Salomon Glühgold war schwul. Ein schwuler Jude, den man überall Sally nannte. Jung, reich und hässlich war Sally, und er liebte arme, hässliche Kneipen. Ich war der Hetero, von dem er glaubte, dass man sich bei ihm austratschen konnte.

 

Wir trafen uns des Öfteren in einer armen, hässlichen Kneipe, wo Sally mir in von mit weit ausladenden, effeminierten Gesten begleiteter Redeseligkeit, bei vielen billigen Bieren seinerseits und bei Mengen von Kaffee auf meiner Seite des Tisches seine erstaunlichen Theorien entfaltete. Unsere Gespräche waren zu einer Regelmäßigkeit geworden. „Da kommen wieder Onkel und Tunte“, sagte man bereits von uns, wenn ich am Donnerstagabend den rauchigen Ort betrat und mir Salomon Glühgold, welcher mich dort stets bereits erwartete, entgegenstürzte, sich glücklich an meinen Arm hing und mich an unseren Platz begleitete.

 

Tief in Sallys großem, schwulem Herzen nisteten zwei ihn ständig beschäftigende, schreckliche Ängste. Die erste Angst war es, einmal zu einem, wie er sagte, alten Toilettenschwulen zu werden, zu einem, wie es andere auszudrücken pflegten, alten Scheißhausstricher. Und die andere große Angst Salomon Glühgolds bestand darin, in irgendeinem, bereits sehr nahen, Später zu etwas werden zu müssen, das ihm einst nachlässig und überzeugt jemand prophezeit hatte.

„Du wirst einmal ein schmutziger, alter Philosoph, Glühgold!“, hatte derjenige ihm laut Sallys Bericht ganz nebenher verkündet. „Stimmen wirst Du hören, grässlichen Wahnsinn, und du wirst Deine Tage und Nächte auf Bahnhöfen und in Waschcentern verbringen, wo Du dem Lärm der Leute und dem Donnern der Wäschetrommeln lieber noch zuhören wirst, als Deinen eigenen, furchtbaren Gedanken. Zerlumpt und schmutzüberkrustet wirst Du sterben, Glühgold, einen langen, einsamen und elenden Tod!“

 

Also, immer, wenn in Salomon Glühgolds Gehirn sich wieder so viel angesammelt hatte, dass es zu einer Philosophie sich zusammenzuballen drohte, dann rief er mich an, und er traf sich mit mir, der ich Zeit für ihn hatte, und er bestellte Kaffee und Bier bei der jungen Wirtin, die manchmal lächelnd für eine Weile zuhörte, wie er sich seine neueste Theorie von der -

 

„Juden haben keine Seele!“, vertraute er mir diesmal an. „Die Klone Gottes sind sie, auserwähltes Volk nur in der einzigen, schrecklichen Hinsicht: Die Ebenbilder Ihres Schöpfers zu sein, seine Ebenbilder in Form und Inhalt. In Gottes Borniertheit, seiner Arroganz, seiner Schöpfungshysterie und in seiner erstickenden Moral!“

 

Salomon Glühgold honorierte mein verblüfftes Schweigen mit dem bedächtigen Absetzen seiner riesengroßen Brille und referierte daraufhin unvermittelt des Breiten darüber, was wohl geschehen wäre, wenn Adolf Hitler an allen Fronten gesiegt hätte.

 

Ich beobachtete sein aufgeregtes Gehabe über den Rand meiner noch nicht wieder abgesetzten Kaffeetasse.

Er verwunderte mich heute tatsächlich. Sonst nämlich beschränkten sich seine Sorgen auf das, was vielleicht in der voraufgegangenen Woche Schreckliches geschehen sein mochte, oder vielleicht auf Kleinigkeiten, die er im Umgang mit Freunden falsch gemacht haben könnte, und in die Zukunft drang Sally in der Regel höchstens bis nach übermorgen vor, was ich, der ich mir manchmal wie ein alter Philosoph vorkam, recht erholsam fand. Von einer geradezu heilsamen Alltäglichkeit und Banalität waren Salomon Glühgolds Donnerstagabendsorgen ansonsten gewesen, und sie waren durchaus nicht bis zu Problemen wie der Endlösung der Judenfrage geraten.

