TAVACHUTA sprach:

O SUCREHALA, manche Leute fürchten sich immer davor, im Schlaf von unangenehmen Er-eignissen überrollt oder gar überfallen zu werden. Andere hoffen, dass sich während ihres Schla-fes wunderbare, sie betreffende Ereignisse vollziehen. Nachdem der DREUCOSID seine Rede beendet hatte, legte er sich auf den Waldboden nieder und schlief ein, und als LELEDO wieder erwachte, waren am bestirnten Himmelszelt bedeutende, astronomische Veränderungen zu be-obachten.

 

Hier schwieg TAVACHUTA eine kurze Zeit und beobachtete lächelnd das Erstaunen des SU-CREHALA, der sah, dass man tatsächlich den Wald durchquert hatte und am Anfang einer langen, baumgesäumten Allee angekommen war, an deren fernem Ende sich auf einem Hügel eine große, durchsichtig überkuppelte Stadt mit vielen in der Sonne leuchtenden Türmen erhob. TAVACHUTA fuhr fort:

 

Mein lieber SUCREHALA, wer immer diese Rede in ihrer Schriftform aufmerksam liest, nach-dem er zuvor seiner persönlichen Vorstellung vom lieben CELOID mit beherrschtem Geist eine Birne an einem sonnigen Ort als Opfer hinterlegt hat, derjenige wird von der Sucht nach schädlichen Nahrungsmitteln alsbald befreit, und seine eigene Idee über das, was er zu sich nimmt, wird stärker, als alle Gesellschaftsauffassungen vom Wert oder Schaden der betreffen-den Sachen. Dies bedenkend lass uns nun die letzte, angenehmste Etappe unseres Weges be-schreiten, um dort in THEELE Erholung zu finden, bevor wir weiter unserem gemeinsamen Beruf nachgehen.

 

SUCREHALA und TAVACHUTA werden in THEELE empfangen

 

PUNUGARA sprach weiter:

Verehrte Soldaten, die Ihr niemals allein um unbeseelt-stofflicher Reichtümer wegen kämpft. Yogis, die Gold benötigen, verwenden verschiedene Methoden, sich dieses Metalls zu bemäch-tigen. Entweder verehren sie König HUBARA durch grobe Scherze, wildes Gelächter und die Vorführung dämonischen Irrsinns, oder sie rauben irgendwo eine Tempelglocke oder schleichen sich des Nachts in Schmieden und Bergwerke. Dort, nachdem sie Mercurium getrunken haben, urinieren sie auf bestimmte Bronzen beziehungsweise Legierungen, wodurch alsbald reines AURUM entsteht.

 

In THEELE ließ man diese Arbeit bestimmte Tiere verrichten, von denen zuerst viele starben. Später jedoch brachten die überlebenden Exemplare resistente Nachkommen hervor, und so wurden die Leute von THEELE in kurzer Zeit sehr wohlhabend, tatsächlich, sie konnten sich bald nicht allein nur mehr auf dieser Welt fast alles kaufen, wonach es sie gelüstete.

 

Die Stadt THEELE war damals die Hauptstadt des Kaiserreiches von THOSSIS, das von THOSMOTHES und SERVAKIM, zwei jungen Königen, gut regiert wurde. THEELE war zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt ihrer Blüte. Es gab dort ausgedehnte Palastanlagen und vieleta-gige Häuser, erbaut aus transparenten Leichtmetallen, es gab wunderschöne Fenster und Kup-peln aus feingeschliffenen Scheiben von edlem Gestein. Die Stadtstraßen bestanden aus einer Art Wasserfilm, und die Fernstraßen hatte man aus dem Gleitgel gebaut, dessen Produktion der erfinderische HUBARA nach langem Zögern endlich doch gestattet hatte.

 

Die Luft war erfüllt vom melodiösen Klingen der schwebenden Wagen und von Blütenduften. Die weiten Parks waren sehr schön anzusehen; dort gab es Gras, dessen Halme sich nach Son-nenuntergang nach Osten ausrichteten, und inmitten des Grases wuchs die Lieblingsblume des CELOIDS. Zu bestimmten Festtagen, wenn die Luft bewegt und sichtbar gemacht wurde und wehende Flaggen mit dem Abbild einer Erdfrucht die Dächer und die durchsichtigen Turmspit-zen schmückten, konnte man THEELE vom Mond aus auch am Tage sehr gut erkennen. Des Nachts wurden dort die zwei ausgezeichnet verschlossenen Weltentore, welche einst die Solda-ten des ASOPHIS nach THEELE transportiert hatten, als Triumphzeichen des Sieges über die alten Invasoren hell beleuchtet, und Familien zogen mit ihren Kindern vor diese Tore wie vor Pilgerstätten, um ihrem Nachwuchs die Historie der Stadt deutlich darzustellen.

