand ausgerufen worden, Irak stand  seit Tagen unter Kriegsrecht. Viele indische Bundesstaaten und Prinzentümer wurden von grausigen Massakern heimgesucht, die entweder von Hindus oder von Moslems ausgingen, sich gegen jeweils die andere Religion richteten und endgültig klären sollten, welche Gottheit es gewesen war, die Macht über das Sonnensystem bewiesen hatte. Die Anzahl der geplünderten, zerbombten und ausgebrannten Tempel und Moscheen stieg stündlich. Eine griechische Kleinstadt verschaffte sich über Nacht Weltgeltung, da von hier gemeldet wurde, mehrere hundert Einheimische und Touristen hätten gleichlautend behauptetet, dass eine der dort installierten Statuen des Kriegsgottes Ströme von Tränen vergossen habe. Eine Rede des marmornen Bildnisses war für Freitagabend angekündigt; woher die Information entstammte war nicht auszumachen, doch Heere von Reportern kämpften bereits auf den Flughäfen mit Gottsuchern, Forschern, Flüchtlingen und Abenteurern um ihre Vorrechte auf Tickets. Es gab Tote.

Diese Geschichte fand auch der Präsident spannend – er nahm sich vor, sich eine Tonaufzeichnung der Rede des Mars besorgen zu lassen.

Nordamerika verhielt sich ausgesprochen diszipliniert. Zwar waren die Polizei, das Militär, alle Sicherheitsdienste, die Nationalgarde und zahllose neu gegründete Schutztruppen pausenlos im Einsatz, und man war hier oben seit gestern angestrengt dabei, zwei mittlere Städte in New Jersey komplett zu Gefangenencamps umzurüsten, doch im Vergleich zu den anderen Erdteilen... Aus einem ihm selbst unerfindlichen Grunde freute sich der Präsident kindlich auf das, was am Freitag der Mars erzählen würde. Ganz bestimmt würde er reden.

 

Doch in der Nacht zum Donnerstag bereits, fünf Tage nach dem Verschwinden des Mars, fehlten plötzlich der Saturn und vier seiner Monde. Wieder und immer noch blieb alles andere, wie es sich gehörte. Die Zivilisationen trieben Katastrophen entgegen, selbst in den zentraleuropäischen Staaten, von wo noch die nüchternsten Meldungen hereinkamen, war das normale, gesellschaftliche Leben kaum mehr aufrechtzuerhalten und eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit dem Notwendigsten nicht mehr zu sichern. In Madrid hatten sich Extremisten einer religiösen Gruppierung mehrerer wissenschaftlicher Institute bemächtigt und fast einhundert Forscher und Laboranten ermordet. Die französische Regierung gab den Forderungen einer kleinen, politischen Gruppierung nach Freilassung ihrer inhaftierten Genossen nach, als festzustehen schien, dass die Erpresser auf ungewisse Weise in den Besitz einsatzfähiger Nukleartechnik gelangt waren. Kurdische Kommunisten hatten in Berlin die Gedächtniskirche in Schutt und Asche gelegt, der Anschlag hatte über vierhundert Menschen das Leben gekostet. In München war angeblich vor drei Stunden eine größere Gruppe Außerirdischer in kupferfarbenen Raumanzügen aufgetaucht und hätte erste Forderungen gestellt, die zum Zeitpunkt der Erstellung des Berichtes noch recherchiert wurden, Tausende hatten in Ägypten damit begonnen, sich unter mehreren Pyramiden einzugraben. Den meisten dieser Aktivitäten gingen vorher fast völlig unbeachtete Philosophien voraus, es waren schizophrene Manifeste und wirre Statements aufgetaucht, die manchmal nur wenige Stunden gebraucht hatten, um sich Kontinente übergreifend zu etablieren und gewaltige Energien an sich zu reißen... .