 

„Der Gröfaz konnte die Endlösung der Judenfrage schon allein deswegen nicht finden“, erklärte mir Sally überzeugt, „weil auf eine Judenfrage nur ein Jude die richtige Antwort wissen kann.“

„Ja, Auserwählter“, nickte ich ergeben. Ich kannte Sallys Eigenwilligkeiten inzwischen bereits. Gröfaz, das war die während des zweiten Weltkrieges übliche, spöttische Abkürzung für den größten Feldherrn aller Zeiten, als welchen sich Hitler gern hatte betiteln lassen. Zuerst hatte ich Sally im Verdacht, dass er seine wirre Theorie überhaupt nur deswegen ausbreitete, weil er gern das Wort Gröfaz sagen würde, er sagte unvergleichlich schwul Gröfaz, und er sagte es so familiär, als ob Hitler sein Onkel gewesen wäre, und ich lächelte in mich hinein. Doch mit der Zeit, während mir Salomon Glühgold dunkelbunte Bilder der von Hitler eroberten Welt malte, welche daraufhin in nationalsozialistischer Einigkeit sich angeschickt haben würde, das Weltall zu erobern, mit Sturmbannführer Einstein als wissenschaftlichem Missionsleiter, beschlich mich doch das Gefühl, Sally wolle mir eigentlich etwas ganz anderes erzählen und fürchte sich, es offen anzusprechen.

„Die hätten dann die Protektorate Mars und Venus gegründet, das kann ich Dir sagen!“, rief Sally in Hitze, „Und dann wäre der Gröfaz auf seine erste Reise gegangen, durch das Großdeutsche Sonnensystem, und Albert Speer...“

 

„Hör mal, Du Schmufilaz!“, unterbrach ich ihn endlich, „Du verschweigst mir doch etwas?“ „Schmufilaz?“, fragte Sally, „Was soll das bitte sein?“ „Der schmutzigste Philosoph aller Zeiten“, erwiderte ich, und ich beobachtete genau, ob er lächeln würde. Er tat es nicht, das bedeutete ernste Schwierigkeiten.

„Komm sag’s Schwuchtel!“, schimpfte ich ihn an, „Du hast Ärger, richtig?“

Salomon Glühgold brach in Tränen aus. Seine große, blöde Brille beschlug, und er putzte hilflos daran herum.

Nach und nach brachte ich aus dem schluchzenden Sally heraus, dass er vor einigen Tagen einen hässlichen Anruf erhalten habe, von einem Unbekannten. „Du wirst am nächsten Sonntag um halb zwei Uhr nachmittags sterben!“, habe dieser Anrufer zu ihm gesagt. Und dann hätte er ihm ganz genau den Ort beschrieben, an welchem es geschehen würde. Und dass es furchtbar sein würde, unvergleichlich furchtbar.

 

Gelassen winkte ich ab. „Darüber machst Du Dir Sorgen?“, fragte ich. „Du brauchst doch einfach nur am Sonntag zu dieser Zeit nicht in der entsprechenden Gegend zu sein, und schon lebst Du weiter Dein schwules Leben!“

„Ja, das würdest Du vielleicht so machen!“, rief Salomon Glühgold in Verzweiflung aus.

„Nein, ich“, erwiderte ich, „würde das nicht so machen. Ich würde auf das Problem zugehen und extra pünktlich am Ort des Geschehens eintreffen Und dadurch würde ich mir den klaren Beweis abholen, dass kein idiotischer Anrufer die Macht hat, über meine Zukunft zu  bestimmen!“

 

Zwar, was ich da sagte, klang wohl recht entschlossen, und meine Worte bewirkten auch, dass Sally sich ein wenig beruhigte, wie ein Teddybär mit beiden Händen sein Bierglas umklammerte und einige große, tapfere Schlucke tat. Doch ich hatte mir etwas unangenehm berührt zugehört, und das lag daran, dass ich während des Sprechens entdecken musste, das es mir selbst keineswegs so klar war, wie ich mich verhalten würde.