 

Mein verehrter RIGOLA, als SUKREHALA und TAVACHUTA - gegen Mittag - die Stadt THEELE erreichten, war dort gerade ein großes Fest im Gange. In Anwesenheit hochqualifi-zierter Justizpersonen und Beamter aus vieler Könige Länder und vom Mond feierte man die Gerechtigkeit.

 

Du musst in diesem Zusammenhang wissen, o General, dass den Einwohnern von THEELE zwar die sogenannte Liebe unbekannt war, dass sie aber ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsemp-finden kultiviert hatten, welches in der Selbstgerechtigkeit in kontinuierlicher Tugend seinen höchsten Ausdruck fand. Die Bewohner THEELES wussten ihre Worte stets wohl zu wählen, sie vermochten es sehr gut, mit dem Schmuck des Nackenspiegels umzugehen, und sie liefen einander nicht hinterdrein. Ja, wirklich, eine exzellente Mischung aus würdigem Ernst und er-wartungsvoller Fröhlichkeit begegnete den beiden Fremden SUKREHALA und TAVACHUTA, als sie, am Ende der langen Birnbaumpromenade angelangt, eines der mit ver-formbaren AVITA-Juwelen geschmückten Stadtportale passierten und sich somit dem gut ge-wählten Ziel ihrer Reise näherten.

 

O geschicktester aller Fliegersoldaten, wenn jemand von einem bestimmten Punkt zu einem bestimmten anderen Punkt gelangen möchte, hat derjenige verschiedene Möglichkeiten. In THEELE hatte man es gelernt, Wege zurückzulegen, ohne sie mühselig zu beschreiten. Man konzentrierte sich hierzu auf ein Symbol, welches sowohl am Ausgangs- wie am Eingangsort in gleicher Weise unter gleichen Bedingungen vorhanden sein musste. Ergebnis der methodischen Konzentration waren die Verringerung des inneren Zeitstromes und die Abbremsung des inne-ren Geschwindigkeitsempfindens des Reisenden. So löste man sich von der Welt um das Sym-bol und vernetzte sich daraufhin mit der Umwelt des anderen Symbols.

 

Diese Art des Reisens erforderte eine eigene, komplizierte Gesetzgebung, und in THEELE wurden damals gerade Teile dieses Gesetzes besprochen. Weiterhin kamen Luft- und Raumsi-cherungsprobleme sowie Probleme der universalen Verteilungsgerechtigkeit zur Sprache.

 

Obwohl die Bewohner dieser besonderen Stadt THEELE - deren inzwischen fast gänzlich im Erdboden versunkenen Ruinen, wie Du weißt, nicht weit von unserem gegenwärtigen Ver-sammlungsort entfernt sind - nicht allein die Orte, sondern auch die Zeitorte ausgezeichnet zu wechseln vermochten, und obwohl sie den Mond am Himmel sehen konnten und seine Bewoh-ner kannten, verließen sie doch niemals auf ihren Beinen das Stadtgebiet, ja, die schimmernde Kuppel über den Spitzen ihrer Turmhäuser ragte weit in den Himmel, und die Fundamente von THEELES wunderbaren Bauwerken und Denkmälern reichten bis hinab in jene Erdschichten, wo das Graphit sich zu Diamant wandelt, aber sie gingen niemals auf ihren Füßen aus der Stadt. Auch deshalb wurden SUKREHALA und TAVACHUTA mit großer Freude in THEELE be-grüßt. Die beiden Fremden wurden hervorragend ernährt, und nach einer Erholungszeit wurden ihnen die Reisesymbole übergeben, welche an einen weit entfernten Ort zu installieren sie sich gegen eine angemessene Vergütung einst bereiterklärt hatten.

 

O RIGOLA, über SUKREHALA und TAVACHUTA ist allgemein bekannt, dass ihre lange-währende, enge Freundschaft darauf beruhte, dass sie beide dieselbe Frau mehr liebten, als ihr eigenes Leben ihnen von Wert erschien. Die beiden hatten beschlossen, ihren unbedingt ausste-henden tödlichen Entscheidungskampf um diese Frau so lange wie möglich hinauszuzögern, ohne indes sein Bevorstehen jemals auch nur für einen einzigen Augenblick zu vergessen. We-gen dieses gegenseitigen Schwurs hatten sie den Unwillen verschiedener Frauen, auch der Ehe-gemahlinnen von Ministern und Königsberatern, und sogar den des Weibes von HUBARA – RUMA – auf sich gezogen und waren verflucht worden.

