In dem kleinen Dörfchen Preckwitz im Oderbruch, gelegen zwischen Wiesen und weidengesäumten Teichen war die Population von Zweihundertundacht auf Zweihundertundneun gestiegen.

Gabriel war zur Welt gekommen.

Seine Kindheit war hell und still. Er lag auf duftenden Bruchwiesen herum, bis die leuchtenden Abendnebel sanken, sah Käfern zu, die Grashalme erklommen und schielte grinsend unter die Hüte von seltsamen Pilzen. Nachts schlich er sich aufs Feld unter den sternenübersäten Himmel, um von ganz nah die weit ausgebreiteten Gitterarme des Strommastes der Überlandleitung zu bewundern, wie er schwarz und stählern dastand, bedrohlich surrend, und doch zur Bewegungslosigkeit verdammt.

 

Er wurde ein feister, formloser Bursche. Insgesamt erinnerte er an eine Weißwurst. Seine Psyche ließ sich relativ leicht beschreiben. Immer, wenn er eine Frau mit großen Händen sah, dachte er sogleich: ‚Ich habe einen viel zu kleinen Penis’.

 

Dieser Satz ärgerte ihn sehr, besonders, dass er immer Penis denken musste und nie etwa Schwanz oder Nille oder Schniedelwurz. Gabriel wollte sich zwingen, das zu ändern. In der Kreisstadt kaufte er sich ein Tagebuch. Den Schreibwarenladen hatte er etwa so betreten, wie ein Pubertierender eine Drogerie betritt, wenn er ein Kondom erwerben möchte. Gabriel wollte dem Tagebuch alles anvertrauen. Er setzte sich auf den sonnenheißen Dachboden, zwischen die glucksenden Tauben und schrieb. Doch mehr, als: „Immer, wenn ich eine Frau mit großen Händen sehe…“ brachte er nicht zustande. Über der Anstrengung, weiterschreiben zu wollen und es nicht zu können, schlief er ein. Das Tagebuch mit dem Satzanfang auf der ersten Seite lag lange herum, es wurde Gabriel peinlicher und peinlicher, und endlich versteckte er es vor sich selbst hinter den anderen Büchern in seinem Regal.

 

Manchmal wartete Gabriel geduldig eine kleine Wegstrecke vor dem Dorf, an einem verwitterten Schild, welches ein grünes ‚H’ zeigte, und die Aufschrift: ‚Kraftomnibus’. Gegen Mittag kam dann ein staubüberkrusteter, blauer Überlandbus; er kaufte sich beim alten Fahrer eines der kleinen, weißen Papierquadrate mit dem Rand aus kleinen, schwarzen Zahlen von Eins bis Einunddreißig. Der grüne Schrägstrich auf dem Scheinchen bedeutete, dass man den ganzen Tag lang die betreffende Kraftomnibuslinie benutzen konnte. Gabriel hockte sich ganz nach hinten auf die breite, durchgesessene Lederbank und dann schaute er leer und ausdruckslos aus dem Fenster. Langsam wurde es wieder Herbst.

 

Im Winter hatte ihn Tante Hilde genommen, wenn die Eltern allein sein wollten. Gabriel wurde in einen warmen Zug gesetzt. Schneebedeckte Berglandschaften zogen vorbei, bis vor dem Waggonfenster Tante Hildes langes, bleiches Gesicht auftauchte. Tante Hilde, dreiundsechzig Jahre alt, drei Mal geschiedene und zwei Mal verwitwete Schlesierin, gab ihm, Alter fünf Jahre, Zungenküsse zur guten Nacht. Ihre kalte, drängende Zunge schmeckte nach abgestandener Bohnensuppe. Im vergangenen Jahr fuhr er mit einem Schnellzug durch Bohnenfelder. Tante Hildes langes Gesicht tauchte geisterhaft vor der Scheibe auf, ihr Mund mit den fadendünnen, violetten Lippen öffnete sich langsam, und Gabriel kotzte seinem Gegenüber in den Schoß.

 

Im Winter ging er meist zurück nach Hause, indem er eine Station vor seinem Dorf den Omnibus verließ und über einen langgestreckten, zugefrorenen Teich lief. Im Sommer lief er um den Teich herum. Im Sommer konnte Gabriel die Abkürzung nicht benutzen, weil er nicht genau wusste, ob er noch einmal schwimmen können würde.

