‚Schon wieder fünf Stockwerke wegen ein paar Fotografien’, dachte ich wütend, ‚und schon wieder ist er nicht da!’ Eine Weile noch ließ ich meinen Finger fest auf dem harten, kleinen Klingelknopf und hörte dem hässlichen Schrillen zu, dann stieg ich die Treppen langsam wieder hinab.

 

Damals, als wir das Denkmal fotografierten, inmitten von Japanern mit Mengen von Kameras um die Hälse, die allesamt Japaner mit umgehängten Kameras vor dem Denkmal fotografierten, war er mir mit einer seiner gewagten Spekulationen auf die Nerven gegangen: Dass nämlich Personen, welche Dinge oder Personen abbildeten, dem Original immer auch ein Stück seines Lebens fortnehmen würden. Er konnte das zwar technisch nicht begründen, führte aber einige historische und mystische Fakten an, die ich bedenkenswert gefunden hatte: „Als die ersten weißen Maler zu den Dakota in die Prärie kamen und farbige Häuptlingsporträts malten, wurden sie am Ende dafür skalpiert!“, sagte er. „Die Häuptlinge sahen sich auf den Leinwänden so gut getroffen, dass sie meinten, der Maler hätte ihnen die Seele entzogen. Und Yogis lassen sich überhaupt nicht fotografieren“, hatte er gesagt, „dadurch gehen ihre übersinnlichen Fähigkeiten sofort verloren…“

Jetzt brauchte ich die Fotografien für eine Dokumentation, und er war zum dritten Male nicht in seiner Wohnung. Immerhin hing diesmal am Hausbriefkasten ein Kärtchen für jemanden anderen, auf welchem stand, dass er gegen 18 Uhr eintreffen würde. Ich schwitzte und ärgerte mich maßlos, dass ich es nicht vor dem Hinaufklettern bemerkt hatte.

 

Als ich wieder aus der Haustür trat, in die blendende Helle des Nachmittags, war mein Fahrrad weg. Ich schnappte mir sofort den kleinen, blitzäugigen Perser, der mit verheuchelt unbeteiligtem Gesicht auf der Treppe saß. Er wand sich in meinem Griff und rief laut, er sei erst fünf. „Ich schüttle Dich, bis Du fünfzig bist!“, drohte ich noch lauter, „Sag sofort, wer gerade mein Fahrrad geklaut hat!“ „Erst loslassen!“, schacherte er. „Erst sagen!“ „War Bruder. Aber kommt gleich wieder.“ „Bestimmt?“ Ich setzte das zappelnde Bündel auf der warmen Treppe ab und setzte mich daneben. Er hockte selbstverständlich da und blinzelte in die Nachmittagssonne. „Macht Bruder immer“, sagte er, „Aber bringt auch immer wieder.“ Er blinzelte weiter.

 

Ich musste ohnehin warten, also blieb ich sitzen. Eine Weile saßen wir stumm nebeneinander. Dann wollte der Kleine auf. „Dageblieben!“, befahl ich streng. „Du bist meine Geisel!“ Tatsächlich erschien bald ein dem kleinen Perser überaus ähnlicher, noch kleinerer Perser und hockte sich noch selbstverständlicher neben uns. „Wo ist das Fahrrad?“ grunzte ich. Der zweite Perser tauschte mit dem ersten einen sehr, sehr hinterhältigen Blick. „Der mit Fahrrad ist anderer Bruder“, sagte der erste Perser. „Müssen noch warten.“ Stoisch wie zwei alte Männer gafften die beiden in die Sonne. Nach einer Viertelstunde waren wir zu fünft, es waren noch zwei weitere Brüder eingetroffen, die es alle nicht gewesen sein wollten. Vier, fünf, sechs und acht Jahre alt waren sie.

Wir saßen und glotzten. Ab und an rückten wir ein wenig zur Seite, wenn Hausbewohner von der Arbeit kamen oder zum Einkaufen wollten. „Wie viele seid Ihr insgesamt?“ „Fünf“, sagte der Älteste. „Hast Du Zigarette?“ Ich schwieg. „Hast Du Haschisch?“ Ich schwieg weiter. „Kaufst Du uns Coca- Cola?“

 