 

Lieber RIGOLA, Beherrscher aller Kriegslisten, Finten und Tücken, Kaiser der Hinterhalte, wer meinem Bericht bis hierher aufmerksam gelauscht hat, und wer das Motiv des Genießens von Gehörtem dabei bislang beherrscht zurückzustellen vermochte, wird so jemand nicht ganz von selbst leicht herausfinden können, um welche bekannte Frau es sich bei der Geliebten der beiden Freunde SUKREHALA und TAVACHUTA handelt?

 

Diese Frau, die in ihrem nächsten Leben der Vater desjenigen der beiden Freunde werden wird, welcher den geplanten Kampf gewinnt, möchte aus bestimmten, Euch allen wohlbekannten Gründen jede kluge Person sehr gern näher kennenlernen. Meine Erzählung, o RIGOLA, er-möglicht dies dem Aufmerksamen. Kann der Zuhörer nicht auch sehr viel Nützliches und völlig wahre Details über sein künftiges, eigenes Schicksal in Erfahrung bringen, einfach, indem er den Sinn dieser Erzählung erfasst?

 

O General mit dem roten Symbol des Mondherzogs am goldbedeckten Schlachtenhelm, ich hoffe, Dir und Deinen tapferen Soldaten auf Eure besorgte Frage nach dem Ausgang des bevor-stehenden Krieges somit zufriedenstellend geantwortet zu haben. Ich hoffe, geantwortet zu haben, ohne meine Pflicht dabei in irgendeiner Weise zu vergessen, und ohne meiner Ehre den geringsten Schaden zugefügt zu haben.

 

Meine lieben Soldaten, manchmal hört jemand einer Unterhaltung unfreiwillig zu, die Fremde miteinander führen, und er fühlt sich dann sehr gestört. Ist es in einer solchen Situation nicht gut, Worte nicht mehr wie Sprache, angefüllt mit irgendeinem Sinn, wahrzunehmen, sondern die störenden Laute einfach unterschiedslos anzuhören, sie einfach als Export von Lebenszeit zu betrachten und die nützliche, in der Gegend herumfliegende Energie dankbar zu importieren? Die Ansicht, der laute, grobe Lärm von undisziplinierten und nur in beklagenswertem Maße selbstbeherrschten Kriegern könnte meine Inspiration erniedrigen, hat in dieser Auffassung kei-nen Bestand, und so nehme ich mit großer Dankbarkeit alle weiteren Fragen entgegen, die Euer vielgerühmtes Oberhaupt RIGOLA an mich stellen wird.

 

Nach diesen Sätzen PUNUGARAS wurden die Heeressoldaten und Offiziere sehr still. Man ordnete die Bedeckungen der Zeltbeleuchtung dem veränderten Stand des Mondes gemäß neu an, und der alte General RIGOLA stellte - immer noch mit gezogener Waffe hinter PUNUGA-RA stehend - dem lächelnd Dasitzenden eine weitere Frage.

 

Der Armeegeneral RIGOLA fragte:

Lieber PUNUGARA, wenn bei der Begegnung zwischen zwei Personen Angst auftritt, so soll-ten diese, so unterwies uns YADAYAHU, der Schlachtenmeister unserer Vorfahren, sich ge-genseitig nicht so viel Präsenz beimessen, dass nicht mehr zu erkennen bliebe, dass die Angst als etwas Drittes, ausgestattet mit Eigenschaften, Gestalt und Selbstinteressen, tatsächlich an-wesend ist. YADAYAHU lehrte uns, unbedingt als erstes die Angst in Person zu visualisieren, und er machte damit die Kriege und die Krieger groß. Vor jeder Kampfhandlung zwischen zwei feindlichen Parteien sollten diese sich also zunächst gemeinsam der Vernichtung der Angst zu-wenden, das ist eine Meinung, welche tief in die tapferen Herzen weithin berühmter Krieger gepflanzt wurde, die stets dazu bereit waren, vor einem Krieg gemeinsam mit ihren Gegnern das Schlachtfeld zu säubern, Rituale zur Befreiung der Gegend von Geistern und Gespenstern durchzuführen und so weiter.