 

Der Präsident legte die Blätter zur Seite, rieb sich mit den Handrücken vorsichtig seine Augenlider und langte sich mit spitzen Fingern eine Zigarre aus dem Eibenkästchen für Besucher. Er rauchte sonst nicht, aber er fand, wie er da saß, wirkte die Spiegelung seiner geruhsam paffenden Gestalt in der Fensterscheibe, die ihn von der Nacht trennte, ziemlich beispielhaft.

 

Als wenige Tage darauf die Venus nicht mehr vorhanden war, erschien Sundström sein Auftauchen im Büro des Präsidenten schon wie ein Routinebesuch. Der Präsident lächelte rätselhaft und schwieg beharrlich zu allem, was der Wissenschaftler vorzutragen hatte. Dass er auf dem College lange Zeit eine klassische, italienische Venusdarstellung als Vorlage zum Masturbieren verwendet hatte, konnte ihm Sundström schließlich nicht vom Gesicht ablesen. Draußen standen die Boten der täglichen Infernos Schlange. Internationale Massenflucht nach Zentralafrika, Bombay in Flammen, das ließ noch aufhorchen. So musste es bei Adolf Hitler zugegangen sein, in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges, dachte der Präsident bei sich. Nur, dass er sich viel besser beherrschen konnte. Er rief nach Martha und ließ sich die Hunde bringen. Für ein halbes Stündchen würde er in den Garten gehen.

 

Die Zahl der beobachtbaren Sterne am klaren Nachthimmel hatte sich im Raum Washington auf sechsundfünfzig reduziert. Auch überall sonst, wo es gerade einen Nachthimmel gab, wurde dieser in rasantem Tempo leerer. Die Menge der Galaxien, Nebel, Sonnen und Quasare und anderer, astronomisch beobachtbarer Objekte, nahm rapide ab. Weil das Licht vieler der so spontan erlöschenden Sterne Millionen von Jahren unterwegs gewesen war, bis es die Linsen der irdischen Observatorien erreichte, wohingegen die Entfernung von zur selben Zeit ebenso plötzlich verlöschenden, anderen Sternen nur einige wenige Lichtjahre betrug, wurde alles immer verworrener. Wenn Theorien je einen Marktwert gehabt hatten, breitete sich eine nie dagewesene Flut von einander durchdringenden Inflationen aus.

 

„Es ist wie eine Verhöhnung“, sagte der Präsident zu Dorothy, „Ich möchte es auf keinen Fall hinnehmen, aber was soll ich tun?“

Sie lagen in einem breiten Bett in ihrer Wohnflucht im Weißen Haus, das der Präsident kaum noch verließ. Dorothy schwieg. Sie wusste, dass es nicht gut war, ihm auf seine Fragen immer zu antworten. Die meisten Antworten fand er selbst. Er war der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Es schien, dass sie sein leises und auch sein lautes Nachdenken liebte.

Der Präsident lag entspannt auf dem Rücken. Einige Erinnerungen zogen farbig an ihm vorüber. Er war ein Präsident ohne Affären. Seine schlanke, energische Ehefrau war auch seine Jugendliebe gewesen. Als er Dorothy geheiratet hatte, war sie Einundzwanzig gewesen, und er war Anwärter auf das Gouverneursamt von Maine. Geschlafen hatte er mit ihr, seit sie Dreizehn war. Er hatte sie an jedem Punkt seiner Karriere heimlich ‚mein Fickmädchen’ genannt, und dabei war es bis heute geblieben, nur, dass heute... .

„Du wolltest mir von dem Vorschlag erzählen, den Samuel Sundström Dir gemacht hat“, hörte der Präsident nach einiger Zeit die Stimme seiner Frau. „Willst Du?“

„Sundström ist ein Narr!“, erwiderte der Präsident. „Er ist ein Kauz, und ich habe es jahrelang nicht bemerkt. Er hatte freien Zutritt zu mir. Vorgestern stand er plötzlich in meinem Büro, begleitet von einem guten Dutzend Stammesvertretern aus den verschiedensten Bundesstaaten. ‚Geben Sie der Welt ein Beispiel, Herr Präsident, stellen Sie die Ewigen Jagdgründe wieder her.’“

„Die Ewigen Jagdgründe? Was haben die Ewigen Jagdgründe mit dem Verschwinden des halben Weltalls zu tun?“ Seine Frau richtete sich interessiert auf. Der Präsident wendete ihr im Liegen sein Gesicht zu. Für den Bruchteil eines Moments schrak er zusammen, es war nicht mehr, als der Beginn des Anfluges eines Schauderns. Irgend etwas Unheimliches war gerade in den Augen seiner Frau gewesen.