 

„Warst Du denn schon einmal an diesem betreffenden Ort?“, fragte ich den mich erwartungsvoll anglotzenden Salomon Glühgold. „Hast Du zu diesem Platz denn irgendeine tiefere Beziehung?“

„Es ist die Straßenkreuzung, an welcher das Krankenhaus steht, in dem ich geboren wurde“, jammerte Sally, „Ist das so eine tiefe Beziehung?“

Ich versuchte, großzügig abzuwinken. „Zufall!“, polterte ich, „Vielleicht war es ein Spinner aus Deiner Familie?!“

Sally verneinte kläglich. Mit seiner Familie habe er seit mehr als einem Jahrzehnt keinerlei Kontakte mehr. Und wirkliche Feinde habe er sich nie gemacht.

„Und hätten dich denn Deine normalen Geschäfte am Samstag zur Zeit an diesen Platz geführt?“, fragte ich ihn.

Sally verneinte. Ich ahnte, dass er gegen meinen Optimismus misstrauischer werden würde, wenn sich meine Fragen jetzt noch spezieller gestalteten. So schwieg ich sinnlos lächelnd, und ich überließ es ihm, das Thema wieder aufzunehmen.

 

Sally erzählte mir, er hätte eigentlich am kommenden Sonntag in einer ganz anderen Ecke der Stadt eine Verrichtung, aber nun überlege er hin und her, ob er zum Beispiel den ganzen Tag über im Bett bleiben solle.

„Unsinn!“, nahm ich mein entschiedenes Gedonner wieder auf. „So weit kommt es noch! Damit tust Du dem Kerl ja den allergrößten Gefallen!“

„Es war kein Kerl“, versetzte Salomon Glühgold leise, „es war eine Frau. Die Stimme einer alten Frau. Vielleicht sollte ich ja einfach wirklich an diese Kreuzung fahren. Ja, vielleicht sollte ich genau das tun, was meinst Du?“

„Das ist“, erwiderte ich, „eine Judenfrage. Und darauf wissen wie wir wissen nur Juden die richtige Antwort.“

Sally trank Bier, schwieg und schaute mich an.

 

Das Problem begann mir zuzusetzen. Was würde ich tun? Es schien eigentlich auf einen banalen, alten Archetypen hinauszulaufen – jemand stellt eine Behauptung auf und jemand anderes muss dann nachdenken…

„Darauf läuft es hinaus!“, sagte ich, „Sally, nur darauf, auf nichts anderes zielt das ab.“

„Nein!“, heulte Sally, „Es läuft überhaupt nicht darauf hinaus, dass ich nachdenken muss. Es läuft darauf hinaus, dass ich sterben muss!“

„Ja, schau, Salomon, so ein lächerlicher Unsinn aber auch!“, herrschte ich ihn an. „Wenn Du das alles am Donnerstagabend bereits glaubst, dann bist Du natürlich am nächsten Sonntag tot. Vor lauter Sorge und Philosophiererei!“

„Ich habe das immer geglaubt“, flüsterte Salomon Glühgold.

„Jetzt ist es aber genug, Sally!“, rief ich.

„Ja, Dir vielleicht!“, antwortete Salomon Glühgold heftig. „Der Frau am Telefon nicht!“

 

Wieder saßen wir eine Weile schweigend voreinander. Sally putzte unaufmerksam an seiner Brille herum. Der Kneipenlärm überflutete uns. Ich wusste nichts zu sagen.

„Ich habe einen Stein im Bett“, sprach plötzlich Salomon Glühgold.

„Brett“, versetzte ich. „Das heißt: ‚Ich habe einen Stein im Brett’. Bei diesem oder jenem. Oder meinst Du einen gefühllosen Liebhaber?“

Salomon Glühgold erwiderte mein Lächeln nicht. Er erzählte mir, nach dem Anruf der Altweiberstimme sei er durch die ganze Stadt gelaufen. Er habe sich überlegt, ob er sich von einer Brücke stürzen solle, einfach darum, das Schicksal zu widerlegen, einfach, um seiner Hinrichtung zu entgehen.