 

SUKREHALA und TAVACHUTA waren ganz bestimmt zwei so weise Krieger. Wie Du uns eindringlich erläutertest, o PUNUGARA, Hüter sämtlicher Geheimnisse der Reinheit und Schlüsselmeister der Tugend, stand ein Problem zwischen den beiden Freunden, das schwerlich Klärung finden konnte, ohne, dass entweder SUKREHALA oder TAVACHUTA hätte seinen Körper aufgeben müssen. Daher erzähle uns doch nun bitte in uns erleuchtender Weise, wie die beiden vielfach Verfluchten sich aus der sie betreffenden Schwierigkeit schließlich doch voll-ständig befreien konnten. Wer von ihnen ging als Sieger aus ihrem Kampf hervor und eroberte dadurch endlich diese bestimmte, so sehr begehrenswerte Frau? Wie fand der entscheidende Kampf statt? Wo befand sich die Schlachtarena, und welche Zuschauer von welchen Welten waren anwesend? Mit welchen besonderen Waffen und Techniken wurde der Zweikampf ausge-tragen? Fand er in der Luft statt, im Feuer, im Wasser oder auf dem Land? Wie verhielten sich die Zeitumstände, und welche Lehren vermochte die Weltumgebung aus den Kampfhandlungen zu ziehen?

 

O PUNUGARA, all dies interessiert uns jetzt sehr. Wir, die wir an nützlichen Lehren immer sehr bedürftig sind, warten begierig, nun von Dir Genaues zu erfahren, wirklich, wir können uns zur erfolgreichen Vorbereitung unseres eigenen, uns nahe bevorstehenden Kampfes nichts Näh-renderes vorstellen, als Deine Erläuterungen hier und jetzt. Daher antworte uns bitte ausführ-lich, und sprich inmitten unserer Dankbarkeit verständlich zu uns. Ich bin mir der Größe mei-nes Verlangens bewusst, denn wir wissen, dass du aus von uns geachteten Gründen nicht alles sagen darfst.

 

Zwar sind die Wände der Zelte unseres Heerlagers mit dem Staub von selbststrahlenden Juwe-len bedeckt und auch unsere Fahnen, Banner und Wimpel sowie die Abzeichen und Rangsym-bole auf unseren Helmen und Rüstungen leuchten weithin in allen Farben, doch in unserem eigenen Inneren herrscht dennoch Finsternis. Bitte, PUNUGARA, erleuchte uns nun weiterhin.

 

PUNUGARA berührte mit seiner rechten Hand ein Blatt an einem Zweig des neben seinem Sitz stehenden Baumes und antwortete daraufhin:

Die Reisen SUKREHALAS und TAVACHUTAS sind immer eine anziehende, lebhaft spru-delnde Quelle der Inspiration für weise Wissenschafter. Wie könnte der Nutzen von allerlei Soldaten, welche Gelegenheit erhalten, zur rechten Zeit über diese Reisen zu hören, nicht un-vergleichlich sein?

 

O RIGOLA, o Angehörige eines wie unüberwindlich scheinenden Heeres, SUKREHALA hoff-te stets, an Orte zu gelangen, wo sich das Material willig und leicht den geistigen Gegebenhei-ten anpassen würde, TAVACHUTA hingegen hoffte auf eine Segnung des DREUCOSIDEN. Die beiden Freunde achteten, wohin sie auch gingen, sehr aufeinander. Sie waren an Informati-onen über die Frau, deren Namen ich nicht nennen werde, jeder aus bestimmten Gründen, überhaupt nicht interessiert, nein, sie töteten sogar gemeinsam den selbstverwirklichten Groß-meister JANAKAR, als dieser ihnen unaufgefordert Wissen über diese bestimmte Frau vermit-teln wollte.

 

Da weder SUKREHALA noch TAVACHUTA die Frau jemals erwähnten und sich selbst im-mer auf eine sehr enge, herzlich anzuschauende Weise freundschaftlich zu einander verhielten, wurden die beiden oft als ein entsagungsvolles, homosexuelles Paar angesehen, und sie erfuhren großen Respekt. Oft kam es vor, dass SUKREHALA und TAVACHUTA in gleicher Kleidung, mit vom selben Meister gefertigten Helmen und Waffen und auf ähnliche Weise geschmückt auftraten. Dann bewunderte man sie sehr, wohin sie auch kamen.