 

In einem Kinderferienlager hatte man ihn, weil er mit Zehn noch nicht schwimmen konnte, so lange verspottet, bis der Lagerleiter Mitleid mit ihm bekommen hatte und es ihm nachts beibrachte. Es war wunderbar leicht gegangen. Stolz schwamm Gabriel am nächsten Tag in einer Vorführung für die anderen Kinder neben dem Lagerleiter wieder an Land. Er lachte und weinte in einem und er schrie immer wieder in die Gesichter der anderen Kinder: „Ich kann schwimmen! Ich kann schwimmen! Schwimmen!“

 

Leider hatte sich während seines Aufenthaltes im Wasser eine riesige, gelbe Rotzglocke unter einem seiner Nasenlöcher gebildet, welche jetzt dieselbe Feuchtigkeit und Kühle hatte, wie auch seine Haut, weshalb er sie nicht fühlen konnte.

Die Kinder brüllten vor Vergnügen. Seither hatte er seinen Spitznamen Sabbriel. Die kleine, schielende Lena gab ihm seine Brille zurück und murmelte: „Ach, mach Dir doch nichts draus, Gabriel.“ Aber sie war eine sehr klägliche Verbündete. Und da sie die einzige in Gabriels Nähe war, während sich alle anderen in gespieltem Ekel zurückgezogen hatten, beschimpfte Gabriel sie, und da rief auch sie Sabbriel.

An diesem Vormittag gab Gabriel auf. Er redete nun nicht mehr viel. Er saß und hörte und schaute und wuchs.

 

„Was? Alle die Moslems gibt es nur, weil Gabriel aus der Bibel ihrem Propheten etwas gesagt hat?“, rief Gabriel aus. „Aber dann weiß doch keiner von denen, ob es den Erzengel überhaupt wirklich gegeben hat!“  Die Familie saß beim Abendbrot. „Dich gibt’s doch auch, Junge“, sagte die Mutter. „Erzähl das nicht in der Schule“, sagte der Vater. „Was?“, fragte Gabriel, „Dass es mich gibt?“ „Himmel, kann jemand so dämlich sein?!“, rief der Vater. „Geh, mach den Fernseher leiser!“ Gabriel sprang auf und lief zum Fernsehapparat. Er stolperte über eine Wellung im Teppich, und der auf dünnen, schwarzen Beinen mit Messingfüßen stehende Apparat fiel um und war zerstört.

„Wozu bist Du eigentlich zu gebrauchen?“, rief der Vater. „Du denkst so wirklich nur so weit, wie ein Schwein scheißt!“

 

In den nächsten Wochen hörten sie beim Abendessen Radio. Gabriel ritzte mit seinem Brotmesser Zeichen in sein hölzernes Stullenbrett. „Wozu ist der Junge eigentlich auf der Welt?“, rief der Vater. Gabriel ritzte verbissen weiter. „Was sind das für Zahlen und Buchstaben?“, fragte die Mutter. „Was stellt das dar?“ „Es stellt mich dar“, erwiderte Gabriel. „Er denkt, so weit ein Schwein scheißt!“, rief der Vater. Still räumte die Mutter das Stullenbrett fort.

 

„Was schaust Du schon wieder so?“, stellte ihn sein Vater wenige Tage später im abendlichen Hof zur Rede. „Seit einiger Zeit schon schaust Du immer so tückisch, wenn ich Dich ansehe!“

„Immer wenn ich Dich sehen, muss ich an ein Schwein denken, das scheißt“, sagte Gabriel. Der Vater schlug zu. Gabriel fiel hin. Der Boden duftete nach Hühnermist.

„Ein großes, rosa Schwein!“, rief er laut vom Boden her, „Und wie es nachschaut, was es gerade geschissen hat! Immer, wenn ich Dich sehe! Immer, wenn ich Dich sehe!“

Jetzt trat der Vater zu. Es dauerte nicht lange, Gabriel wurde gleich ohnmächtig und wachte erst unter der lächelnden Sonne des Gesichts von Schwester Brunhilde wieder auf. Schwester Brunhilde war die Walküre der Kinderstation des Krankenhauses in der Kreisstadt. Blondzöpfig, riesig und zugleich perfekt proportioniert war sie. Sie kitzelte Gabriel beim Pulsmessen morgens mit ihren schönen, starken Fingern verschwörerisch das Handgelenk, und wie sie ihm das Fieberthermometer in den Hintern schob, das vergaß er nie mehr.