„Aber dann kam ich mir so peinlich vor, an meinem Brückengeländer“, sagte er, „und so bin hinuntergestiegen, zu den Bahngleisen. Da liegen Millionen von Schottersteinen, so braune, kantige, sinnlose Steine. Zwischen den Gleisen liegen sie, und das führt um die ganze Welt, die Dinger liegen überall. Unzählige Gleise, mit einer idiotisch hohen Anzahl von solchen Steinen ohne Wert. Da unten stehen, das ist wie das Gegenteil von einem Juwelierbesuch. Gleisbett sagen sie dazu. Aber die Steine haben es alle hart. Und ich habe mir von den Billiarden einen herausgegriffen, weißt Du. Irgend einen Stein. Ich habe meinen Auserwählten mit mir in die Wohnung getragen und habe ihn auf mein weiches Kopfkissen gelegt. Mann, hat der ein Glück, habe ich gedacht. Unzähligen anderen geht es niemals so, in ihrem steinernen Leben…“

„Ein Stein ist kein Mann“, sagte ich. „Und ob er ein steinernes Leben hat…“

„Komm mit mir am Sonntag zu dieser Kreuzung!“, bat Salomon Glühgold. „Wir treffen uns irgendwo in der Nähe, und dann gehen wir da gemeinsam hin. Wir stehen einfach eine halbe Stunde lang da, Du und ich, und wir warten, was passiert, ja?“

„Und was wird schon passieren?“, brummte ich, „Nichts wird passieren. Wir stehen dumm da, und irgendwo hockt hinter einer Gardine ein altes Weiblein und kichert. Vielleicht stehen ja noch ein paar mehr Leute da. Ja, vielleicht wohnt die da und bestellt sich lauter ängstliche Menschen…“

Es ging nicht, ich vermochte Sally kein noch so winziges Lächeln zu entlocken. „Bitte, bitte, komm mit!“, wiederholte er.

Mir war unbehaglich. „Salomon“, sagte ich, „das Ganze ist ungefähr genau so abwegig, wie Dein intergalaktischer Hitler.“

„Mit dem Film Krieg der Sterne haben sie immerhin Milliarden gemacht“, murmelte Salomon Glühgold.

„Sag mal, trägst Du heute zu enge Strapse?“, versuchte ich es noch, doch Sally erwiderte weinerlich: „Nein, Du Idiot!“, und er drang erneut in mich, ihn in der kommenden Woche an diese Straßenkreuzung im Zentrum der Stadt zu begleiten.

„Ich weiß nicht, ob ich kommen werde“, sagte ich. „Ruf mich am Samstagabend an. Wir werden sehen.“

 

Bisher hatten sich unsere Treffen auf die Donnerstagabende beschränkt. Zwischendurch hatten wir keinerlei weitere Kontakte gehabt. Nun jedoch klingelte mein Telefon in Abständen von wenigen Minuten immer wieder, und stets war Salomon Glühgold am Apparat. Er drang in mich, ich solle mich entscheiden, mit ihm am Sonntag zum Ort seines schrecklichen Endes zu gehen, und sein Tonfall wurde dabei zunehmend jämmerlicher. Endlich riet ich ihm, bereits am Samstagabend in meine Wohnung zu kommen, damit ich ihn dort bis zum Einbruch der Nacht des darauf folgenden Tages einsperren könne. Salomon Glühgold meinte, er wolle sich das überlegen und beendete das Gespräch. Doch ein paar Sekunden später bereits klingelte abermals mein Telefon. Es sei sinnlos, meinen Vorschlag noch weiter zu überdenken, rief Sally aufgelöst, denn er wisse jetzt, wer die Frau sei, die ihm seinen Tod prophezeit hatte, er wisse es, und  er habe keine Chance mehr.

„Und? Wer ist es?“

„Die Bibel“, kam es dumpf aus dem Telefonhörer.

Langes Summen in der Leitung. „Aha“, hörte ich mich dann irritiert erwidern. Erneutes Schweigen am anderen Ende. „Du meinst – das Buch hat eine Stimme?“ fragte ich daraufhin vorsichtig.