 

Von ihren beruflichen Auftraggebern, den überall hoch geachteten, homophilen THEELE-Königen THOSMOTES und SERVAKIM, waren SUKREHALA und TAVACHUTA nach einigen erfolgreich vollzogenen Installationen von Reisemarken mit besonderen Vollmachten ausgestattet worden, die ihnen das weitere Reisen sehr erleichterten. Die beiden übten ihre In-stallationstätigkeit an weit, weit entfernten Orten mit speziellen Gegebenheiten aus, und da sie aufmerksam waren, Gifte vermieden und in vorzüglicher Hingabe handelten, vermehrte im Lau-fe der Zeit jeder von ihnen nicht nur seine materiellen und spirituellen Reichtümer, sondern beide erlangten auch wirksame, mystische Fähigkeiten und viele Arten von Fachwissen. Hierbei interessierte sich der hellhäutige SUKREHALA insbesondere für den Wagenbau, TAVACHUTA mit der dunkleren Körperhaut sammelte große Erfahrungen in Geologie, Ge-staltungsmechanik und in der Navigation von Gegenständen vermittels von in rechter Weise hervorgebrachten Worten. Beide gemeinsam versuchten, den kleinen Herrn HUBARA zufrie-denzustellen, um bei dem König der auf Tuffstein wachsenden Pilze und Moosflechten über Schäume und über Klebstoffe studieren zu dürfen. Als HUBARA die Konstellation in Erfah-rung brachte, in welcher sich SUKREHALA und TAVACHUTA bewegten, lehnte er ihre Op-fer jedoch ab. Über die Gründe hierfür werde ich gleich in zufriedenstellender Ausführlichkeit sprechen.

 

Als PUNUGARA seinen Bericht bis hierher der riesigen Menge der Heeressoldaten dargebracht hatte, rief von irgendwoher aus dieser Menge eine Stimme: „Ho, PUNUGARA! Bitte sprich in diesem Zusammenhang doch auch über TAVACHUTAS Ansinnen an RUMA, die direkte Ein-flusssuche auf physikalische Vorgänge von ihr erlernen zu wollen! Heilige, die ihren Ruf darauf gründen, dass sie bestimmte Sachverhalte einfach verschweigen, bleiben nicht lange in Ruhm und Gesundheit!“

 

PUNUGARA, der dem Zwischenrufer mit einem Lächeln gelauscht hatte, erwiderte sofort mit freundlicher Stimme:

Ich kenne Deine Stimme wohl. MEDA bist Du. Du warst bei VASUDEVA, dem Wasserteufel - jenem Narren, der von sich verbreiten ließ, er sei der  Ewige Kontrolleur weiblichen Betruges und weiblichen Zorns - einst Offizier, und Dein Eigensinn im Umgang mit den Toten hatte Dich vor diesem in ernstliche Schwierigkeiten gebracht. Vor der einen Schlacht - jener des VA-SUDEVA-Herrn mit dem WAAGE-Kaiser - bist Du mutlos desertiert, MEDA. Was suchst Du nun in der Nacht vor einem anderen, großen Krieg mitten unter ehrbaren, tapferen Soldaten?

 

Ohne weiteren unnötigen Lärm zu verursachen, töteten, einem Wink ihres Anführers RIGO-LAS schweigend Folge leistend, drei Soldaten in der Nähe des von PUNUGARA mit dem Na-men MEDA Angesprochenen diesen, und PUNUGARA fuhr daraufhin in seinen Ausführungen ungestört weiter fort:

 

O RIGOLA, Heilige, die den Wind fürchten, weil sie glauben, er würde das ungestörte Brennen ihrer Opferfeuer stören wollen, sind für Dich nur Narren! Es war das schreckliche Schicksal schon sehr vieler, großer Lügner, dass ihre allerbizarrste Erfindung sich plötzlich als mit der Wahrheit in allen Teilen völlig identisch erwies. Nachdem die Art des bevorstehenden Kamp-fes, die Waffenführung und der Austragungsort zwischen SUKREHALA und TAVACHUTA beschlossen worden waren, achteten die beiden mit sorgsamem Bedacht darauf, einander wäh-rend der verbleibenden Zwischenzeit immer nur ganz die Wahrheit zu sagen. Dafür bekamen sie später von König PALE und seiner Frau - einem Paar, welches mit Selbstlosigkeit gepaarte Wahrhaftigkeit stets mit großzügigen Segnungen achtete - jene besondere Insel geschenkt, auf welcher ihr entscheidender Streit Austragung finden sollte.

 

Lieber RIGOLA, bevor jemand für seine Arbeit irgendeinen Lohn erwartet, sollte er immer all jenen ein Opfer bringen, die durch unerforschliches Wirken immerfort in harter Weise tätig wa-ren und dennoch nicht vergütet wurden. Dieser Grundsatz gilt uneinschränkbar auch für die Ausübung des Kriegshandwerks. Selbst nach der angestrengtesten und redlichsten Arbeit ist die Durchführung eines solchen Opfers unbedingt erforderlich, da sonst das Arbeitsergebnis von den Auswirkungen der Selbstgerechtigkeit des Tätigen bedeckt bleibt und die Würdigung des Tätigen wie auch seines Tatwerkes raschen Verfallserscheinungen unterliegen.

