Arla Stumpies hatte ein erdbraunes Gesicht. Sie hatte fünf Schwestern und drei Brüder. Alle Brüder und zwei ihrer Schwestern waren älter als sie. Arla selbst war jetzt elf Jahre alt, und wenn die Mädchen in ihrer Schulklasse sich gegenseitig ihre bemalten Hefte mit den dort eingelegten, bunten Lackbildern zeigten, strahlte Arla Stumpies rundes, kleines Gesicht glücklich auf, und sie wurde farbig, aufgeregt und hektisch.

 

Arla hatte beim Lackbildertausch nicht viele Möglichkeiten, denn in ihrem Heft staken nur sehr schäbige Bilder, und von Tauschgeschäft zu Tauschgeschäft wurden Arlas Chancen geringer, einige von diesen mit silbernem Sternenstaub übergossenen, bunten Papierchen zu erlangen, auf denen kleine Liebespärchen sich kindlich anlächelten, oder wo goldlockige Mädchen in Prinzessinnenkleidern die zierlichen Arme hochwarfen und in einem Vergissmeinnichtregen glücklich strahlten.

 

Das Geschäft beim Lackbildertauschen war es, für ein schöneres Bild mindestens zwei weniger Begehrenswerte hergeben zu müssen, und den Rest bestimmten die Geschmacksfragen der Mädchen. Ihre wertvollsten Bilder staken üblicherweise in den hinteren Teilen der Tauschhefte.

 

Auch Arla Stumpies hatte ganz hinten in ihrem Heft, einem schon etwas schäbig aussehenden, einfachen, dünnen, Schulheft, mit einem Lesezeichen aus Stroh einen separaten Teil markiert. Dort, zwischen nur sehr wenigen Seiten, befanden sich ihre paar Lieblingsbilder. Während der Mathematikstunden, wo Arla längst alle Hoffnung aufgegeben hatte, mitzukommen, indem sie sich wie in anderen Stunden etwa durch eine überaus gerade Körperhaltung auszuzeichnen versuchte, oder durch heftige Zustimmung zu Äußerungen der Lehrerin, schaute sie sich meistens in heimlicher Verzweiflung ihre wertvollsten Lackbilder an.

 

Arla Stumpies hatte ihr grünes Heft unter der alten, hölzernen Schulbank auf die dicke, braunwollene Strumpfhose mit den unwirsch gestopften Löchern gelegt, und sie starrte mit groß aufgerissenen Augen ihre erbärmlichen Käfer und Pilze an, und das hässliche Bübchen mit dem riesengroßen Milchtopf in den Händen.

 

Während um sie herum, weit draußen in der Welt der Mathematik die ersten Gleichungen mit einer Unbekannten und düstere Formelgewitter aufzogen, blätterte Arla bedächtig, und langsam näherte sie sich der vorletzten Seite ihres Lackbilderheftes, hinter welcher die kleine Herzogin wohnte. Sie zu sehen, musste schon einige Mühe aufgewendet werden, denn die kleine Herzogin war noch einmal extra in ein sorgsam geglättetes, seidenblaues Bonbonpapier mit silbernen und goldenen Schrägstreifen gehüllt. Wenn Arla dieses Papierchen mit ihren etwas dicklichen, kurzen Fingern vorsichtig aufschlug, überfloss sie dasselbe kleine Beben, welches sie immer verständnislos und mit verstohlenem Ekel an ihrem Banknachbarn beobachtete, bevor dieser, wenn er die Antwort auf eine Frage der Lehrerin wusste, seinen Arm hochriss und wild mit den Fingern schnippte.

 

Arla Stumpies, vom dumpfen Brausen der Schulstunde umgeben, atmete stets tief ein und hielt den Atem an, wenn endlich die Herzogin zum Vorschein kam. Mit einem ihrer flachen, gewellten Fingernägel überprüfte Arla durch ein vorsichtiges Kratzen zunächst, ob die winzigen Goldflitter auf dem glänzenden Bild haltbar geblieben waren, und dann atmete sie seufzend aus und versank langsam tief in den Anblick der zierlich auf das Bild getupften, zarten, apfelwangigen Schönheit in ihrem gleißenden, langen Kleid.