„Nein“, sagte Salomon Glühgold, „das Buch nicht. Die Alte, die es geschrieben hat!“

„Salomon Glühgold!“, rief ich „Du willst mir erzählen, die Bibel sei von einer Frau geschrieben worden?“

Sally sagte, ja, das wolle er mir erzählen. Es sei auch wesentlich logischer, denn warum sollte ein Mann ein Buch schreiben, in welchem einem anderen Mann ewige Schmerzen zugefügt werden würden.

„Dies ist allerdings eine recht schwule Ansicht, meinst Du nicht?“, fragte ich zurück. Ich erkundigte mich bei ihm, ob er denn wirklich glaube, diese Alte würde noch leben und könne telefonieren. Salomon Glühgold lachte mich verzweifelt aus. „Alte Liebe rostet nicht“, sagte er, „Denk einmal darüber nach, wie man sich die Ewigkeit verschafft…“

“Aber warum sollte sie Dich denn so sehr hassen, diese Frau Bibel?“

„Weil ich die ganze Sache mit der Schöpfung und der Fortpflanzung nicht mitspiele, zum Beispiel. Weil ich den Schriften keinen Glauben schenke zum Beispiel. Weil ich eine alte Nutte nicht als heiligen Geist akzeptiere, zwischen Vater und Sohn. Weil ich nicht um Sie kämpfe.“

„Na, schön, so viel zum Schwulsein“, sagte ich. „Aber Du bist doch auch Jude. Wie sieht es denn aus, mit: ‚Alles Heil kommt von den Juden’? Hat das deine Frau Bibel nicht von Dir gesagt? Das ist doch ein Bibelwort!“

Salomon Glühgold zeigte sich durchaus nicht überzeugt. Er meinte, wenn wirklich alles Heil von den Juden käme, dann sei ja wohl schließlich auch ‚Heil Hitler’ von den Juden gekommen.

„Du bist ein sehr, sehr problematisches Fräulein, Herr Glühgold“, antwortete ich, weil mir nichts anderes zu antworten einfiel.

„Nein, ich bin nicht problematisch. Ich nehme Worte nur wörtlich. Wie sollte ich sie denn auch sonst nehmen?“, flüsterte es aus dem Hörer.

„Und Du willst also wirklich dort an dieser lumpigen Kreuzung Deinen Tod erwarten?“, fragte ich zurück.

„Ja. Und Du sollst bitte bei mir sein. Vielleicht, dass sie dich ja liebt…“

„Wer? Die Bibel?“

„Eben die.“

Ich sagte endlich zu. „Aber Salomon, das sage ich Dir“, fügte ich hinzu, „ Wenn Du am Nachmittag dann noch gesund und munter sein solltest, dann lädst Du mich zum Essen ein! Und ich verspreche Dir, ich fresse Dir eine Rechnung, an die Du danach Dein ganzes Leben noch denken wirst!“

Das solle nicht mein Problem sein, versetzte Sally, er habe sich ohnehin entschlossen, mir sein ganzes Geld mitzubringen. Ich legte den Hörer auf, und er rief nicht mehr an.

 

Beinahe hätte ich Salomon Glühgold vergessen. Unsere langen Donnerstagabende hatten insgesamt wohl keinen großen Erinnerungswert für mich, und es mochte nur an einer unbestimmten Art von schlechtem gewissen liegen, dass mir meine Zusage doch noch einfiel. Ich saß im Auto, unterwegs in anderen, unwichtigen Angelegenheiten, als dieses schlechte Gewissen mich erschrocken auf die Uhr schauen ließ. Es zeigte sich, dass ich noch ausreichend Zeit hatte, durch den an diesem Mittag nur spärlichen Stadtverkehr zum verabredeten Treffpunkt zu gelangen. Bei geöffneten Fenstern genoss ich Wetter und Fahrgefühl, bis der unförmige Steinklotz des Krankenhauses auftauchte, an jener Kreuzung, von welcher mir Salomon Glühgold gesprochen hatte. Ich begann, nach seiner dürren, lang aufgeschossenen Gestalt Ausschau zu halten. Die Ampel vor der Kreuzung zeigte auf rot.