 

SUKREHALA und TAVACHUTA erlangten im Verlaufe von sechsundzwanzig Reisen und drei weiteren Reisen einen hohen Bewusstheitszustand, in welchem gefestigt die negativen As-pekte des Wirkens von Zeit endlich völlig darauf verzichteten, weiterhin störenden Einfluss auf sie zu nehmen. Wie zwei große, transzendentale Heilige bewegten sie sich je nach den Erfor-dernissen ihrer beruflichen Aufgaben von Ort zu Ort. So kamen sie nach VRLKASTERO.

 

PUNUGARA sprach weiter:

Mein lieber RIGOLA, sicherlich bist Du sehr erstaunt darüber, wie SUKREHALA und TAVACHUTA diese Stadt überhaupt erreichen konnten. Unter anderem deshalb ist es für das weitere Verständnis meines Berichtes sehr entscheidend, von einem Gespräch zu hören, wel-ches der DREUCOSID mit HUBARA, dem König der Kleingewachsenen, führte. Dieses Ge-spräch ist ein sehr vertrauliches Gespräch, und es ist nicht leicht, es in rechter Weise aufzufas-sen. Dennoch werde ich jetzt versuchen, es Euch nahezubringen. Hört also mit größtmöglicher Aufmerksamkeit weiter:

 

Der DREUCOSID besucht König HUBARA

 

PUNUGARA berichtete:

Nach seiner Rede an das CELOID war der DREUCOSID nicht wie später SUKREHALA und TAVACHUTA nach THEELE weitergewandert, sondern er hatte einen Weg nach Nordwesten eingeschlagen. Da er seines CELOIDS auch nach langer Zeit des Voranschreitens nicht ansich-tig werden konnte, war der DREUCOSID endlich sehr bekümmert geworden. In einem Wald-dorf, das von gastfreundlichen Dämonen bewohnt war, hatte er seine Reise unterbrochen, um viele Male denselben Brief auf Holzpapier zu schreiben. Daraufhin hatte er sich weiter durch den Wald bewegt.

 

O General ortskundiger Offiziere, dieser Ozean von Bäumen hier erstreckt sich in nordwestli-cher Richtung über die Größe Deines Heimatkontinents. Wer die betreffende Richtung sowie sein persönliches Lebensziel nie vergisst, während er durch diesen Wald geht, kann, wenn ihn sein Glück nicht verlässt, in jene Gegend gelangen, welche man als das Reich des zwergen-wüchsigen Königs HUBARA kennt, und wer viele Jahre lang die Überlieferungen von der be-sonderen Psyche des Königs aufmerksam - und ohne jemals dabei zu lächeln - studiert hat, kann dort sogar HUBARA selbst begegnen. So jemand wird, solange er tapfer schweigt und seine Hände nichts ergreifen lässt, keinen Schaden nehmen.

 

Den gelben DREUCOSIDEN, als er an besonderen Veränderungen der Pflanzen- und Tierwelt sowie an bestimmten anderen, ihm vertrauten Anzeichen erkannte, dass er sich in HUBARAS Reich befand, verließ alle Besorgnis. Er stellte sich vorschriftsgemäß bewegungslos auf und begann, nach dem König zu rufen. Bereits nach sehr kurzer Zeit wurde HUBARA von seinen immer sehr aufmerksamen Untergebenen auf den rufenden DREUCOSIDEN hingewiesen, und sofort erhob sich der Zwergenkönig über die Maßen erfreut von seiner Meditationsliegestatt, um dem wartenden DREUCOSIDEN persönlich entgegenzuschreiten, wobei er, wie bei den meisten seiner Unternehmungen, von RUMA in selbstverständlicher Weise begleitet wurde.

 

Als König HUBARA des DREUCOSIDEN ansichtig wurde, schlug er vor Freude mehrere Ma-le seine Handflächen gegeneinander und Flüssigkeit troff von seinen Lippen. Nachdem RUMA, die anwesende Gemahlin des Königs, diesem mit einigen Worten seine Selbstbeherrschung zu-rückgegeben, den DREUCOSIDEN sehr freundlich begrüßt und sich daraufhin zurückgezogen hatte, sprach HUBARA:

 

„Ei, mein lieber DREUCOSID! Wie erfreut ich bin, Dich zu sehen! Dein Anblick ist labend wie der meiner flauschköpfigen Lieblingsente TRIBAKA, ach was, er schmeichelt alten Augen wie den meinen noch sehr viel mehr! Sage mir doch rasch, DREUCO, ob das liebliche CELOID-CHEN sich auch ganz wohlauf befindet?! Man hört ja hier unter den Pilzen allerlei und kann nie wirklich darauf vertrauen, dass es wahr ist, da ist einem der persönliche Bericht doppelt lieb.