Es dauerte noch lange. Dann hielt es der Sechsjährige nicht mehr aus. „Bruder kann nicht kommen!“, sagte er. „Mir egal“, knurrte ich. „Ich will mein Fahrrad wiederhaben.“ Die kleinen Bestien flüsterten auf Persisch, dann sagte einer: „Gut. Du kommen.“ „Wohin?“ „Zu Bruder.“ „Ach, Ihr wisst, wo er ist?“ „Ist in Schuppen.“ „Wenn Ihr mich veräppelt, werdet Ihr fürchterlich leiden!“, sagte ich, und ich folgte den vier ziemlich verstaubten, kleinen Gestalten misstrauisch hinter die Mietskaserne, wo sich eine Art Remise mit vielen Holztüren befand. Vor einer dieser Türen blieben wir stehen. „Fahrrad da drin. Bei Bruder. Komm.“, sagte der Älteste. „Aber Bruder bisschen komisch, weißt Du…“ „Sehr großer Bruder, wie?“, fragte ich vorsichtig. „Nein, sieben.“  „Zu dumm. Hätte ich mir auch denken können!“

 

Im Schuppen war es stockfinster. Das erste, was ich sah, war mein Fahrrad, es lehnte an einer der Holzwände und schien unversehrt. Dann sah ich den Bruder. Er saß in einer Ecke des Raumes, in einem billigen Rollstuhl. Er schielte ein bisschen, hatte einen spastisch verdrehten, dünnen Arm an der einen Körperseite und an der anderen gar keinen. Von seiner schlaff herunterhängenden Unterlippe troff Sabber.

„Hallo“, sagte ich zu ihm. Er stieß einen Laut aus, eine Art leisen Eulenschrei, der gut zu dem Dämmerlicht passte, in dem er saß. „Und der hat also mein Fahrrad geklaut?“, fragte ich die vier anderen kleinen Kerle. Sie standen stumm da und guckten herum. „Seid Ihr irre, dem da Eure Klauereien in die Schuhe zu schieben?“ Sie standen weiter da und guckten herum. „Na, ich hab’s ja wieder“, sagte ich. „Hört mal – versteckt Ihr Euren Bruder hier? Es ist doch schönes Wetter draußen. Fahrt ihn doch in die Sonne. Licht findet er bestimmt gut. Stimmt’s, Du findest Sonne gut!“ Der Junge im Rollstuhl entließ weiteren Sabber aus seinem Mund und äußerte sich erneut vermittels eines Eulengekrächzes. „Will nicht auf die Straße“, sagte der kleinste Perser. „Denkt über sein Leben nach!“ „Wie bitte?“ Der Achtjährige nickte. „Willst Du mal sehen, wer er werden will?“ Ich schaute verständnislos und lehnte mein Fahrrad wieder an die Wand. „Komm mal“, sagte der Perser. Wir traten an den Rollstuhl heran. „Gib ihm mal!“, sagte der Kleine zu seinem Bruder. „Er will auch mal sehen, wer Du werden willst.“

 

Er versuchte, der verkrümmten Hand an dem spastischen Arm etwas zu entwinden, aber der kleine Kerl in seinem Rollstuhl schaute mich erst lange prüfend an, mit schräggelegtem Kopf und speichelndem Mund, bevor seine Finger das Stück Papier endlich freigaben, das sie umklammert hatten. Es war ein Foto, und ich musste mein Feuerzeug anknipsen, um es deutlich erkennen zu können. Auf der farbigen Fotografie waren viele andere angezündete Feuerzeuge zu sehen, an den Armen von begeistert schauenden Leuten, die sie in die Luft hielten. Weiter oben auf dem Foto, weiter oben in dem Raum, den es abbildete, stand auf einer strahlend erleuchteten Bühne ein junger, schlanker Mann in einem goldenen Anzug. Es war Michael Jackson, aufgenommen während eines seiner Großkonzerte. Abwechselnd sah ich auf das Papier und auf den Kleinen in seinem Rollstuhl, so lange, bis das Feuerzeug in meiner Hand heiß wurde. „So wie der hier willst Du also einmal werden“, sagte ich. Die Antwort waren ein weiterer Eulenruf und etwas auf Persisch, etwas mühsam Gelalltes. „Er will nicht so werden wie er“, übersetzte der Fünfjährige. „Er will er werden.“ Ich nickte. Ich griff mir mein Fahrrad und trat in die Sonne.

 

Vor der Tür drehte ich mich noch einmal um. Da standen die kleinen Burschen und guckten. „Aber Michael Jackson gibt es doch schon“, sagte ich leise. „Das ist ihm egal“, sagte der Achtjährige. Ich lief zurück zur Haustür. Diesmal schloss ich das Fahrrad ab, und gerade, als ich den Schlüssel eingesteckt hatte, kam der, mit dem ich verabredet gewesen war, und sagte: „Hier brauchst Du nichts abschließen. Hier klaut keiner was.“

 

© Robert L. Sanatanas 2017

Der Dieb

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