 

„Du musst nicht immerzu daraufstarren, Gabriel“, sagte Schwester Brunhilde leise. Sie hatte Nachtdienst, saß auf dem Rand von Gabriels Bett. „Wenn sie Dich interessieren, dann fass sie einfach an“. Schwester Brunhilde holte eine ihrer mächtigen Brüste aus dem in der hellen Nacht bläulich leuchtenden Kittel. Sie griff nach Gabriels beiden Händen und legte sie sich auf den steilen Berg aus festem Fleisch. Gabriel streichelte eine Weile unbeholfen, dann rückte Brunhilde näher, griff sich seinen Kopf  und er leckte die harte, aufgerichtete Warze, saugte sich ächzend fest. Brunhilde keuchte leise. „Kleiner Nimmersatt“, murmelte sie. Dann biss Gabriel unvermittelt so fest zu, dass  die Schwester vor Schmerz aufschrie und ihm mit einer ihrer Hände kräftig ins Gesicht schlug.

 

Gabriel sah sie nicht wieder, in der nächsten Nacht hatte Schwester Brunhilde keinen Dienst, und am darauffolgenden Tag schon wurde er wieder entlassen.

Er hatte sich umsonst gefürchtet. In seiner Abwesenheit war der Vater mit seiner Geliebten in einer großen Strohmiete mitten auf einem Feld verbrannt. Es sei ein Feuer der Gerechtigkeit gewesen, sagte die Mutter, und später wiederholte sie oft mit einem bösen Lächeln im vom Weinen verwüsteten Gesicht, dass die Zigarette danach eben entscheidender sein würde, als mancher es glauben mag.

 

„Bauer Gustav, hast Du einen Stift?“

„Wozu willst Du den?“ „Ich weiß noch nicht. Aber gleich brauche ich ihn. Du bekommst ihn wieder“. Bauer Gustav kramte einen Kopierstiftstummel aus der Brusttasche seiner blauen Arbeitsjacke hervor und reichte ihn Gabriel von seinem Eisensitz auf dem altertümlichen Pflug herunter: „Tscha Gabriel“, meinte er, und er schaute übers Feld, „Ich wollte ich käme da hinten an und es wäre dann schon morgen um dieselbe Zeit. Und dann dreh ich mich um und sehe, ich habe schon ordentlich geschafft…“

Eine Erkenntnis dämmerte Gabriel. Es war durchaus kein helles Aufleuchten, eher das gleichgültige Registrieren eines Fakts. Die Zeichen, welche er in sein Brotbrett geritzt hatte. Das, was Bauer Gustav soeben gesagt hatte. Man saß im Bus, und die Landschaft fuhr...

Gleichgültig schrieb er eine Zeichenfolge auf seinen Busfahrschein. Um Gabriel herum verdichtete sich eine riesige Gewissheit, von welcher er selbst nicht das Geringste zu bemerken schien. Jedem mittelmäßig begabten Physiker hätten die Haare zu Berge gestanden, angesichts der Einfachheit und Grandiosität der Lösung. Gabriel versenkte das Zettelchen in seiner Hosentasche. „Danke“, sagte er, und er gab dem Bauern seinen Kopierstift wieder. Eine Weile sah er dem Bauern Gustav nach, dann schlenderte er heim.

 

In seiner Tasche stak ein Geheimnis, nach dessen Auflösung viele sich verzehrten, Die Militärwissenschaft, und der ganze verrückte Westen aus dem Fernseher.

Kurz überlegte Gabriel, ob er seine Formel an die Redaktion der Kinderzeitung schicken sollte, oder an Stanislaw Lem. Aber die dazu nötigen Vorgänge, Schreiben, Kuvert, Briefmarken, Post, wurden ihm in seinen Gedanken bald zu kompliziert, und er schaute lieber Tante Christa zu, wie sie an der alten Rübenmühle die große Kurbel drehte.

 

In der nächsten Zeit kam ihm der Schnipsel des Öfteren in die Hände. Von dem, was daraufstand, interessierte ihn nichts, und nur ein vages Gefühl hielt ihn davon ab, den Fahrschein einfach fortzuwerfen. Immer wieder tauchte er auf, und Gabriel wusste nie, wohin damit, das störte ihn am meisten. Endlich erinnerte er sich seines Tagebuches; er überwand sich, es hervorzukramen und legte das Papierchen dort zwischen zwei leere Seiten.