 

Ist denn mein DREUCO auch satt genug, und hat er genügend Zeit mitgebracht, für ein Plau-derstündchen im Moos? Hu, wie ich mich freue! Hu! Eine Aufregung rumort in meinem alten Herzen, als wäre mir meine Verlobte aus meiner Jugendzeit wiederbegegnet! DREUCO, DREUCO! Wir werden die Königin bitten, uns auf der kleinen Lichtung persönlich ein Mahl zu servieren, und dann werden wir es uns wohlsein lassen! Ach, mein lieber, treuer Freund, Du bist bestimmt so prall angefüllt mit besonderen Neuigkeiten, wie mein kleiner, härener Drecksack da in der Ecke mit getrockneten Hautstücken von Pfifferlingshüten! DREUCOSID, DREU-COSID!

 

In dieser Weise immer fortsprechend, zog HUBARA den DREUCOSIDEN mit sich, hin zu einer nahe gelegenen Waldlichtung, deren Beschaffenheit in jeder Hinsicht sehr ergötzlich war. Verglichen mit den Wundern des Waldes, über welchen der Zwergenkönig seit sehr langer Zeit souverän herrschte, war dieser Wald nur wie eine Wüste, die Lichtung hingegen glich einer strotzenden Oase in dieser Wüste. König HUBARA bot dem DREUCOSIDEN einen bevor-zugten, weichen Sitzplatz an und gab immer wieder mit den vertraulichsten Zeichen seiner gro-ßen Freude Ausdruck, ja er entließ sogar völlig ohne Scheu einen Schwall Gas aus seinem Anus, und er kommentierte dieses Opfer mit überaus persönlichen Worten, welche ich nicht in ent-sprechendem Standard wiederzugeben vermag.

 

O RIGOLA, der Du den Lärm von Söldnern nur durch eine Bewegung Deiner Brauen völlig zum Versiegen zu bringen vermagst! O Wagemutigster unter den Piloten, der Du durch Deine Flugfahrten große Erfahrungen mit bestimmten Sichtperspektiven sammeln konntest! Der DREUCOSID sah auf der Waldlichtung sehr, sehr schön aus. Als RUMA, von der häufig gesagt wird, dass sie jeglichen Wunsch ihres Gemahls besser erfüllt, als er gewünscht wurde, des DREUCOSIDEN inmitten der Blumen und Beeren, der Kräuter und Pilze, beleuchtet von der durch die hohen Baumkronen scheinenden Sonne und umgeben von den Düften der Wurzeln, ansichtig wurde, traten ihr Tränen der Rührung in die Augen. HUBARA beruhigte den darüber erstaunten DREUCOSIDEN mit dem Hinweis, dies geschähe RUMA häufig aus reiner Liebe zu ihrem Königsgemahl, und der DREUCOSID wie auch RUMA gewannen sofort ihre Fassung zurück.

 

Nachdem sich der DREUCOSID und König HUBARA an ausgezeichneten, von RUMA selbst mit großer Hingabe hergerichteten Speisen und mit einem besonderen Saft einer bestimmten Beerenart [Vaccinium vitis-idaca] gestärkt hatten, und nachdem HUBARA dem DREUCOSI-DEN sein Rauchgerät gereicht und dieser es zurückgegeben hatte, kam der DREUCOSID auf einen wichtigen Grund seines Besuches bei HUBARA zu sprechen.

 

Der DREUCOSID sagte:

Lieber, guter Waldkönig, Hüter vieler Geheimnisse und Angetrauter der tiefen Weisheit einer ganzen Welt. Du bist seit langem mein Freund. Du bist der Bevollmächtigte Beherrscher der vielen tausend dunkelbunten Üppigkeiten, in denen ein Wissen lebendig ist, das keiner beson-deren Bildung bedarf. Aberwitzige Narren nennen Dich Wicht, und Du wiegst sie mit vielen sinnreichen Scherzen lange in falscher Sicherheit - bevor Du sie dann plötzlich Deine eigentli-che Größe sehen lässt. Wer glaubt, dass der Weg zu Dir leicht sei, vermag Dich zwar zu treffen, doch erreichen kann er Dich nie. Nach der Freude in Deinem hohen Alter sehnen sich die Kin-der der Himmlischen, und dass Du mit nur einem Haar Deines ehrwürdigen Bartes besser um-zugehen verstehst, als viele Götter mit den kompliziertesten technischen Gebrauchsgegenstän-den, bringt Dir immer wieder neu die seltsame, treue Liebe Deiner herzlichsten der Ehefrauen ein. Deshalb bist Du der Bewahrer des größten Schatzes im Universum, und alles Gold und Silber und alle Bergkristalle schämen sich in Deinen ausgezeichnet verborgenen Truhen ihrer Aufdringlichkeit vor Deinen wirklichen Wünschen.