„Sundströms Frau ist eine Siksicow, Schatz. Dass er mir die Häuptlinge auf den Hals hetzte, war gewiss ihre Idee. Sie haben nebeneinandergelegen, so, wie wir jetzt, sie haben geredet, und dann...“

„Die beiden leben nicht mehr getrennt? Wie hat er das damals gesagt?“

„Das mit seiner Frau? Er hat, warte kurz, er hat gesagt: ‚Abstand zwischen zweien, die sich lieben, ist wichtig, um Gott nicht seine Größe zu nehmen’.“

„Merk Dir das.“ Die Frau des Präsidenten schob eine Hand in eine Hand ihres Mannes. Der Präsident produzierte seine vier senkrechten Stirnfalten.

„Die Häuptlinge haben versucht, mir ihre Idee ohne Philosophie zu erklären. In der  Nacht vor unserem Gespräch hatten sie ein Ratsfeuer, oben, an den Niagaras. Dann sind sie wahrscheinlich zu Sundströms Squaw marschiert.“

„Squaw!“

Der Präsident lächelte die Zimmerdecke an, mit dem Gefühl, in dieser Dunkelheit ein sehr schönes Lächeln zu lächeln.

„Sie verlangten von mir, ich sollte durchsetzen helfen, dem Universum seine ursprüngliche Gestalt zurückzugeben, indem der Welt ihre ursprüngliche Gestalt zurückgegeben würde. Die der Ewigen Jagdgründe, nicht eines Medizinballs. Denk Dir, Medizinball haben sie gesagt.“

 

Der Präsident schaute wieder zu seiner Frau. Dorothy lag halb aufgerichtet, auf einen Ellenbogen gestützt. Ihre Augen trafen sich. Wieder überkam den Körper des Präsidenten dieser kurze Schauder.

„Was hast Du?“, fragte Dorothy.

Nicht nur mit ihren Augen, auch mit ihrer Stimme war  vielleicht etwas nicht in Ordnung.

„Verzeih mir Schatz. Ich habe sehr lange nicht sehr lange geschlafen. Ich bin etwas überspannt, aber sonst habe ich nichts. Es ist alles in Ordnung.“

„Sehr lange nicht sehr lange.“ Dorothy lächelte. Der Präsident war beruhigt, das Lächeln war so, wie es sein musste. Er schaute wieder an die Decke, schloß halb die Augen und sprach weiter: „Ich mache es kurz. Ich sage Dir, worauf das Palaver hinauslief: Ignoriere das Weltall!, darauf lief es hinaus. Mach die Welt platt, walze sie auf zu einer möglichst unendlichen Fläche.“

„Vielleicht haben Sundström und seine Medizinmänner eher gemeint...“

„Schatz!“ Auch in der Rückenlage beherrschte der Präsident seinen Karateschlag durch die Luft souverän. „Sind die Sonnen und die Planeten Kugeln, dann haben sie Durchmesser, sie sind bestimmbar, Maß ist an die Sterne gelegt. Das System mag gnadenlos erscheinen, aber es ist sicher. Wie viel hineinpasst, in die Erde, ist per Gesetz festgelegt.”

„Und wie viel man herausholen kann...“

Da war es wieder, das Fremde in ihrer Stimme. Er starrte bewegungslos die Decke an.