„Das mit dem Pflug, das ist ganz einfach. Du könntest es tun, Bauer Gustav. Du musst nur…“, sagte Gabriel leise am nächsten Nachmittag.

Der Bauer nahm seine Mütze ab, lachte und legte eine Hand auf Gabriels Schulter

„Lass man min Jung, ist gut gemeint. Schau nur mal, wie weit ich inzwischen gekommen bin!“ Und stolz vollführte der kleine Bauer eine ausladende Geste mit seiner blauen Schirmmütze über das ganze Feld hin. Gabriel sah die schwielige braune Hand, wie sie den Horizont aus Bäumen streichelte. Er versuchte es nicht wieder.

 

Mit dem Brotbrett hatte der Vater eine kleine Luke im Hühnerstall zugenagelt. Langsam verwitterte Gabriels Schnitzwerk aus Ziffern und Buchstaben in der Sonne überm Bruch.

Gabriel saß schweigend in der Schule. ‚Ich bin schon ziemlich dick’, dachte er. ‚vielleicht werde ich einmal fett wie Bauer Hase’. Der Physiklehrer erklärte, dass sich die Geschwindigkeit aus dem Quotienten von Weg und Zeit errechne. Gabriel schaute aus dem Fenster. Große, trockene Flocken sanken vom grauen Himmel. Stumm fuhr er Bus. Es wurde Winter.

Der Teich war schon ganz zugefroren, vom Dorf her wehte Akkordeonmusik herüber. Es musste der verrückte Lothar sein. Wie in Frankreich klingt das wohl, dachte Gabriel. Etwas wie ein Heimatgefühl kroch in ihn hinein. Der Anflug machte, dass er sich beeilte. Das Eis unter seinen Stiefeln brach, und Gabriel ertrank. Ein paar große Luftblasen auf der dunklen Wasseroberfläche und kurz der wild zuckende, schwarze Schatten seines Körpers unter der Transparenz des Eises, ein paar Meter von der Einbruchstelle entfernt. Die Sonne ging unter im Oderbruch.

 

Von Neunzehnhundertsiebenundsechzig auf neunzehnhundertachtundsechzig  war es dort ein harter Winter. Was von Gabriel übrig war, fand man erst im Frühjahr.

Ein paar Leute gab es, welche aus seinem Dorf, einen Busfahrer, die fragten sich eine Zeit lang manchmal, weshalb er eigentlich auf der Welt gewesen war. Die Welt hatte dergleichen Fragen nicht. Schweigend arbeitete sie am Holz seines für die aufgefundenen Überreste lächerlich großen Sarges, sich dazu ihrer Stellvertreter aus der Mikroben- und der Insektenwelt gleichmütig bedienend. Gabriels Sachen trug man auf den Dachboden des Hauses.

 

Seit dem neunten August des Jahres Neunzehnhundertachtundsechzig liegt dort jene Formel, zwischen den Seiten eines in Schweinsleder gebundenen Tagebuches. In einer Holzkiste, welche auf zwei anderen Holzkisten steht. An der untersten Kiste lehnt ein gerahmtes Bild, unter dessen Staubschicht jemand, der den Dachboden beträte, das schiefe, verkniffene Lächeln eines Staatsmannes mit dick gerahmter Brille erkennen könnte. Auf dem aromatisch duftenden, sonnenlichtdurchflirrten Dachboden, gleich unter den leuchtendroten Ziegeln eines der größeren Häuser des kleinen Ortes Preckwitz, der in diesem Jahr um seine Anerkennung als Gemeinde kämpft. Gelegen zwischen zwei Teichen und vielen Oderarmen und zwischen weiten, dampfenden Wiesen. In Deutschland. Auf einer Welt zwischen Mars und Venus, beleuchtet von der gelben Sonne Helios, einem von achtundzwanzig Billionen Fixsternen im unteren Drittel des vierten Spiralarmes einer sechsarmigen Galaxis, genannt Milchstraße. Nicht allzu weit entfernt vom Pferdekopfnebel, der etwa achthundert Billiarden solcher Galaxien beinhaltet...

 

 

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© Robert L. Sanatanas 2017

Der Erzengel

 

Comicversion des "Erzengel", gezeichnet von Laura Melzer

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