 

Längst wusste Arla Stumpies, dass dieser Genuss nie lange genug währen durfte. Denn immer geschah nach viel zu kurzer Zeit etwas, das sie aufschreckte - die Lehrerin rief schon zum dritten Male scharf und mahnend ihren Nachnamen, der Banknachbar stieß sie grob in die Seite, ein Stück von einem alten Radiergummi flog ihr an den Kopf. Am schlimmsten war es gewesen, als nach einer tiefen Stille, während der Arla, mit dröhnendem Herzen und mit fast berstenden Lungen, beinahe mit der kleinen Herzogin eins geworden war, plötzlich direkt neben ihr die harte Stimme der herbeigeschlichenen Lehrerin ertönte: „Na, mein Fräulein! Was haben wir denn da?!“, und das brüllende Gelächter der Klasse ertönte.

 

Die Lehrerin hatte Arla Stumpies das Heft mit den Lackbildern von den Knien gerissen. Zwar war es bekannt, dass man bei dieser Lehrerin verbotene Dinge, wenn sie harmlos waren, schon durch ein kleines Betteln und einige Versprechen nach dem Ende der Schulstunde wiedererlangen konnte, doch weil Arla Stumpies nun bereits einige Male aufgefallen war, sollte sie ihr Lackbilderheft erst am Ende des Schuljahres zurückerhalten.

 

Arla Stumpies heulte.

Ihr breiiges Gesicht wurde rotbraun, sie rang die dicken Hände, und ihr bebender Mund mit den nussfarbenen, breiten Lippen zischte eine kleine Verwünschung, vor der sie selbst wollüstig erschrak. Gleich darauf entschloss sich Arla, alles wieder gutzumachen. Sie richtete sich in ihrer Bank hoch auf und arbeitete wild mit. Laut rügte sie ihren Banknachbarn, weil dessen Schreibgeräte etwas verstreut, und nicht ganz symmetrisch angeordnet an der Außenkante der Tischplatte lagen. Als die Lehrerin nach farbigen Kreidestücken für ein Tafelbild suchte, rief sie klagend: „Das ist alles nur, weil Frank Schwelm gestern die letzte Kreide auf dem Schulhof vermalt hat!“ Sie erbot sich sodann eifrig, sogleich ins Lehrerzimmer zu rennen, um dort neue Kreide zu holen, und als Frank Schwelm selbst gehen musste und ihr bei der Rückkehr auf seinen Platz eine harte Kopfnuss versetzte, heulte Arla Stumpies noch einmal.

Arla Stumpies hatte jetzt unendlich viel zu tun. Sie musste überdurchschnittlich gut mitarbeiten, sie musste durch penibles Ordnunghalten auf ihrer Bankhälfte auf sich aufmerksam machen, und dadurch, dass sie wie ein kleiner, dunkler Fels kerzengerade und schweigend im heimlich und fröhlich schwätzenden Meer der Mitschüler saß. Sie musste sehr scharf beobachten, damit ihr keine einzige sündhafte Tat entging, die zur sofortigen Anzeige gebracht werden konnte. Arla musste ihr Heft wiederhaben.

Sie bekam es nicht. Auch nicht am nächsten Tag, nach einer zornig halbdurchgrübelten Nacht, und auch nicht in der nächsten Woche. Ringsumher tauschten ihre Kameradinnen bunte Bilder, und in ihnen allen war der stille, frühlingshafte Mädchenjubel, an welchem Arla Stumpies vordem noch ein wenig teilhaben konnte, und von welchem sie jetzt gänzlich abgetrennt war.

 

Arla wollte ganz von vorn anfangen.