„Ja, auch das, aber alles hat seine zwei Seiten“, versetzte er. „In Europa drüben war es ja einige hundert Jahre früher als bei uns ebenso. Dort war es dieser Grieche, der festgelegt hatte: Die Welt ist eine Fläche. Die Welt hat damit gelebt. Später kamen andere, die sagten, nein, die Welt ist rund. Ein paar Leute hat man verbrannt für solche modernen Ansichten, und dann wurde die neue Regel übernommen. Sie hat sich völlig ohne Gewalt durchgesetzt. Kein einziger Krieg ging um die Gestalt der Welt.“

„Auch in Amerika ging es weder bei den Weißen noch bei den Indianern um solche Fragen. Little Big Horn war doch keine Philosophenschlacht!“

„In gewisser Weise doch. Dorothy. Ich bin der Präsident eines großen Landes, welches fast ausschließlich davon lebt, dass die Welt rund ist. Eine Kugel, der Globus, den jedes Schulkind kennt. Die Welt ist rund!, das war der Schlachtruf des Columbus, und die Nachfahren des Kolumbus haben aufgeräumt mit den Ewigen Jagdgründen. Die endlosen Prärien waren nicht das Paradies. Da waren Gras, Büffel, und ein paar Zelte. Schläfst Du?“

„Nein.“

„Sag es noch einmal.“

„Was? Nein?“

„Ja.“

„Nein.“

Wieder dieser veränderte Klang. Etwas Schneidendes, ein scharfer Hauch von Eis. Der Präsident setzte sich in den Kissen auf und betrachtete seine Frau. Sie zog ein erstauntes Mädchengesicht.

„Soll ich noch einmal Nein sagen?“, fragte sie lächelnd. Diesmal war die Stimme in Ordnung, und das Lächeln war nicht in Ordnung. Die innere Ausrede des Präsidenten, dass er überarbeitet sei, griff nicht mehr. Er entschloss sich dennoch, einfach weiterzureden.

„Stell Dir nur einfach einmal einen diesbezüglichen Gesetzesentwurf vor. ‚Als Maßnahme zur Rettung der Nation erklärt der Präsident der Vereinigten Staaten folgendes für ungültig... Weißt Du, dass die Katholiken den Galilei erst in der Mitte des jetzigen Jahrhunderts rehabilitiert haben? Und wir sollen rückwärts an ihm vorbeigehen? Die Freiheit der Staaten würde mit einem einzigen gewaltigen Kieferschnappen von der Kirche aufgefressen werden! Sollen wir aus Angst vor ein paar verlöschenden Sternen hinter das Mittelalter zurückkriechen? Ich bitte Dich, Dorothy, Sundström hat nicht alle Hühner auf der Stange!“

„Wie viele Hühner sind alle Hühner?“, fragte Dorothy harmlos.

„So viele wie Sterne auf der Flagge im Garten!“, antwortete der Präsident ernsthaft.

Seine Frau sagte: „Solch ein Weg hätte reizvolle Aspekte. Wir brächten immerhin einiges mit. Irgendwie wäre es, als würde man Fred Feuerstein ein Taschenfeuerzeug schenken, und Vilma eine solarzellenbetriebene Mikrowelle.“

Der Präsident lachte, heiser und kurz: „Und Betty Geröllheimer einen Vibrator!“

Auch Dorothy lachte: „Und Barney einen...“

„Nein, zwei!“

Sie schrieen beide vor Lachen in dem geräumigen Schlafzimmer. Als sie sich wieder beruhigt hatten, sagte der Präsident:

„Schau, Sundström will eine große Konstante verändern. Das lässt sich jedoch nur machen, wenn so eine Konstante nicht gerade der wichtigste Stein im Fundament eines ganzen Hauses ist. Amerika würde das nicht überstehen, nein, das glaube ich nicht. Vielleicht die Deutschen. Oder die Schweden. Nein Amerika nicht.“

„Würden wir es überstehen?“

„Wir? Wir beide?“

„Du und ich.“

Erneut kroch das unerklärliche Misstrauen, welches den Präsidenten zu Beginn ihres Gespräches angefallen hatte, in ihm herauf. Es kam aus der Gegend unter dem Zwerchfell. ‚Vielleicht muss ich mich untersuchen lassen’, dachte der Präsident, als er kurz an einen verfaulten, von Maden durchwimmelten Apfel denken musste, der von außen den Grund seines Magens zu drücken schien..