 

Als das CELOID und ich uns in höchster Not befanden, hast Du Dich mit dem Risiko Deiner völligen Vernichtung ohne jedes Zweifeln unserer sofort wirksam angenommen, und deshalb bist Du seither für immer unser Freund. Niemals verebben die Sorgen derer, die Dich mit einer Flut von Wünschen behelligen, und niemals wirken Deine Flüche negativ auf Dich selbst zu-rück. Du bist der rechtmäßige Genießer vieler kleiner, in Herzlichkeit und Vertrauen darge-brachten Opfer, der allervertrauteste Kamerad derer, die nicht hören und nicht sehen können, und Du trägst die Feder eines Entenkükens an Deinem wundertätigen Hut.

 

Mein lieber, lieber Freund! Als Unsichtbarer vollführst Du seltsame Spiele, die die Bewohner höherer Welten am Ende stets mit Verwunderung und scheuer Ehrfurcht erfüllen. Du weißt alles über Pflanzen, und Du schenktest meinem CELOID eine Blume. Als furchtloser General derer, die Borsten, Stacheln, Beißzangen, Giftdrüsen und so fort ihre Waffen nennen, genießt Du höchsten Respekt bei unüberschaubar großen Legionen kämpferischer Lebewesen, deren Feindschaft sogenannten Helden unweigerlich den Tod bringt.

 

In den Bereichen des Zorns giltst Du als der Kenner, als der Tröster und als der gütige Besänf-tiger. Bitte vergiss niemals, dass ich sehr, sehr gern Dein lieber Freund bin. Ich erweise Dir und allem, was Dich kennt, meinen tiefen Respekt und biete Dir jederzeit jegliche Hilfe an, die ich nur zu geben vermag.

 

Lieber Freund und König, HUBARA, wohltätiger Meister des Waldes, der Du wie ein ganz kleiner Mensch durch eine riesig große, würzige Welt voller Wunder zu wandeln scheinst! Du, der Du wie mein CELOID die reifen, bunten Beeren so sehr gern siehst! Einer der Gründe für meinen Besuch bei Dir ist leider die mich sehr bekümmernde Tatsache, dass mein CELOID sich gegenwärtig in einer äußerst bedauernswerten Lage befindet. Um ihm in dieser speziellen Situation sofort liebevoll beizustehen, habe ich, der DREUCOSID, einen Brief verfasst. Dieser Brief hat achtundfünfzig gleichlautende Exemplare, und er soll von ebenso vielen mächtigen Persönlichkeiten empfangen werden. Über den Inhalt des Briefes bestehen – besonders, was die Art des Beistandes betrifft, welchen in darin erbitte – daher bei mir noch verschiedene Unklar-heiten.

 

Lieber, gütiger, alter Freund! Da Du in solchen Angelegenheiten das geduldigste Wesen bist, das ich kenne, möchte ich Dir meinen wichtigen Brief gern vorlesen, um daraufhin möglicher-weise die wertvolle Segnung Deiner weisen Meinung zu erlangen. Was sagst Du dazu? Ist meine Bitte zur Zeit angebracht? Kann jemand wie ich, der von außen betrachtet nur eine einzige Gemeinsamkeit - die Körpergröße - mit Dir besitzt, Dich für sein Problem interessieren?

 

PUNUGARA fuhr fort:

König HUBARA war bei den letzten Sätzen des DREUCOSIDEN sehr ernst geworden. Tat-sächlich, meine lieben Soldaten, die hellblauen Augen des alten Herrschers blitzten wie in der Sonne glänzendes, gestähltes Metall und seine Brauen trafen sich über seiner mächtigen Nase, als er vom DREUCOSIDEN kategorisch verlangte, dieser möge ihm den gesamten Wortlaut seines Briefes unverzüglich vortragen. Der DREUCOSID nahm hieraufhin ein Exemplar seines Briefes aus Papier in seine Hände, und er verneigte sich vor König HUBARA, vor dem Wald und vor der Richtung, in welche RUMA fortgegangen war.

 

Der DREUCOSID las vor:

© Robert L. Sanatanas 2017

Der Brief des Dreucosiden

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