 

Dort vorn musste Sally irgendwo sein. Neben mir hielt ein kleiner Sportwagen, eine Limousine älteren Jahrgangs, aus dem klassische Musik klang. Ich hatte so ein Kabriolett noch nie gesehen und betrachtete es forschend. Die Fahrerin, eine gepflegt wirkende, alte Dame mit einem Sechziger-Jahre-Kopftuch und dazu passender Schmetterlingssonnenbrille, rief fröhlich zu mir herüber, „Na los! Fahren Sie zu! Grüner wird’s nicht!“

 

Ich trat aufs Gas. Ganz kurz nahm ich wahr, wie das Gesicht der Fahrerin sich ob der Pointe ihres Witzes erschrocken verzerrte. Dann sah ich den Mann, der in diesem Moment noch aus der neben uns wartenden und jetzt wieder anfahrenden Straßenbahn gesprungen war. Mein Motorblock quetschte ihn an den Lastwagen vor uns. Seitlich verdreht hing der Mann zwischen meiner Motorhaube und der Ladebordwand des Trucks. Unwirklich langsam wendete er mir sein Gesicht zu. Verblüfft starrten Salomon Glühgold und ich uns an.

 

Sie schafften ihn hinüber in das Krankenhaus. Ich hockte auf einem der unbequemen Stühle in einem langen, antiseptisch riechenden Gang und wartete. Es war bereits dunkel, als ein alter Arzt auf mich zutrat. Er schüttelte den Kopf, beobachtete einen Moment lang forschend mein Gesicht und nahm mich dann mit in das Zimmer, in welches sie Salomon Glühgold gelegt hatten.

Sally erkannte nicht mehr viel, aber er erkannte mich. „Hallo, wie geht’s?“, flüsterte er entsetzlicherweise. Ich nickte.

Hilflos und kurzsichtig blinzelte Sally umher. „Meine Brille“, hauchte er.

„Sie ist kaputt, Sally.“

Salomon Glühgold nickte. Er schluckte und wollte etwas sagen. Dann winkte er resigniert ab.

„Ich kann es nicht gewesen sein“, murmelte ich nach langem Schweigen. „Sieh mal, Deine Alte hatte doch 13.00 Uhr gesagt. Ich war über eine halbe Stunde zu früh, Sally, über eine halbe Stunde zu früh.“

„Sommerzeit“, krächzte Salomon Glühgold leise, „seit heute Nacht ist doch Sommerzeit.“

Ich schaute in sein Gesicht. Nach weiter unten zu schauen, wo sich der dunkle Fleck immer weiter ausbreitete, wagte ich nicht. Ernst irrten Salomon Glühgolds Augen umher, erstaunt und geduldig. Abwartend, mit niedergeschlagenen Augen, stand der Arzt in der Tür, scheinbar uninteressiert. Das Summen von Instrumenten war zu hören, und das einer Fliege, die in Abständen gegen die Scheibe stieß.

„Was soll’s“, lächelte Sally schließlich. „Eine alte Schwuchtel ohne Sinn, nicht wahr? Einer dieser Schottersteine…“

„Nein, Salomon“, sagte ich, „nein.“

Das Lächeln blieb auf seinem Gesicht, auch als der Druck seiner Hand plötzlich nachließ, als das Leben aus seinen Augen verschwand, die nach irgendetwas an der weißen Decke des Krankenzimmers suchten. Das Lächeln blieb.

 

Ein anderer, vor Pietät knisternder, sehr junger Arzt bat mich um Mithilfe bei der Erledigung einiger Formalitäten. Dabei schauten wir auch in Sallys Jacke nach Papieren. Da war dieser Schotterstein, von dem er mir gesprochen hatte, ein hässlicher, rostbrauner Klumpen. Ich nahm ihn mit mir.

 

Nachzutragen bliebe, dass ich am selben Abend in jenem billigen Kaffeehaus saß und dort in einer Zeitung, die man als die Zeitung von morgen brachte, eine kleine Meldung las: Man habe im Sternbild Leier das plötzliche Aufleuchten einer Supernova beobachtet. Die Astronomie feiere dies als ein Jahrtausendereignis. Ich feierte es nicht. Aber manchmal erzähle ich die Geschichte von Salomon Glühgold, und dann vergesse ich nie, es zu erwähnen.

 

 

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Die Zeitung von morgen

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