„Wir beide würden fast alles überstehen!“, antwortete er mit mittlerer Wahlkampfstimme. Der Apfel wurde wieder undeutlicher.

„Was denkst Du: Ist die Welt rund?“ Warum klang ihre sanfte, halblaute Stimme nur so schneidend?

„Alles, wovon wir leben, geht davon aus.“

„Auch das Wasser?“ Eine beklemmende Ironie verfärbte die dunkle Melodie ihrer Worte.

„Ich weiß es nicht, Schatz. Vielleicht ist die Welt, vielleicht ist sie wie Du. Und manchmal stellt sie mir unheimliche Fragen, auch wie Du. Herr Präsident, wie sehe ich aus? Welches Kleid soll ich anziehen? Gefallen Dir meine Strümpfe? Jetzt stelle ich der Welt einmal eine Frage: Was glaubt sie, warum geschieht das alles da oben?“

„Du fragst mich das als Welt?“

Der Präsident nickte. Er fürchtete sich. ‚Vielleicht bekomme ich Fieber’, dachte er.

Seine Gattin blähte lustig ihre Wangen zu zwei Halbkugeln auf und hob belehrend einen Zeigefinger: „Wenn die Welt eine Kugel ist, geschieht es nicht nur oben, sondern auch unten„.

„Sei ernst. Dein Präsident befiehlt es Dir. Sag mir, warum!“ Es war schon wieder da. Es kam von ihr; sie war der Ort. Eine Täuschung, nur eine Täuschung.

Dorothy wurde ernst. Dann lachte sie erneut hell auf, und sofort empfand der Präsident den leise bedrohlichen Eindruck, als ob nun auch etwas in Dorothys Gelächter nicht stimmte.

„Es gibt da so eine Nuance in deinem Lachen, seit einiger Zeit...“, begann er vorsichtig.

„Nicht nur eine, hoffe ich!“, lachte Dorothy.

Der Eindruck wurde noch intensiver. ‚Offenheit’, dachte der Präsident.

„Vorhin, als Du mich ansahst, hatte ich ganz kurz die Empfindung, in die Augen einer Fremden zu sehen. Noch nie hatte ich dieses Gefühl. Selbst nicht, als wir uns zum ersten Mal begegneten. Es war nicht schön. Es war – leer. Tiefe ohne Grund.“

„Ich bin keine Fremde. Rück ein Stück her zu mir. Vielleicht liegt es am – Licht.“

„Am Licht!“

„Die Nächte werden immer dunkler mein Schatz!“, sagte Dorothy mit klirrender Stimme.

„Dorothy, ich finde das nicht witzig!“

„Ich ebenso wenig!“

Es hörte sich beleidigend an. Auch das war dem Präsidenten neu.

„Ist irgend etwas mit Dir?“, fragte er, lauter, als er dies beabsichtigt hatte.

„Nein.“ Sie erhob sich und schritt auf nackten Füßen hinüber zum Fenster.

„Die Sterne?“

„Ein paar. Die Luft ist wunderbar hier. Komm her zu mir.“

Es mochte an der Nähe gelegen haben. Jetzt war ihre Stimme wieder ganz wie sonst, fand der Präsident.

Er setzte sich auf den Rand des Bettes und betrachtete sie an. Halb ihm zugewandt, stand sie aufrecht am weit geöffneten Fenster und schaute in die Nacht. „Als es noch Sterne gab...“, sagte sie, ohne sich zu ihm umzudrehen. Unter dem kurzen Nachthemd schimmerte ein Teil ihres Hinterns bleich und fest im Licht des noch vorhandenen Erdmondes. „Jetzt ist der Himmel fast leer.“

Es gab noch die Sonne und die Erde. Es gab den alten Mond. Es gab Dorothy und ihn. Was man auch sagen würde, es geriet immer mehr zum Text einer Schmierentragödie.