Sie fasste einen Plan, den sie drei endlos lange Wochen mit sich herumschleppte, bis am Ende des Monats der Tag gekommen war, an welchem in ihrer Klasse das Geld für das Schulessen kassiert wurde. An diesem Tag schlich sich Arla Stumpies während einer Hofpause in das Klassenzimmer zurück und stahl mit weit aufgerissenen Augen und mit Händen, die sich wie trockenes Holz anfühlten, aus der Schultasche einer Mitschülerin, die in der Pause zuvor das Kassieren besorgt hatte, das Essengeld; sie wickelte Münzen und Scheine in den Tafellappen und stopfte sich das entsetzliche Bündel vorn in ihre wollene Strumpfhose. Dann stürzte sie auf den Pausenhof zurück, stieß dort schrille Laute aus, warf laut schimpfend Mitschülerinnen um und bewies durch gellendes Lachen und gymnastische Clownerien nach Kräften ihre Anwesenheit.

 

Bei der folgenden, peinlichen Untersuchung saß sie mit entrüstetem Gesicht stumm auf ihrem Platz, und sie sah so arm und so ehrlich aus, wie sie nur konnte. Eigentlich sah sie aus wie immer - es war nur, dass sie es nun zum ersten Male bemerkte, und auch, wie sehr sie es schon immer gehasst hatte.

Während der Befragung aller ihrer Mitschüler durch die Lehrerin arbeitete sie ausgezeichnet mit. Abwägend bewegte sie den Kopf; sie runzelte hier verdächtigend ihre dicken Brauen oder entlastete dort durch Blicke, voll mit harmlosem Vertrauen. Als gegen Ende der Vernehmung sie selbst an die Reihe kam, ihre Meinung zu sagen, sagte sie sehr ruhig, dass man einen einfachen Dieb ja vielleicht noch verstehen könne, aber dass so jemand nicht an die Armen aus den kinderreichen Familien gedacht habe, deren Eltern es besonders schwer fallen würde, das Geld fürs Schulessen aufzubringen, das sei so böse, so böse. Und eindringlich sah sie in die Augen des kleinen Frank Schwelm, von dem man wusste, dass er im vergangenen Winter einen Zirkelkasten gestohlen hatte.

 

Nach dem Ende des Unterrichts, als Arla Stumpies mit der großen, alten, braunen Schulmappe, welche früher einem ihrer Brüder gehört hatte, und mit ihrer schweren Last im Strumpfhosenbund, die jetzt sekündlich immer leichter wurde, hinaustrat auf die Schultreppe, und in die wärmende Sonne des frühen Nachmittags, wartete an einem leuchtend gelb blühenden Ginsterbusch Frank Schwelm auf sie.

„Ich habe Dich gesehen, Stumpies!“, stieß er, keuchend vor Triumph, hervor, und er verschwand.

 

Arla Stumpies versteckte den Tafellappen mit dem Geld in einer tiefen Mauerritze in einer Wand des Hauses neben dem, in welchem sie selbst mit ihren Eltern und ihren Geschwistern wohnte. Jeden Morgen, wenn sie zur Schule schlich, kam sie daran vorüber. Jeden Morgen traf sie Frank Schwelm.

Frank Schwelm hat nie etwas gesagt. Arla Stumpies hat das Geld nicht wieder aus der Mauerritze hervorgeholt, auch nicht, als sie gegen Ende des Jahres mit ihren Eltern in ein anderes Stadtviertel umzog.

 

Bei einer Sanierung von Mietshäusern in Arlas ehemaliger Straße fand ein älterer Bauarbeiter an einem Wintermorgen, wenige Tage vor Weihnachten, dreihundertsechsundneunzig Mark und vierzig Pfennige in Münzen und Scheinen, eingewickelt in einen bunten Staublappen.

„Glück gehabt! Die alten Scheine sind noch bis zum Jahresende gültig!“, sagte sein Kollege, dem er den Fund beim Frühstück im Bauwagen zeigte. Der andere bezahlte über den ganzen Tag das Bier.

 

 

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Herrenloses Geld

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