„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, Fickmädchen“

„Und weißt Du auch, was Du mir an unserem letzten Hochzeitstag gesagt hast?“ Sie wendete sich ihm weiterhin nicht zu. Er lächelte ihren kleinen, prallen Hintern an, diesen Mond im Mondschein.

„Ich habe gesagt, was ich schon oft gesagt habe“, antwortete der Präsident, „Ich habe gesagt: ‚Ich möchte Dir die Sterne vom Himmel holen’!“

Sie sah ihn über ihre schmale Schulter hinweg an. Verblüfft starrte er sie an. Dorothy lächelte.

„Nein“, sagte sie, „diesmal hast Du sogar gesagt: ‚Ich möchte Dir alle Sterne vom Himmel holen!’ ‚Alle’, hast Du gesagt. Nun, Herr Präsident, Du scheinst Wort zu halten. Du hast es bald geschafft. Komm endlich her zu mir, Vater aller Amerikaner.“

Der Präsident entschloss sich zu Aufgeräumtheit.

„Das kann alles auch ganz anders sein“, sagte er, erhob sich und trat im Schlafanzug zu ihr ans Fenster. „Aber selbst, wenn Du Recht hast, wenn das alles ich gewesen bin – wo sind sie alle hin?“

Sie kehrte ihn resolut zu sich herum und kniete sich vor ihn, ein gekonnter, geschmeidiger Kniefall, eine vollendete Kurve in die Demut. Manche mochten es abgeschliffen und trainiert nennen, für den Präsidenten war es auch jetzt wieder das erregende Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung. „Soll es Dir Dein Fickmädchen machen? Jetzt gleich?“, fragte Dorothy mit verdunkelter Stimme, und sie griff, ohne eine Antwort abzuwarten, zu, so, wie seit vielen Jahren.

„Dorothy, wer sind wir?“, murmelte der Präsident, während sich die schlanken, festen Finger ihrer beiden Hände sanft um seine Männlichkeit schlossen. Sie schaute zu ihm auf. Ihre feuchten Zähne schimmerten. „Ich liebe Dich. Glaubst Du mir?“

Haltsuchend umklammerte eine der Hände des Präsidenten das Fensterbrett. „Du weißt, dass ich Dir glaube“, erwiderte er. Sie strich ihre kupfernen Haare zurück, dass er besser zusehen konnte.

Als sie dieses mädchenhafte, halberstickte Röcheln hören ließ, während sie dabei mit ihren hellgrünen Augen aufschaute, direkt in seine Augen hinein, ging draußen etwas vor. Es dauerte einige Momente, bis die beiden begriffen, was es gewesen war. Die breite Bahn des Mondlichtes, welche zuvor das Zimmer mild erleuchtet hatte, gab es nicht mehr.

Im verbleibenden, orangenen Schein der Außenbeleuchtung des Hauses sah er, wie sich Dorothys schmaler, heller Hals in den Muskelzuckungen ihrer Schluckreflexe konvulsivisch bewegte wie ein Reptil; er hörte eines der Telefone schrillen, es war die Direktverbindung zum Operativen Dienst, aber er konnte keinen Schritt tun, sie war noch bei ihm. ‚Stoß sie von Dir, jetzt! Nimm das Knie!’, dachte etwas im Präsidenten, und etwas anderes dachte: ‚Nein.’ Abermals sah er dann Dorothys junges, weißes Gebiss in der Dunkelheit schimmern. Sein Atem beruhigte sich.

„Sag mir, dass Du mein Gott bist!“, hauchte sie tonlos, wie kurz vor einer Ohnmacht, wie schon so oft, mit dieser unsäglichen, uralten Vertraulichkeit, und er dachte und antwortete leise: „Nein.“

Auf den großen Rasenflächen vor dem Weißen Haus knieten Menschen und beteten.

 

 

 

 

 

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Der Mars ist weg

Zurück zu den Leseproben

Site:  R. L. Sanatanas Berlin 2017   |   Alle Rechte © an Text und Bild beim Autor